Die menschliche Besiedelung der Neuen Welt ist eines der meist diskutierten Themen der Archäologie und biologischen Anthropologie – und noch immer gibt es keine Einigkeit über das Tempo und die Art der Ausbreitung der frühen Menschen über den Kontinent”, erklären Mark Hubbe von der Ohio State University und seine Kollegen. Zwar scheint klar, dass die Vorfahren der Indianer vor 20.000 bis 15.00 Jahren aus Asien über die Bering-Straße nach Amerika zogen. Doch wann genau dies geschah, ob diese Einwanderung einmalig oder in mehreren Wellen ablief und auf welcher Route diese ersten Ur-Amerikaner weiter nach Süden zogen, ist umstritten. Ebenso widersprüchlich sind genetische und archäologische Daten zur Populationsvielfalt dieser ersten Besiedler: Bildete sie eine anatomisch relativ einheitliche Bevölkerung mit gemeinsamen Wurzeln? Oder führten mehrfache Einwanderungen von Menschen verschiedener Herkunft schon damals zu deutlich verschiedenen Populationsgruppen?
Vier Schädel mit ganz unterschiedlichem Aussehen
Um in dieser Frage mehr Klarheit zu bringen, haben Hubbe und sein Team vier präkolumbische Schädel näher untersucht, die vor einigen Jahren in einer überfluteten Karsthöhle im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo gefunden wurden. Die vier Schädel stammen von Menschen, die vor 9000 bis 13.000 Jahren in dieser Gegend lebten. “Sie gehören damit zu den ältesten bekannten Menschenfossilien des Kontinents”, sagen Hubbe und seine Kollegen. Für ihre Studie unterzogen die Forscher alle vier Schädel einer Computertomografie und analysierten ihre Merkmale. Die dabei erhaltenen morphologischen Daten verglichen sie mit denen von modernen Vergleichspopulationen aus der ganzen Welt. Dadurch konnten sie ermitteln, mit welchem Menschentyp die vier Ur-Amerikaner aus Quintana Roo am ehesten Ähnlichkeit hatten.
Die Vergleichsanalysen enthüllten unerwartet große Unterschiede zwischen den vier Schädeln. Obwohl sie im selben Gebiet gefunden wurden und auch im Alter nur maximal 4000 Jahre auseinander liegen, wichen ihre morphologischen Merkmal deutlich voneinander ab, wie die Forscher berichten. Der mit gut 13.200 Jahren älteste Schädel stammt von einer jungen Frau und zeigt starke Übereinstimmungen mit den Inuit Grönlands und Alaskas. “Diese gelten als robuste, an die Kälte angepasste Populationen und unterscheiden sich deutlich von den amerikanischen Ureinwohnern”, sagen Hubbe und seine Kollegen. Zum gleichen Typ gehörte auch einer der beiden jüngeren Schädel, der von einem Mann im mittleren Alter stammt. Der weibliche Schädel aus dieser Zeitperiode zeigt dagegen klare Ähnlichkeiten mit den Indianern und mit heutigen Asiaten. Völlig anders sieht dagegen der El Pit I getaufte zweitälteste Schädel aus: Sein männlicher Träger zeigte vor rund 13.000 Jahren überraschend europäische Gesichtszüge. “Ein solches Assoziationsmuster wurde zuvor bei frühen Amerikanern noch nicht gesehen”, so Hubbe und sein Team.





