Schon die ersten Vertreter der Gattung Mensch schufen sich Werkzeuge, um Tiere zu jagen, Nahrung zuzubereiten und Felle zu bearbeiten. Archäologische Funde belegen, dass bereits der Homo heidelbergensis nicht nur Steinwerkzeuge, sondern auch hölzerne Wurfspeere nutzte. Der Neandertaler verfeinerte die Technik gegen Ende seiner Ära durch Speerschleudern, die seinen Jagdwaffen mehr Reichweite und Durchschlagskraft verliehen. Noch effektiver waren jedoch Pfeil und Bogen, die als Erfindung des Homo sapiens gelten, des anatomisch modernen Menschen. Archäologen gehen davon aus, dass sich diese Waffentechnik in Afrika schon vor rund 70.000 Jahren entwickelt haben könnte. Mit der Ausbreitung des Homo sapiens in Europa vor rund 42.000 bis 45.000 Jahren etablierte sie sich dann auch bei uns, so die gängige Annahme. Eindeutige archäologische Belege dafür fehlten aber bisher.
Mikro-Steinspitzen der ersten Einwanderer
Jetzt haben Archäologen in Südfrankreich die bisher ältesten Belege für die Nutzung von Pfeil und Bogen in Europa entdeckt. Das Team um Laure Metz von der Universität Aix-Marseille machte die Funde in der Grotte Mandrin, einem Felsunterstand über dem Rhone-Tal im Südfrankreich. Werkzeug- und Knochenfunde belegen, dass dieser Ort schon bei den Neandertalern ein beliebter Lagerplatz war. Im Jahr 2022 hatten Forscher dort auch Zähne und Knochen des Homo sapiens entdeckt, die bereits 51.700 bis 56.800 Jahre alt waren. Sie stammen demnach aus der Zeit, als sich unsere Vorfahren noch nicht dauerhaft in Europa halten konnten. Zwar wanderten immer wieder kleinere Gruppen ein, sie konnten aber keine dauerhafte Population gründen und hinterließen daher auch keine genetischen Spuren in unserem Genom. Auch in Mandrin folgte auf die erste frühe Homo-sapiens-Episode zunächst eine weitere Neandertaler-Besiedlung.

Für ihre aktuelle Studie haben Metz und ihre Kollegen mehr als 850 Steinspitzen untersucht, die aus der gleichen Fundschicht wie die Homo-sapiens-Fossilien in Mandrin stammen. Rund 40 Prozent dieser Spitzen trugen Spuren, die auf eine Befestigung am Ende eines Schafts hindeuteten. Gleichzeitig waren diese Steinspitzen im Vergleich zu den gängigen in Mandrin gefundenen Speerspitzen und Steinklingen relativ klein: Sie waren weniger als drei Zentimeter lang und am hinteren Ende weniger als zehn Millimeter dick. “Dieser Durchmesser repräsentiert eine wichtige Grenze”, sagen die Archäologen. Wenn Steinspitzen nicht seitlich an einem Stock montiert sind, sondern direkt am Ende als Verlängerung des Schafts, wie bei den Steinspitzen von Mandrin der Fall, dann darf der Schaft nicht dicker sein als das Hinterende der Spitze. “Experimente zeigen, dass ein Projektil mit dünnerem Durchmesser als sein Schaft nicht effektiv in sein Ziel eindringen kann”, erklären Metz und ihre Kollegen. Ein Speer oder eine andere Stoßwaffe mit einem weniger als einen Zentimeter dicken Schaft wäre wiederum nicht stabil und schwer genug, um eine Beute zu töten.





