Andere altorientalische Stätten sind bekannter, doch Uruk war die erste Großstadt. Sie strahlte kulturell und politisch über ganz Vorderasien aus. Vor über 5000 Jahren bekam die menschliche Zivilisation hier einen entscheidenden Impuls – die Schrift. Und: Uruk ist die Stadt des mythischen Helden Gilgamesch, der den Göttern trotzte.
Immer die gleiche Masche: Schöne Tochter geht dem Vater um den Bart und schmeichelt und bettelt, bis der Alte – beschwingt auch noch durch reichlich Bier – dem Liebreiz seines Nachwuchses erliegt. Enki, Gott der Weisheit und der Weltordnung, spricht: „ Ich will Inanna, meiner reinen Tochter, schenken, die Herrschaft…, Götterschaft, Tiara. Will schenken ihr den königlichen Thron!”
So luchste die zielstrebige Inanna (später Ischtar genannt), Göttin der Liebe und des Krieges, dem göttlichen Alten (Vater oder Großvater, die überirdische Geneologie ist nicht ganz klar) das himmlische Wissen und alle magischen und nützlichen Geräte ab, die die Zivilisation erst ermöglichen. Sie brachte den Schatz nach Uruk in ihr neuerbautes Heiligtum und wehrte alle Rückgabeforderungen des ernüchterten Seniors ab. Uruk wurde die Stadt der heißblütigen Himmlischen – und der Weisheit. Hier wurde vor mehr als 5000 Jahren die Schrift erfunden, hier rollte das erste Rad, hier starteten die Bürokraten ihren Eroberungszug um die Welt.
Die Keimzelle zivilisatorischer Entwicklung existierte bis ins fünfte nachchristliche Jahrhundert – über 4000 Jahre Geschichte. „ Und dennoch kennt kaum einer Uruk”, konstatiert Margarete van Ess. Zwar graben deutsche Archäologen mit Unterbrechungen seit 1912 dort, doch sind Sumer und Akkad, Assur, Ninive und Babylon bekannter als die Stadt am südlichen Euphrat.
Dem will die promovierte Philologin und Archäologin abhelfen. 1982 war sie zufällig als Studentin nach Südmesopotamien geraten und seitdem lässt Uruk (heute Warka) sie nicht mehr los: „Das ist so etwas wie meine Heimatruine geworden.” Ihre Startkampagne wurde durch den ersten Irakkrieg 1991 und das nachfolgende Wirtschaftsembargo gestoppt. Ab 2001 konnte sie – akustisch begleitet durch Bombenangriffe britischer und amerikanischer Flugzeuge auf nahe gelegene irakische Radarstellungen – wieder in Südmesopotamien arbeiten. Mit ausgedehnten Oberflächenuntersuchungen (Surveys) erkundete die Wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin die Struktur des Stadtgebiets – „natürlich nur Bruchteile” (van Ess) – und erkannte, dass „die Stadt ganz ulkig gegliedert ist”.
Erdmagnetische Messungen der beiden Münchner Geophysiker Dr. Helmut Becker und Jörg Fassbinder sowie alte Luftaufnahmen der britischen Royal Airforce aus den dreißiger Jahren bestätigten die Vermutung der Archäologin: Uruk kann nicht nur mit einer gewaltigen Mauer, zwei ausgedehnten Tempelbezirken, Palästen und anderen Monumental-Bauten aufwarten, sondern ist mit einem Netz von Kanälen überzogen. Der Irakkrieg des letzten Jahres beendete vorerst die weitere Erkundung der aufregenden Entdeckung. Derweil disputiert van Ess „heftig mit manchen Kollegen”, denn vielen Archäologen ist der „Gedanke suspekt, dass da nicht nur ein Kanal, sondern ein ganzes System von Wasserwegen durch die Stadt lief”.
Die Skepsis ist nicht verwunderlich, denn die Großarchitektur altorientalischer Städte, inklusive Tempel und Stadtmauer – und bei Uruk: Kanalbett – bestand aus luftgetrockneten Lehmziegeln, nicht aus feuchtigkeitsresistenten Backsteinen. Da wird Wasser zunächst einmal als potenzieller Zerstörer angesehen, „und die Kollegen fragen mich: Wie soll denn das gehen?”.
