Für mich ist die zweite Buchhälfte, Homer überschrieben, der spannendere Teil. Hier ist Latacz auf seinem Felde, der Philologie, und präsentiert seine eigenen Forschungen. Mit grosser Geduld führt er den Leser durch die Labyrinthe von Sprachverschiebungen, Versmassen und Sängertraditionen. Er erläutert, was Homer in der Ilias tatsächlich erzählt nämlich nicht den Trojanischen Krieg , er belegt, dass die Ilias-Geschichte älter ist als Homer, und er untermauert, wie die mündliche Überlieferung ein Geschehen über Jahrhunderte tragen kann (was viele für unmöglich hielten).
Mit einem kleinen Konjunktiv kommt Latacz zu dem Ergebnis: Es hat den einen, alles vernichtenden Trojanischen Krieg wohl gegeben. Latacz ist in seiner Beweisführung wissenschaftlich hyperkorrekt, ohne den nicht-wissenschaftlichen Leser zu vergrätzen. Ganz im Gegenteil diesem die verschlungenen Wege zur Wahrheit zu zeigen, scheint ihm ein Anliegen zu sein.
Das alles ist verpackt in einer angenehm gepflegten Sprache, die selbst verzwickte Zusammenhänge transparent macht. Ich habe lange kein Buch mit solchem intellektuellem Vergnügen gelesen.
Michael Zick





