Wenn die Sonne über den Wolkenkratzern aufgeht, fällt das Morgenlicht auf eine Szenerie wie aus vergangenen Zeiten. Auf der Uferpromenade versammeln sich Dutzende zu Tai-Chi-Übungen, Karatekämpfer bewegen sich wie in Trance, während sich ein paar Schritte weiter Tanzpaare zu Musik der Zwanzigerjahre drehen, die aus billigen Lautsprechern scheppert. All das spiegelt Shanghais Geschichte: Traditioneller Frühsport vor der kolonialen Pracht der Uferstraße Bund und den futuristischen Glas- und Betonburgen des neuen Stadtteils Pudong auf der anderen Seite des Flusses.
Kurz vor der Mündung ins Meer strömt der Huangpu in den mächtigen Jangtse. Knapp ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt im Jangtse-Becken. Alle Waren, die Millionenstädte wie Chongqing, Wuhan und Nanjing produzieren, werden in Shanghais Häfen für den Export verschifft – ein einzigartiger Standortvorteil. Wachsen die Häfen weiter wie bisher, werden sie bald die Umschlagsmengen von Singapur und Hongkong übertreffen. „Mich beeindruckt die Geschwindigkeit, mit der alles hochgezogen wurde”, sagt Martin Kollmann, Vertreter der Bremer Spedition Karl Gross in Shanghai.
Kommunistische Zentralregierung und hemmungsloser Kapitalismus sind in China kein Widerspruch. Erst recht nicht in Shanghai, wo nach der Demokratisierungsbewegung Mitte der Achtzigerjahre alles noch größer, schneller und spektakulärer gebaut wurde als im Rest des Riesenreichs. Wenn im Westen noch über das Für und Wider eines Projekts debattiert wird, feiert man in China längst Richtfest. Shanghai protzt mit Superlativen: das höchste Hotel der Welt (im 421 Meter hohen Jin Mao Tower) und das höchste Gebäude Chinas (das 492 Meter hohe Weltfinanzzentrum). Shanghai hat mit dem Transrapid den schnellsten Zug der Welt, außerdem den am schnellsten wachsenden Flughafen und die größte Wirtschaftskraft des Landes.
Längst wird die Stadt für ihre über 20 Millionen Bewohner zu eng. Im Umland entstehen zehn Satellitenstädte für je 50 000 Menschen und mehr. Eine davon ist Anting, die Autostadt mit dem gewaltigen Volkswagenwerk und der Formel-1-Rennstrecke. Ab 2013 soll ein neuer Hochgeschwindigkeitszug die Shanghaier in nur fünf Stunden in die 1300 Kilometer entfernte Hauptstadt bringen. Dann wird noch mehr gependelt. Schon jetzt gibt es täglich über 30 Flugverbindungen zwischen Shanghai und Peking. Seit der frühere Staatspräsident Jiang Zemin, zuvor Bürgermeister von Shanghai, in den Neunzigerjahren gewaltige Finanzmittel in seine Heimatstadt gelenkt hat, rivalisieren die beiden Städte miteinander. Jiangs Vorgänger Deng Xiaoping hatte Shanghai zu Beginn der Öffnungspolitik noch links liegen lassen – ein Fehler, wie Deng später eingestand. Jiang Zemin korrigierte das. Als Parteichef machte er Shanghai zum Motor für das chinesische Wachstum. Eine ähnliche Rolle hatte die Stadt in der Kolonialzeit gespielt. Nach 1949 war es dann unter den Kommunisten in einen Dornröschenschlaf gesunken, obwohl es der Gründungsort der chinesischen KP war. Heute ist Shanghai wieder das Gegengewicht zu Peking. Dabei könnten die Unterschiede kaum krasser sein.
EUROPÄISCHER CHARME
Peking ist das politische und kulturelle Zentrum Chinas, Jahrtausende alt, geprägt von 40 Jahren kommunistischer Architektur. Shanghai dagegen ist jung. Erst vor knapp 200 Jahren erhoben die Kolonialherren den nur regional bedeutenden Fischerort zum Wirtschaftszentrum. Die auf Handel ausgerichtete Mentalität der Menschen Süd- und Ostchinas ergänzte sich gewinnbringend mit dem Geschäftssinn der westlichen Partner. Der europäische Charme der Metropole erlebt zurzeit eine Renaissance. Nach Jahren des schonungslosen Abrisses stehen nun Hunderte Bauwerke der Kolonialzeit unter Denkmalschutz.
Shanghai ist in den Augen vieler der über 100 000 Ausländer sehr attraktiv, betont Thomas Dorn, Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer: „Shanghai war früh schon offen für Neues. Sie war weltweit die Stadt mit den ersten Klimaanlagen, den ersten elektrischen Aufzügen und den ersten Müllschluckern. Heute machen sich die Shanghaineser daran, diese Vorreiterrolle in der Welt zurückzuerobern. Man findet hier immer noch gutes Personal, auch wenn es mittlerweile teurer ist. Die guten Arbeitskräfte sind auch der Grund, warum das Jangtse-Delta derzeit einen Zuzug an deutscher Großindustrie und Mittelständlern erlebt.”
Doch in Zukunft wird sich Shanghai wohl nicht mehr so rasant entwickeln: Die Kosten für Mieten und qualifiziertes Personal haben das Niveau deutscher Großstädte wie Frankfurt am Main und München erreicht. Zudem will Peking das Wirtschaftswachstum bremsen und hat entsprechende Verordnungen erlassen. Die dürften dazu führen, dass nun eher in Bauprojekte kleinerer Städte investiert wird, schätzen Immobilienexperten. Dahinter steckt die Angst der Zentralregierung, das wachsende soziale Gefälle könnte die Stabilität des Landes gefährden. Shanghai muss das in den Griff kriegen, sagt Martin Tzou, Mitherausgeber des Magazins für Stadtentwicklung Urban China: „Was Bevölkerungsdichte, Umweltverschmutzung und öffentliche Verkehrsmittel angeht, hat Shanghai ähnliche Probleme wie andere Weltstädte. Aber die Schere zwischen Arm und Reich ist hier sehr weit geöffnet. Deshalb sehen Wissenschaftler Shanghai als Stadt in einem Einwicklungsland. Es gibt noch keine hohe Lebensqualität für die breite Masse wie in anderen kosmopolitischen Großstädten. Armut ist hier nach wie vor das größte Problem.” ■
FRANK HOLLMANN arbeitet als Journalist in Shanghai. Er berichtet für deutsche Medien über die Olympischen Spiele aus Peking.
von Frank Hollmann
Shanghai in Zahlen
Einwohnerzahl: 17,8 Millionen, mit Wanderarbeitern mehr als 20 Millionen
Bevölkerungsdichte: 2900 Einwohner pro Quadratkilometer, in der Innenstadt 12 900 pro Quadratkilometer
Durchschnittsalter: 33
Universitäten: 5
Wohnfläche pro Einwohner: 15,5 Quadratmeter
Krankenhäuser: 487
Öffentliche Verkehrsmittel: 18 200 Busse, 9 U-Bahnlinien und der Transrapid befördern 12,1 Millionen Passagiere pro Tag
Motorräder: 1,2 Millionen zugelassen
Shanghai für Touristen
Hilton-Hotel (DZ): 170 Euro
1 Liter Benzin: 0,41 Euro
1 Bier (Restaurant): 0,95 bis 2,80 Euro
1 Souvenir T-Shirt: 2,40 Euro
10 Kilometer Taxifahrt: 2,80 Euro
Kino: 4,70 bis 9,40 Euro
Alle Angaben: Stand Mai 2008