Margarete van Ess lässt sich nicht beirren, denn sie kennt Land und Leute und deren jahrtausendelangen Umgang mit den Grundstoffen Lehm und Wasser: „Die wissen, dass ein Lehmziegelbau ständig gepflegt und ausgebessert werden muss.” Und: „Die Uruk-Leute vor 5000 Jahren hatten ein ausgeklügeltes Wassermanagement.” Sie waren nicht nur Experten in Sachen Wasser. Von Assur, der Metropole des ersten Weltreichs, war damals noch nichts zu ahnen. Von Babylon, Synonym für antike Kultur und menschliche Hybris, war noch nichts zu sehen. Aber im Süden des Zweistromlandes, in den weiten Schwemmgebieten von Euphrat und Tigris, startete die Zivilisierung der Menschheit durch: Die Archäologen finden schon im 5. Jahrtausend v.Chr. viele Siedlungen mit Gebäuden, die mit stattlichen 280 Quadratmeter Fläche, dicken Mauern, zahlreichen Eingängen und vielfältigen Architektur- Dekorationen protzten.
Und sie konstatieren einen Wandel bei den tönernen Gefäßen – weg von einer feindekorierten Keramik, hin zu schlichten, nach Hunderttausenden zählenden Massenprodukten, die nicht mehr auf der Töpferscheibe gedreht, sondern aus Modeln gepresst wurden. Ausgräberin van Ess lästert: „Die charakteristische Uruk-Keramik ist so potthässlich, dass man sie auf den ersten Blick erkennt – auch wenn sie in Anatolien auftaucht.”
Da sie gelernt hatten, mit der Urgewalt des Wassers umzugehen, konnten die Menschen in Südmesopotamien sich nicht nur vor den alljährlichen Überflutungen der Flüsse schützen und die Sümpfe trockenlegen, sondern sie waren auch in der Lage, sich das lebensspendende Nass mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Es gab genug Nahrung, die Bevölkerung wuchs rapide, aus Dörfern wurden Siedlungen. Die Arbeitsteilung begann, und die gesellschaftlichen Strukturen differenzierten sich. Eine Elite-Gruppe investierte – vermutlich im Namen einer Gottheit – in Kunst und Kultur.
Uruk war nur eine unter diesen prosperierenden Stätten, doch – so van Ess – „sie hatte offensichtlich das Potenzial, die vielen umliegenden Siedlungen auf sich zu beziehen und vergleichsweise schnell zur größten Stadt der Region heranzuwachsen.” Seit etwa 3700 v.Chr. (frühe Uruk-Periode) erlebte Uruk ein geradezu spektakuläres Wachstum und war spätestens ab 3200 v.Chr. (späte Uruk-Periode) „ein Zentrum mit einer vorher unbekannten Konzentration an wirtschaftlicher Macht”, wie der Nestor der Orientforschung Hans J. Nissen in seinem Buch „Geschichte Alt-Vorderasiens” schreibt. Die Bauten dieser Zeit sind archäologisch gut erschlossen: Es gibt große Versammlungshäuser und zwei Tempelkomplexe, die Siedlung dehnt sich auf 200 Hektar aus und hat eine Mauer. Van Ess: „Uruk war in dieser Zeit eine Großstadt und spielte vermutlich auch politisch eine Rolle.”
Dazu gibt es zwar keine Texte, aber die Zeugnisse der Uruk-Kultur – Architektur und Keramik – finden die Archäologen von Anatolien bis zum Persischen Golf, in Syrien und in Ägypten: „ Das sind für damalige Zeiten ganz schöne Strecken.” Und es waren nicht die Hinterlassenschaften einzelner Händler: „Habuba Kabira in Syrien ist, was Architektur und Keramik anbelangt, ein direkter Abklatsch von Uruk.” Manche Forscher vermuten deshalb regelrechte Uruk-Kolonien im gesamten Vorderen Orient.
Das wäre durchaus denkbar, denn das Schwemmland in Südmesopotamien ist fruchtbar, „man kann Getreide anbauen, und Vieh züchten – aber das ist es dann auch”, meint van Ess. Für alles andere – Stein, Holz, Metall – mussten die Uruk-Leute in die Ferne ziehen. Der Handel entwickelte sich zwangsläufig: In Uruk wurden Steine aus Oman, Holz aus dem Libanon, Schmucksteine aus Afghanistan, Metall aus Anatolien gefunden.
Für 3200/3100 v.Chr. charakterisiert Altorientalist Nissen Uruk als Stadt „mit einer ausgefeilten Wirtschaftsverwaltung, die riesige Mengen von Nahrungsmitteln, Gebrauchs- und Luxusgütern aller Art zur Verfügung hatte” und mit ihrer „großen kulturellen Ausstrahlung und einem starken politischen Apparat ein ungeheures Machtzentrum” darstellte. Die Stadt der Göttin Ischtar dehnte sich auf 550 Hektar aus – sie war damit so groß wie heute Tübingen ohne Eingemeindungen.
