Spezial-Werkzeug für die Lederbearbeitung
Als eine der Techniken, die sich erst nach Ankunft unserer Vorfahren in Europa ausbreitete, galt bisher die Herstellung und Nutzung spezialisierter Knochenwerkzeuge. “Zwar stellten auch die Neandertaler manchmal Schaber und sogar Faustkeile aus Knochen her”, erklärt Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einer der beiden Leiter der Ausgrabungen. Die bisherigen Funde ähnelten aber noch stark den Steinwerkzeugen und wurden auch mit ähnlichen Techniken hergestellt. Anders dagegen die von den modernen Steinzeitmenschen hergestellten Knochenwerkzeuge: Sie hatten neue Formen und nutzten gezielt die Vorteile des leichteren und weicheren Knochenmaterials. So schliffen unsere Vorfahren die Enden von Knochen zu runden Schabern ab, sogenannten Lissoirs. Mit diesen handlichen, gut greifbaren Werkzeugen rieben sie so lange über Tierhäute, bis das Leder weich, glatt und wasserbeständiger wurde.
Solche Lissoirs hat ein internationales Forscherteam um Shannon McPherron und Marie Soressi von der Universität Leiden nun erneut in Frankreich entdeckt. Aber: Sie stammen nicht von modernen Menschen, sondern von Neandertalern. Gefunden wurden die insgesamt vier Fragmente solcher Knochenwerkzeuge bei Ausgrabungen in Abri Peyrony und Pech-de-l’Azé I, zwei Neandertaler-Lagerplätzen nahe der Dordogne im Südwesten Frankreichs. Beide Fundstätten enthalten nur Hinterlassenschaften der Neandertaler, Hinweise auf eine spätere Nutzung durch moderne Menschen gibt es nicht.
Alle vier Lissoirs waren aus Rippenknochen von Hirschen oder Rentieren hergestellt und an der Spitze zu einem Schaber geschliffen. Mikroskopische Untersuchungen enthüllten typische Gebrauchsspuren an den Werkzeugen, die darauf hindeuten, dass die Neandertaler diese Knochenschaber bereits genauso nutzten, wie später der modernen Mensch: zum Glätten und Weichmachen von Leder. „Hier haben wir ein Beispiel dafür, dass Neandertaler sich die Biegsamkeit und Flexibilität von Knochen zunutze machten und damit Arbeiten verrichteten, die sie mit Steinen nicht hätten ausführen können”, sagt McPherron.
Wer klaute die Idee von wem?
Datierungen ergaben, dass das Knochenwerkzeug aus Pech-de-l’Azé I etwa 50.000 Jahre alt ist. Es ist somit älter als die frühesten Belege zu modernen Menschen in Westeuropa und viel älter als andere spezialisierte Technologien zur Herstellung von Werkzeugen aus Knochen, wie die Forscher berichten. Ihrer Ansicht nach könnte das bedeuten, dass nicht der moderne Mensch, sondern vielmehr der Neandertaler diesen Knochenwerkzeugtyp erfand. “Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es möglicherweise zu einem ‚kulturellen‘ Transfer zwischen Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gekommen ist”, sagt Soressi. Unsere Vorfahren könnte sich dann diese Technik abgeguckt haben, als sie nach Europa einwanderten. “Dann könnte es sich dabei um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler handeln, das unsere Gesellschaft heute noch nutzt”, ergänzt McPherron.





