Könnte eine solche Geschichte auch in der Forschung passieren? Könnte jemand, der jahrelang keine Ergebnisse geliefert hat, eine neue Chance erhalten – und diese nutzen, um zu höchsten Ehren aufzusteigen? Betrachtet man das aktuelle Forschungssystem, scheint ein derartiges Comeback schwer vorstellbar.
Zweite Plätze ohne Wert
Im Sport läuft ja sowieso einiges anders. Obwohl die Wettbewerbe hier oft noch kompetitiver sind als jede Forschungskonkurrenz, werden dennoch auch Silber- oder Bronzemedaillen gefeiert. In der Forschung dagegen erntet ein zweiter oder dritter Platz kaum Anerkennung. Wer nach dem „Sieger“ ankommt, hat schlichtweg verloren. „The winner takes it all“ – kaum irgendwo scheint dieser Spruch zutreffender als in der Wissenschaft.
Weiterhin gilt im Sport: „Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf.“ Für jeden Wettbewerb werden die Karten neu gemischt, und frischer Ruhm ist sogar für die Abgeschlagenen der letzten Vergleiche zu ernten. In der Wissenschaft dagegen kann bereits ein zweiter Platz einen unüberwindbaren Rückschlag nach sich ziehen.
Warum? Wo ist der Unterschied? Dem Sieger eines Forschungs-Wettrennens winkt als Belohnung kein Pokal und keine Siegprämie. Stattdessen ist der Preis oftmals ungleich größer. Wer als Erster eine Durchbruch-Entdeckung publiziert, macht damit meist einen großen Schritt auf der Karriere- und/oder Ruhmesleiter: Es winkt ein Stipendium, ein Forschungspreis, Zugang zu Fördermitteln oder sogar der berufliche Aufsteig in Form einer Stelle als selbstständiger Gruppenleiter oder gar Professor. Umgekehrt kann schon ein zweiter Platz dauerhaft negative Folgen haben, selbst wenn man nur knapp geschlagen wurde. Denn oft genug ist ein „Verlierer“ nicht mehr im gleichen Maße wettbewerbsfähig, weil aufgrund des „bescheidenen Erfolgs“ nicht mehr genug Fördermittel für weitere große Folgeprojekte nachfließen.
Hier offenbart sich also ein extremes Missverhältnis. Marginale Differenzen in der Produktivität der „Wettbewerber“ können sich schnell zu gewaltigen Unterschieden in Belohnung und Anerkennung aufschaukeln. Ein Schlüsselexperiment nur wenige Wochen vor dem Rivalen fertigzustellen, kann beispielsweise schon genügen, um über Top oder Flop zu entscheiden: Der eine wird hochgelobt zum gefeierten Professor, der andere biegt ab in die Frust-Schleife des ewigen Assistenten. Wenn er der Forschung nicht gar gänzlich den Rücken kehrt.
Dabei muss der Zweitplatzierte nicht zwangsläufig schlechter sein – ja womöglich ist er sogar talentierter als der „erfolgreiche“ Kollege. Denn manchmal bewirken lediglich unwägbare Kleinigkeiten den feinen Unterschied zwischen Hopp oder Top, zwischen „Gold“ oder „nur Silber“: Das Elektronenmikroskop war ein paar Tage zu lange von einer anderen Gruppe belegt, die Labormäuse für den Modellversuch wurden plötzlich krank, ein Gerät funktionierte nicht, ein bestelltes Schlüssel-Reagenz wurde falsch geliefert.





