Spurensuche im Kindergrab
Jetzt hat ein internationales Forscherteam um Eske Willerslev von der Universität von Kopenhagen neue Einblicke in die Frühgeschichte des amerikanischen Kontinents und seiner Bewohner gewonnen. Wichtigster Helfer dabei: ein vor rund 12.500 Jahren gestorbenes Steinzeitkind. Dieses wurde vor rund 12.707 bis 12.556 Jahren zusammen mit Grabbeigaben in Montana bestattet. Das Grab von Anzick-1, wie der Junge getauft wurde, ist das einzige bisher bekannte der sogenannten Clovis-Kultur. Diese vor rund 13.000 Jahren in weiten Teilen Nordamerikas verbreitete Steinzeitkultur gilt als die älteste Population von Jägern und Sammlern auf dem amerikanischen Kontinent und als Vorläufer der meisten indianischen Völker.
Willerslev und seine Kollegen haben nun erstmals das Erbgut dieses Anzick-1 getauften Jungen komplett analysiert – und damit weiter in die genetische Geschichte Nordamerikas zurückgeschaut als jemals zuvor. Um die Herkunft und Verwandtschaft des Clovis-Jungen zu ergründen, verglichen die Forscher sein Erbgut mit dem von 143 verschiedenen heutigen Menschengruppen in Nord- und Südamerika, aber auch in Asien und Europa.
Ein Indio-Vorfahre in Montana
Die erste Überraschung: Obwohl der Clovis-Junge in Nordamerika lebte, ist er enger mit 44 heutigen mittel- und südamerikanischen Ureinwohner-Gruppen verwandt als mit Indianern Kanadas und der Arktis. Wie die Forscher erklären, gibt es zwei Szenarien, die dies erklären könnten: Zum einen könnten sich die Stammeslinien der nord- und südamerikanischen Ureinwohner schon vor der Clovis-Ära aufgespalten haben. Ein Teil wäre dann nach der Einwanderung über die Beringstraße in der Arktis “hängen geblieben”, während der Rest der Population weiter nach Süden zog und später auch Südamerika besiedelte. Anzick-1 müsste dann kurz nach dieser Aufspaltung geboren worden sein – als Kind von Clovis-Menschen, die bereits auf dem Weg nach Süden waren.
Die zweite Möglichkeit: Anzick-1 und seine Eltern gehörten zu den Urahnen aller amerikanischen Ureinwohner – im Norden wie im Süden. Die Aufspaltung beider Gruppen geschah erst nach seinem Tod. Die Unterschiede seines Erbguts zu heutigen arktischen Indianerstämmen ließen sich damit erklären, dass deren Vorfahren nachträglich aus Sibirien eingewandert sind. Willerslev und seine Kollegen haben dieses Szenario überprüft, indem sie das Genmuster der arktischen Indianer mit dem von 19 verschiedenen sibirischen Stämmen verglichen. Ihr Fazit: “Es gibt keinen Beleg für einen nachträglichen Genfluss aus Sibirien in diese Ureinwohnergruppe.” Ihrer Ansicht nach ist daher das erste Szenario wahrscheinlicher: Als der Clovis-Junge lebte, hatte die Auftrennung in nord- und südamerikanische Ureinwohner schon stattgefunden.





