Die Beschäftigung mit dem Altertum muß sich nicht im Scherbensortieren und Säulenklassifizieren erschöpfen. Ein schön gemachtes Buch bringt einen ganz anderen Teilaspekt antiken Daseins näher: Spiele und Spielzeug in der Antike erinnert daran, daß der Mensch immer auch ein Homo ludens war und ist – Unterhaltung und Vergnügen sind uns so wichtig wie Brot und Wasser. Über 6000 Jahre bis zum Untergang Roms verfolgt Marco Fittà den menschlichen Drang nach Entspannung und Freude. Es sind immer wieder die gleichen Spiele: Verstecken und Blinde Kuh, Seil- und Bockspringen, Drachensteigen und Stelzenlaufen. Puppen, Wagen, Jojo und Tiere sind die kindlichen Spielzeuge seit altersher; Würfel, Ball und Brett die der Erwachsenen. Streitende Würfelspieler ermahnt der Wirt auf einem Bildchen in Pompeji: “Geht und schlagt euch draußen.” Hockeyspielen ist schon um 500 v. Chr. auf einem griechischen Relief festgehalten. Mit dem Hütchenspiel narrten offenbar schon Gaukler im alten Ägypten ihre Zuschauer. Mit vielen Bildern, antiken Spielbeschreibungen und archäologischen Deutungen bringt uns der Autor auch Spiele näher, die heute etwas abartig erscheinen – etwa der Kottabos, bei dem mit einem Weinstrahl ein Teller auf einer Stange zum Purzeln gebracht werden mußte. Kaum zu glauben: Der erste Luftpost-Paketservice wurde kurz vor dem Jahr 1000 n. Chr. für den Kalifen Aziz eingerichtet. Er residierte in Kairo, liebte jedoch über alles die süßen Kirschen seiner Heimat Baalbek im Libanon. Aziz oberster Beamter ließ 600 Brieftauben mit je einer Kirsche im Seidenbeutel am Fuß bestücken und befriedigte so die Gelüste seines Herrn. Schon die Ägypter hatten den Heimkehrdrang der Tauben für die Übermittlung militärischer Botschaften genutzt, und die Türken verwendeten die Taubenpost als Frühwarnsystem beim Marsch der Mongolen nach Westen. Diese und viele andere Beispiele belegen in Keilschrift, Kompaß, Kaugummi, daß es keinen Grund gibt, die technologische Nase heute hoch zu tragen. Vieles wurde überraschend früh erdacht und realisiert – Europa war dabei meist nicht der Taktgeber. Die Autoren schicken ihre Leser in zwölf Kapiteln auf eine ebenso ernsthafte wie vergnügliche Reise durch die Kulturgeschichte: Von Kommunikation bis Körperpflege, von Militär bis Medizin, von Stadtleben bis Sexualität. Überraschungen auf fast jeder Seite: Biologische Schädlingsbekämpfung betrieben schon die alten Chinesen, der Buchdruck mit beweglichen Lettern wurde nicht in Europa, sondern im Fernen Osten entwickelt, automatische Türen ergötzten bereits die alten Alexandriner und so weiter und so fort. Den Kaugummi, übrigens, haben die Maya erfunden.
In der staunenden Frage “Wie haben die das nur gemacht?” verrät sich der Glaube an die moderne Perfektion – vor allem bei technischen Leistungen. Dieses Überlegenheitsgefühl besteht völlig zu Unrecht, wie Klaus Grewe in seinem Buch Licht am Ende des Tunnels nachweist. Er ist in diesem reich bebilderten Band der “Planung und Trassierung im antiken Tunnelbau”, so der Untertitel, nachgegangen und hat Erstaunliches zutage gefördert. An 18 Beispielen aus Europa, Nordafrika, Kleinasien und dem Vorderen Orient belegt er Kunst und Können der antiken Tunnelbau-Ingenieure. Zum Beispiel die Qanat-Bauweise im alten Persien: In Sichtweite wurden senkrechte Schächte in den Boden getrieben, von denen aus man die unterirdischen Tunnel zum jeweils nächsten Schacht grub. Bis zu 70 Kilometer lang waren solche Wasserleitungen, sie hatten idealerweise ein Gefälle von einem Promille – das ist sehr viel mehr als bloße Buddelei. Die antiken Baumeister trieben aber auch Tunnel von zwei Seiten her durch einen Berg. Die Röhren trafen sich tatsächlich im Erdinneren – mehr oder minder genau. Wie Fehler beim Vortrieb korrigiert wurden, gehört zu den ganz spannenden Schilderungen dieses mit vielen Zitaten, Karten und Zeichnungen gespickten Buches, das auch Leser faszinieren kann, die kein Vorwissen haben. Schwerere Lesekost sind die Grundzüge früher Menschheitsgeschichte von Hermann Müller-Karpe. In fünf Bänden bietet hier ein breit arbeitender Gelehrter die Summe seines Forscherlebens, ohne Scheu angereichert und unterstützt mit den Erkenntnissen von Kollegen. Von den Anfängen menschlicher Kulturzeugnisse bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. schildert der Autor den Weg des Menschen anhand der Entwicklungen in Religion, Wissenschaft, Kunst, Dichtung, Architektur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Auch wenn sicher mancher seinen Schlußfolgerungen und Schwerpunkten nicht immer folgen mag, und manche neuen archäologischen Ergebnisse fehlen, ist es doch spannend, daß endlich einmal ein Kulturwissenschaftler eine Zusammenschau gewagt hat.
Archäologie
Marco Fittà Spiele und Spielzeug in der Antike Theiss Verlag 1998, DM 89,-
Peter James, Nick Thorpe Keilschrift, Kompaß, Kaugummi Sanssouci Verlag 1999 DM 39,80
Hermann Müller-Karpe Grundzüge früher Menschheitsgeschichte 5 Bände,Theiss Verlag 1998, DM 348,-
Klaus Grewe Licht am Ende des Tunnels Zabern 1998 DM 78,-
Michael Zick





