Wäre Technik eine olympische Disziplin, könnten die Europäer in Peking einpacken. Die Chinesen stehen ganz oben auf dem Treppchen, wenn man die Summe aller Erfindungen betrachtet, die die Menschheitsgeschichte in den letzten Jahrhunderten grundlegend verändert haben. Ohne den Steigbügel aus China beispielsweise wären Europas Ritter in hohem Bogen aus dem Sattel geflogen, und ohne die Schießpulver-Idee aus dem Reich der Mitte lebten wir vielleicht heute noch im Zeitalter gepanzerter Reiter. Aber auch den Pflug mitsamt den Grundlagen der Agrartechnik, die Herstellung von Gusseisen, den Kompass, die Papierproduktion und Geldscheine hatten die Chinesen oft Jahrhunderte, manchmal mehr als ein Jahrtausend früher als die Europäer. Und schon vor 3000 Jahren wussten die Chinesen, dass gegen die Pocken eine vorbeugende Ansteckung mit geringen Mengen des Erregers hilft. Sie schnupften den zerriebenen Schorf der Pusteln – die erste Schutzimpfung. Ohne die Überlieferung des medizinischen und technologischen Wissens sähe es heute in Europa sicher anders aus.
HISTORISCHE MAHLZEIT
Das gebündelte Wissen, in welchen Disziplinen die Chinesen vorne lagen, füllt Lexika. Acht Bände stark und mehrere Tausend Seiten lang ist das Sammelwerk „Science and Civilization in China” , das der Guru der Wissenschaftshistoriker Joseph Needham bis zu seinem Tod vor 13 Jahren füllte. Seither weiß man: Mehr als die Hälfte aller grundlegenden Erfindungen haben die Chinesen vor den Europäern gemacht. Selbst die Nudel, das vermeintlich italienische Ur-Gericht, hat ein chinesisch-britisches Archäologenteam vor drei Jahren als Plagiat enttarnt: 4000 Jahre alt ist der Nudelhaufen, den die Forscher in Laja im Nordosten Chinas gefunden hatten – gut doppelt so alt wie die ältesten vergleichbaren Speisereste, die aus der westlichen Welt bekannt sind. Unter den großen chinesischen Erfindungen ist auch das Papier. Der älteste bekannte Papierschnipsel stammt aus dem Jahr 140 vor Christus. 1957 fanden ihn Archäologen in einem Grab der chinesischen Provinz Shaanxi. Von dort aus hat das vielseitige Material in vielen Ausführungen und Formen seinen Siegeszug angetreten. Jahrhundertelang wurde Papier in China als Kleidung getragen, fungierte als Verpackung und als Rohstoff für Papp-Rüstungen, war Dekoration und natürlich Schreibmaterial für die stattliche chinesische Bürokratie.
Die Idee, aus Holz und Stroh Papier zu machen, kam im 12. Jahrhundert über arabische Staaten nach Europa. Als es hier langsam die Schreibstuben füllte, hatte es sich in China längst an einem anderen Örtchen breit gemacht: Erste Berichte über Toilettenpapier stammen aus dem Jahr 600 nach Christus. Im 14. Jahrhundert weisen Aufzeichnungen des kaiserlichen Amtes für Versorgung bereits eine Produktion von Zigmillionen Blättern Toilettenpapier aus. Da steckte Europa noch tief im schmutzigen Mittelalter.
„Die Technik in China war unserer bis vor 200 Jahren weit überlegen”, stellt Hans Ulrich Vogel fest. Der Sinologie-Professor erforscht an der Universität Tübingen die Wissenschafts- und Technikhistorie Chinas und kann viele Geschichten erzählen, wie Chinas Ideen in den Westen fanden. Einem Jahrhunderte währenden Industrie-Thriller gleicht das Bestreben der Europäer, das Rätsel des Porzellans zu lösen. Die Chinesen produzierten es bereits über 1000 Jahre lang, als der Handelsreisende Marco Polo 1295 Fundstücke davon nach Europa brachte – und Begeisterung auslöste. Jeder wollte plötzlich Vasen, Becher und Kunstgegenstände besitzen, die nicht mehr aus verglastem Ton waren. Sie sollten aus dem absolut wasserdichten Material bestehen, bei dem Ton und Glasur miteinander zu einer neuen Substanz verschmolzen.
Spione schwärmten aus, um das Geheimnis der Herstellung zu lüften, jesuitische Missionare wurden zur Mithilfe angestiftet, Händler vor Ort sollten den Grundstoff des Porzellans besorgen, weißen mineralreichen Ton. Doch die Chinesen hüteten sowohl die industriellen und bürokratisch organisierten Brennöfen sowie die Vorkommen der Porzellanerde als Staatsgeheimnisse. Erst im 16. Jahrhundert gelang es portugiesischen Händlern, den Rohstoff in die Hand zu bekommen. Nach zahllosen Experimenten, der Suche nach eigenen Rohstoffen und Fehlschlägen bei der Steuerung der Öfen hatten die Europäer dann im 18. Jahrhundert Erfolg. 1700 Jahre nach China konnte unser Kontinent sein eigenes Porzellan vorweisen.
