Selbstloses Verhalten brachte den Steinzeitmenschen in ihren aus kleinen Gruppen bestehenden Gemeinschaften einen evolutionären Vorteil. Sie konnten sich als Gemeinschaft mit engen sozialen Bindungen besser gegen fremde, konkurrierende Gruppen durchsetzen und dadurch ihre Überlebenschancen steigern. Der so genannte Altruismus konnte sich so als wichtiger Wesenszug des Menschen etablieren. Das sagen Forscher um Samuel Bowles vom Santa Fe Institute, die mithilfe noch lebender Jäger-Sammler-Kulturen den genetischen Variantenreichtum und die gesellschaftlichen Grundzüge der Menschen in der Steinzeit rekonstruierten.
Bowles wertete für sein Modell genetische Daten aus, die Wissenschaftler bei
Aborigines in Australien, bei
Inuit in Sibirien und bei ursprünglich lebenden afrikanischen Kulturen gesammelt hatten. Diese Kulturen kämen von ihrer Organisation und Lebensweise her den steinzeitlichen Gesellschaften vor 150.000 bis 10.000 Jahren nahe, erklärt Bowles. Die genetische Vielfalt innerhalb einer Gruppe von Steinzeitmenschen war weitaus geringer, als Forscher bisher dachten, schloss Bowles aus seinen Berechnungen. Dagegen waren die Unterschiede zwischen den Gruppen sehr viel größer.
Diese Konstellation förderte vom evolutionären Standpunkt aus die Entwicklung von altruistischem Verhalten, so die Argumentation von Bowles. Wer sich nämlich für die eigene Gruppe und deren Überleben selbstlos einsetzt, sichert damit auch den Bestand der eigenen Gene. Das Wohlergehen der Gruppe als Ganzes ist damit wichtiger als der persönliche Vorteil ? ein Zusammenhang, aus dem schließlich Verhaltensweisen entstanden, wie etwa Kranke und Verletzte zu pflegen oder Nahrung zu teilen.
Solches altruistisches Verhalten kostete zwar einen gewissen Einsatz, doch dank des Zusammenhalts konnte sich eine solche Gruppe im Wettstreit mit anderen Gruppen besser behaupten. Beispielsweise konnten sich die Männer dadurch im Kampf gegen konkurrierende Gemeinschaften stärker einsetzen, da sie auch im Fall einer Verletzung auf den Rückhalt ihrer Gruppe vertrauen konnten. Die Konkurrenz der Gemeinschaften untereinander muss eine wichtige Triebfeder der Evolution des Altruismus gewesen sein, schließt Bowles. Er schätzt, dass mindestens jeder Achte unserer Vorfahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen starb.
New Scientist, Onlinedienst ddp/wissenschaft.de ? Ulrich Dewald