Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen haben ganz unterschiedliche Rituale und Praktiken, um ihre Verstorbenen zu bestatten. Manche Vorgehensweisen ähneln sich aber auch. Ähnlich wie bei uns Tote heute oft in ausgetreckter Rückenlage beerdigt werden, tun dies beispielsweise auch viele Völker in Südostasien – allerdings erst in der jüngeren Vergangenheit. Vor 12.000 bis 4000 Jahren hingegen – bevor Menschen aus dem Westen nach Südostasien migrierten – begruben die dortigen Jäger- und Sammlergesellschaften ihre Toten noch überwiegend in gebeugter, eng geduckter oder hockender Haltung. Dafür schnürten sie deren Gebeine oft eng zusammen, wie zahlreiche archäologische Funde belegen. Oft wiesen diese Toten auch Brandspuren auf oder ihre Körper waren post-mortem teilweise zerstückelt worden.
Frühere Bestattungspraktiken in Südostasien im Visier
Ein Team um Hsiao-chun Hung von der Australian National University in Canberra hat diese frühen, vorgeschichtlichen Bestattungsrituale in Südostasien nun näher untersucht. Dafür analysierten die Forschenden menschliche Knochen aus hunderten Gräbern von 95 archäologischen Stätten in Südchina, Vietnam, Indonesien und anderen Ländern Südostasiens, darunter vor allem Höhlen und Felsunterstände. Hung und seine Kollegen verglichen die Position der Knochen sowie deren Zustand. Mittels Infrarotspektroskopie analysierten sie zudem die Mikrostrukturen im Inneren einiger Knochenproben.

Dabei bestätigte sich, dass die Jäger- und Sammlergemeinschaften in Südostasien ihre Toten einst überwiegend in eng verdichteter, kompakter Haltung begruben. „Viele der Skelette waren so stark gebeugt und verdreht, dass zwischen Gliedmaßen und Rumpf keine Zwischenräume blieben. Dies lässt darauf schließen, dass bei der Bestattung der Skelette keine Weichteile, vielleicht abgesehen von getrockneter Haut, vorhanden waren“, schreibt das Team. Die Knochen der Toten wiesen zudem kaum Spuren von Verwesung auf, stattdessen aber Spuren von Hitzeeinwirkung oder Verbrennung. Da die Skelette jedoch nur in Teilen und nicht komplett verbrannt waren, „war die beabsichtigte Behandlung höchstwahrscheinlich keine vollständige Einäscherung“, schreiben Hung und seine Kollegen.
Diese Funde legen nahe, dass die Leichen nicht direkt nach dem Tod begraben, sondern zuvor gezielt ausgetrocknet wurden. Die Trocknung der eng zusammengebundenen Körper könnte auf einem Gestell im Rauch über einem Feuer stattgefunden und lange gedauert haben, wie der Zustand der Knochen nahelegt. Dabei waren offenbar einige Körperteile hohen und andere nur niedrigen Temperaturen ausgesetzt. Diese langsame Rauchtrocknung ist eine Form der Mumifizierung, die auch aus anderen Kulturen bekannt ist. So mumifizierten zum Beispiel einige indigene Völker in Australien ihre Toten auf diese Weise und einige Kulturen im Hochland Neuguineas tun dies noch heute.

Mumifizierung in Asien schon vor 10.000 Jahren
Bemerkenswert an den Funden aus Südostasien ist jedoch nicht nur das Bestattungsritual selbst, sondern vor allem das Alter der Mumien: Einige von ihnen sind über 9000 Jahre alt, wie Datierungen ergaben. Das legt nahe, dass frühe Gemeinschaften in Südostasien ihre Verstorbenen schon mumifizierten, lange bevor Kulturen im alten Ägypten oder in den südamerikanischen Ländern dies taten. Demnach könnte die älteste bekannte Mumie der Welt aus Asien stammen und nicht wie bislang angenommen aus Chile.
Die älteste Mumie der sogenannten Chinchorro-Kultur ist „nur“ etwa 7000 Jahre alt. Anders als die im feuchten Klima Südostasiens über Feuer getrockneten Körper wurden die chilenischen Leichen im trockenen Klima der Atacama-Wüste auf natürliche Weise mumifiziert. Die älteste ägyptische Mumie wurde vor etwa 4500 Jahren durch Einbalsamierung erstellt. Trotz der unterschiedlichen Trocknungstechniken ist diesen Bestattungspraktiken gemein, dass die Leichname vor der Beerdigung gezielt behandelt und durch Mumifizierung vor Verwesung bewahrt wurden. „Durch diesen Brauch ermöglichten es die geräucherten und konservierten Überreste der Verstorbenen den Menschen, physische und spirituelle Verbindungen zu ihren Vorfahren aufrechtzuerhalten und so Zeit und Erinnerung zu überbrücken“, schreiben Hung und seine Kollegen.
Mit welchen konkreten Glaubensvorstellungen in Bezug auf Körper und Geist die Jäger- und Sammlergemeinschaften Südostasiens diese Praktik verbanden, ist allerdings noch unklar. In Folgestudien soll nun geklärt werden, ob es sich um ähnliche Glaubensvorstellungen wie in Australien und Neuguinea handelt und es demnach einen historisch-sozialen Zusammenhang zwischen den einstigen Mumifizierungspraktiken in Südostasien und Australien und den heutigen in Neuguinea gibt. „Archäologische Funde deuten darauf hin, dass diese Tradition unter Jäger- und Sammlergesellschaften in einem riesigen Gebiet seit vielen Jahrtausenden bekannt war, das sich von Nordostasien und dem Jomon-Japan bis nach Westozeanien und Australien und möglicherweise noch weiter erstreckte“, so das Team.
Quelle: Hsiao-chun Hung (Australian National University, Canberra) et al.; Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2515103122