Erfolgreicher verlief das Spionieren beim Kompass. Schon vor 2300 Jahren wiesen magnetische Steine, sogenannte Südzeiger, chinesischen Jade-Sammlern die Himmelsrichtung. Der Kompass, wie wir ihn kennen, entstand allerdings erst 1100 nach Christus und half als drehbar gelagerte, magnetisierte Eisennadel in Fischform chinesischen Seefahrern beim Navigieren. Schon knapp 90 Jahre später tauchten gleichartige, südwärts zeigende Magnetfischchen auf europäischen und arabischen Schiffen auf. Die Erfindung war wohl samt der Anwendung geklaut worden.
IDEENRÄUBER GUTENBERG?
Bei manchen Erfindungen liegen die Wege gen Westen völlig im Dunkeln. Von „Ideendiffusion” spricht Hans Ulrich Vogel, wenn sich Errungenschaften von Mund zu Mund verbreiteten. Doch wo genau verläuft die Grenze zwischen Ideenklau und Inspiration? Berühmtes Beispiel: der Buchdruck. Ob es wirklich der Mainzer Johannes Gutenberg war, der den Druck mit beweglichen Lettern erfand, oder ob er zuvor gen Osten geschielt hatte, diskutieren bereits Generationen von Historikern. Belegt ist, dass die Chinesen, um die staatliche Bürokratie zufriedenzustellen, bereits 300 nach Christus Texte auf Papier druckten. Sie ritzten die Schriftzeichen in Stein und pausten sie mit Tusche ab. Vollständige Bücher folgten 600 Jahre später.
Das erste Massenbuch in Hochdrucktechnik ist eine Sammlung buddhistischer Schriften aus dem Jahr 950, von dem noch mehr als 400 000 Exemplare erhalten sind. Etwa zur gleichen Zeit experimentierte ein Chinese namens Bi Cheng damit, die Drucktechnik flexibler zu machen. Er setzte schon im 11. Jahrhundert auf bewegliche Lettern aus Keramik. In der Folge entstanden genormte Blöcke aus Holz, Kupfer und Blei sowie Messing-Buchstaben, mit denen nachweislich gedruckt wurde. Gutenberg dagegen „erfand” dieses System mit seiner Bibel erst 1455 in Mainz. Alles geklaut? „Ja”, folgerte Joseph Needham vor über 20 Jahren. Die Idee sei vermutlich über Russland und arabische Kaufleute in das Umfeld Gutenbergs nach Mainz gelangt. „ Nein”, antwortet Vogel heute. Der Sinologe spricht stattdessen von einer „autochthonen Entwicklung”: Wohl seien die Chinesen die Ersten gewesen, die drucken konnten, und Gutenberg hätte von diesen Möglichkeiten des Drucks auch erfahren können. Doch weil es dafür keinen Nachweis gibt, sagt der Tübinger, könne Gutenberg zu Recht als Erfinder des Buchdrucks in unseren Breiten gelten. Die Begründung, die Vogel für die Urheberschaft des Mainzers anführt, ist zugleich die Ehrenrettung für viele Ideen westlicher Erfinder: „Oft wurden die Erfindungen in China zwar benutzt, aber es wurde nicht weiter darüber nachgedacht.”
Erst in Europa machten Tüftler aus den Ideen Technologien. So verbreitete sich der Gutenberg-Druck hierzulande explosionsartig, während in China bis ins 19. Jahrhundert die beweglichen Lettern wegen der großen Anzahl von Schriftzeichen eine Ausnahme blieben. Den Kompass setzten erst die Europäer erfolgreich in Bergwerken ein. Manchmal ließen auch Kleinigkeiten den Funken überspringen: Ein Propellerspielzeug aus China, dessen Rotor die Menschen dort seit 400 nach Christus mithilfe einer Schnur in Drehung versetzten und in die Luft steigen ließen, faszinierte den Briten George Cayley 1809 derart, dass er sich wissenschaftlich damit auseinandersetzte. Heute gilt seine Studie als Geburt der modernen Luftfahrt. Auch die europäische Naturwissenschaft wurde durch chinesische Technik beflügelt: Aus den Forschungen zur Porzellanherstellung entstand im 18. Jahrhundert in Europa einer der größten Durchbrüche der Geologie – die Überzeugung nämlich, dass die Erdkruste aus heißen, flüssigen Lavaströmen entstanden ist und die Erde somit älter sein muss, als die Bibel behauptet.
Sind Ideen auch in die Gegenrichtung geflossen? Belegt ist aus der Zeit vor der Industrialisierung nur eine Erfindung, die aus Europa nach China kam: die Schraube. Sie war in China nicht bekannt, bis Jesuiten auf Missionsreise sie im Mittelalter mitbrachten. Doch die Chinesen konnten damit bis ins 20. Jahrhundert wenig anfangen. Für ihre Bauten aus Bambus und Stein erwies sich die Schraube schlicht als ungeeignet. ■
TOBIAS BECK ist Physiklehrer und Wissenschaftsjournalist. Ihn erstaunt, wie modern die chinesische Technik vor 2000 Jahren war.
von Tobias Beck
KOMPAKT
· Der Buchdruck wurde in China und Deutschland unabhängig voneinander entwickelt.
· Vor der Industrialisierung kam nur eine Erfindung aus Europa nach China: die Schraube.





