Verräterische Gravuren
Eine spannende Entdeckung wirft jetzt mehr Licht auf die Rituale und Glaubenswelt der Erbauer von Göbekli Tepe. Julia Gresky und ihre Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut haben in den Überresten des Stein-Monuments die Fragmente von drei menschlichen Schädeln gefunden, die außergewöhnliche Bearbeitungsspuren tragen. Alle drei Schädel weisen tiefe Schnitte entlang der Mittelachse des Kopfes auf, ein Schädelfragment wurde zudem durchbohrt. “Diese Modifikationen wurden alle wahrscheinlich kurz nach dem Tod dieser Menschen durchgeführt”, berichten die Archäologen. Die Tiefe und Form der Einschnitte spreche dagegen, dass es sich hier um zufällige oder versehentliche Bearbeitungsspuren handele. Auch ein Skalpieren als Ursache dieser Spuren schließen Gresky und ihre Kollegen aus. Dies hätte andere Schnittspuren hinterlassen, wie sie erklären. “Diese Ritzungen sind nicht mit einem Entbeinen oder Skalpieren verknüpft”, so die Forscher. “Allerdings deuten andere, flachere Einschnitte an den Schädeln daraufhin, dass sie gereinigt und vom Fleisch befreit wurden.”
“Diese Funde sind herausragend, denn sie liefern die allerersten osteologischen Beweise für eine nachträgliche Bearbeitung von Toten in Göbekli Tepe”, konstatieren Gresky und ihre Kollegen. Schon vor mehr als 10.000 Jahren gab dort demnach wahrscheinlich spezielle Totenrituale. Dass die drei Schädel kein Einzelfall waren, dafür sprechen weitere Schädelfunde in Göbekli Tepe. Sie tragen zwar keine bewusst angebrachten Gravuren, dafür aber Indizien dafür, dass die Köpfe der Toten abgetrennt und die Schädel gezielt freipräpariert wurden. Von den insgesamt 408 im Steinzeit-Monument entdeckten Schädelfragmenten tragen 40 die typischen Schnittspuren des Entbeinens, wie die Archäologen feststellten. Ihrer Ansicht nach deutet dies darauf hin, dass die Menschen von Göbekli Tepe den Schädeln eine besondere Bedeutung zusprachen.
Schädelkult für die Ahnen?
Die neuen Funde in Göbekli Tepe könnten ein Hinweis darauf sein, dass es in diesem Steinzeit-Heiligtum schon vor gut 10.000 Jahren einen echten Schädelkult gab. Wie die Archäologen erklären, wurden in Südostanatolien und der Levante schon häufiger archäologische Funde gemacht, die auf eine besondere Bedeutung des Schädels in den Kulturen der Jungsteinzeit vor 9600 bis 7000 Jahren hindeuten. Darunter sind eine Art “Schädeldepot”, aber auch mit Lehm nachmodellierte und verzierte Schädel. Es ist daher durchaus naheliegend, dass es auch in Göbekli Tepe eine solchen Schädelkult gab. Die Tatsache, dass es sich bei dieser Anlage wahrscheinlich um ein Heiligtum und einen Ritualort der Steinzeitmenschen handelte, stütze diese Interpretation, so die Forscher. Ein weiteres Indiz für einen solchen Kult könnten einige der Reliefs auf den Steinsäulen von Göbekli Tepe liefern. Denn auf ihnen sind relativ häufig Menschenfiguren mit abgetrennten Köpfen zu sehen und auch Raubtiere, die abgetrennte menschliche Köpfe halten. “Ein bemerkenswerter Fund ist eine als ‘Gabenbringer’ bekannte Kalksteinstatue: Eine kniende Figur trägt einen menschlichen Kopf in ihren Händen, die Augen und Nase des Kopfes sind noch gut erkennbar”, berichten Gresky und ihre Kollegen.





