Münzen für die Glaubensgenossen
Ob diese Hypothese stimmen könnte, testeten die Forscher mit einem Spielexperiment, dass sie 591 Menschen aus acht ganz verschiedenen Kulturen durchführen ließen. Die Spannbreite der Teilnehmer reichte von Jägern und Sammler in Tansania über Viehzüchter und Bauern in der Südsee und Brasilien bis zu Angehörigen von Kulturen mit Lohnarbeit in Sibirien oder auf Mauritius. Unter den Religionen waren Christentum, Hinduismus und Buddhismus ebenso vertreten wie der Glaube an Natur- oder Ahnengeister. Alle Probanden bekamen die gleiche Aufgabe: Sie sollten eine bestimmte Geldsumme zwischen einem Topf für einen entfernten, ihnen unbekannten Religionsgenossen und einem Topf für sich selbst oder ein lokales Mitglied ihrer Religion aufteilen. Alle Teilnehmer wurden zudem eingehend über ihre Glaubensvorstellungen befragt.
Das Ergebnis: “Je stärker die Teilnehmer ihre Götter als strafend und als allwissend beschrieben, desto mehr Münzen teilten sie dem geografisch entfernten, ihnen fremden Religionsgenossen zu”, berichten Purzycki und seine Kollegen. Allein der Glaube, dass der moralische Gott auch straft, wenn man seinen Geboten nicht gehorcht, führte dazu, dass der entfernte Glaubensgenosse knapp fünfmal mehr Münzen erhielt als bei Teilnehmern, die nicht an einen strafenden Gott glaubten. Die Aussicht auf eine göttliche Belohnung schien dagegen wenig Einfluss auf die Kooperationsbereitschaft zu haben, denn sie bewegte die Teilnehmer nicht dazu, dem fremden Glaubensgenossen mehr zu geben, wie die Forscher berichten.
Nach Ansicht der Wissenschaftler bestätigt dies die Hypothese, dass der Glaube an einen moralischen, strafenden Gott zu einer Ausweitung der frühen Gesellschaften beigetragen haben könnte und den Zusammenhalt auch großer Gruppen förderte. “Er verstärkt das faire Verhalten gegenüber entfernten, fremden Glaubensgenossen und trägt damit zu einer Expansion des prosozialen Verhaltens bei”, so Purzycki und seine Kollegen. In einem begleitenden Kommentar sieht Dominic Johnson von der University Oxford dies ähnlich: “Religion ist wohl der machtvollste Mechanismus, den Gesellschaften gefunden haben, um Menschen zu einem gemeinsamen Zweck zu verbinden”, so der Politikwissenschaftler. “Von den alten Zivilisationen über die Ausbreitung des Christentums bis zu den heutigen islamischen Terrorgruppen hat die Religion nicht nur das Zurückstellen des Eigennutzes für die Gruppe gefördert, sondern auch das Märtyrertum im Namen eines Gottes.”





