Die meisten Sprachen, die heute in Europa gesprochen werden, gehören der indoeuropäischen Sprachfamilie an. Zu ihr zählen die germanischen, romanischen, slawischen, baltischen und keltischen Sprachen, ebenso wie Griechisch, Albanisch, Armenisch und die indo-iranische Sprachgruppe. Die Bezeichnung indoeuropäisch, teils auch indogermanisch, bezog sich ursprünglich auf die angenommene geographische Verbreitung der Sprachen. Heutzutage werden indoeuropäische Sprachen jedoch weit über Europa hinaus in vielen Teilen der Welt gesprochen – nicht zuletzt durch den Kolonialismus – und es hat sich herausgestellt, dass auch die Ursprünge der Sprachfamilie außerhalb von Europa liegen.
Bauern oder Steppenvölker?
Wann und wo genau die Sprachfamilie jedoch entstanden ist, war bislang umstritten. Eine verbreitete Hypothese, die sogenannte Steppen-Hypothese, ging davon aus, dass die Ursprünge der Sprachfamilie vor rund 6.500 Jahren in der pontisch-kaspischen Steppe liegen. Demnach hätten berittene nomadische Steppenvölker vor rund 5.000 Jahren die Sprachen verbreitet. Eine andere Hypothese, die sogenannte Agrar-Hypothese, sieht den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen vor 8.500 bis 9.500 Jahren südlich des Kaukasus im fruchtbaren Halbmond in Anatolien. Demnach hätten sich die Sprachen dieser Familie mit dem Ackerbau über Europa ausgebreitet.
Ein Team um Paul Heggarty vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist nun den Ursprüngen unserer Sprachen genauer auf den Grund gegangen. Dazu analysierten die Forschenden über 100 moderne und 52 nicht-moderne Sprachen auf verwandte Wortursprünge im Kernwortschatz. Mit linguistischen Methoden erstellten sie auf diese Weise einen Stammbaum der Sprachen. Zusätzlich bezogen sie auch genetische Hinweise mit ein, die anhand von alter DNA Auskunft darüber geben, wie sich bestimmte historische Volksgruppen verbreitet haben.
Sprachverwandtschaft auf dem Prüfstand
„Unsere Ergebnisse stimmen weder mit der Steppen- noch mit der Agrar-Hypothese vollständig überein“, berichtet das Team. „Unsere Analysen ergaben, dass die Wurzeln der indoeuropäischen Sprachen rund 8.120 Jahren zurückgehen – zu früh für die Steppen-Hypothese.“ Zugleich legten jedoch Hinweise aus alter DNA nahe, dass die frühen Sprecher vieler Zweige der Sprachfamilie ihre Ursprünge in der Steppe haben. Im anatolischen und griechischen Raum sowie in weiten Teilen Asiens zeigten sich Hinweise auf eine solche Steppenherkunft jedoch nicht.
Auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen warfen Fragen auf. „Frühere Analysen gingen davon aus, dass sich moderne Sprachen direkt aus früheren geschriebenen Sprachen entwickelt haben, statt aus parallel verwendeten, nur gesprochenen Variationen“, erklären die Forschenden. Dadurch hätte sich ein verzerrtes Bild der Sprachverwandtschaft ergeben. Die neue Analyse verzichtete dagegen auf diese Annahme und führte so zu einem neuen Stammbaum, der besser mit den Hinweisen aus alter DNA in Einklang zu bringen ist.