Im „Eanna”, Ischtars 300 mal 300 Meter großen Tempelkomplex von Uruk, fanden Archäologen schon bei früheren Grabungen Tausende von Tonsiegelabdrücken und zerbrochenen Keilschrifttafeln. Die Schrift war jedoch, konstatiert Nissen, „ in keiner Weise daran interessiert, Sprache wiederzugeben”. Die Zeichen in Ton dienten den Warenwächtern allein als Gedächtnisstütze für die Kontrolle des offenbar immensen Warenein- und -ausgangs. Es finden sich nicht einmal Hinweise, von wem die eingelagerten Dinge kamen und an wen sie weiterverteilt wurden. Schade, meint Nissen: „Wir wüssten natürlich gerne, was beispielsweise mit dem ausgegebenen Metall geschah, wozu es wo verarbeitet wurde.” Dazu aber schweigen die ersten Bürokraten-Memos.
Ob die Schöpfer von derlei Monumentalarchitektur, Wasserbaukunst, Verwaltung und Schrift die – bislang als die Kulturschaffenden schlechthin gehandelten – Sumerer waren, ist bis heute ungewiss. In den ersten schriftlich fixierten „ Nachrichten” aus dem Südmesopotamien des 4. Jahrtausends finden die Philologen Namensbestandteile, „die weder sumerisch noch semitisch sind – mithin irgendwelche Vorläufer betreffen”, umreißt van Ess den Forschungsstand (siehe Kasten „Sumer, Akkad und die Semiten”). Das ist nicht verwunderlich, denn die Besiedlung Mesopotamiens begann spätestens im 6. Jahrtausend, die Region war nicht menschenleer, als die Sumerer – von Osten? – einwanderten. Als um 2500 v.Chr. die Schrift auch Sprache wiedergab, war das ein sumerisches Idiom.
Nun entdeckten auch die Autoritäten die Vorteile der Schriftlichkeit – in ersten Inschriften vermelden die Herrscher ihre außenpolitischen Erfolge, sprich ihre Siege über benachbarte Stadtfürsten. In Südmesopotamien agierten zu der Zeit verschiedene wohlhabende Stadtstaaten – Uruk, Eridu, Ur, Lagasch, Umma – mit- und gegeneinander. Ein übergreifendes Territorialreich zimmerten erst die Akkader. Diese semitischen Einwanderer setzten sich nördlich von Sumer mit ihrer Hauptstadt Akkad fest und eroberten ganz Süd- und Nordmesopotamien. Sie wurden jedoch rasch von einer Dynastie aus Ur, einer – wieder – sumerischen Herrschaftslinie, abgelöst. Auch deren Reich war nicht von langer Dauer – nach kaum 100 Jahre zerfiel es unter dem Einfluss von Störenfrieden aus dem Osten in einzelne Stadtstaaten, die nun in der Regel semitischen Fürsten unterstanden. Ab dem 20. Jahrhundert v.Chr. stieg allmählich Babylon mit dem großen Vereiner Hammurabi als Glanzlicht im 18. Jahrhundert v.Chr. auf – der Alte Orient, so wie man ihn kennt, begann sich zu formieren.
Und Uruk war immer noch da. Zwar dominierte es nach seiner Hochzeit im 4. Jahrtausend politisch nie mehr, aber als Heimatstadt der Ischtar, die inzwischen Karriere gemacht hatte und zu den Großen im altorientalischen Gesamt-Pantheon aufgestiegen war, genoss die Stadt anhaltende Verehrung. „Es war für alle mesopotamischen Herrscher wichtig, Uruk zu besitzen und dort den Kult zu pflegen”, schreibt Margarete van Ess die Geschichte ihrer zweiten Heimatstadt fort.
Die stellt sich heute als eine riesige Hügelfläche inmitten einer topfebenen und knochentrockenen Landschaft dar. Jede Erhebung ist entweder eine Sanddüne oder eine antike Ruine. Trotz der 41 vorangegangenen Grabungskampagnen sind erst etwa fünf Prozent der untergegangenen Stätte freigelegt. Die beiden Kultzentren in der Mitte sind klar zu erkennen. Am Westrand liegt der Palast. Im Luftbild sieht man eine kreisrunde Stadt, die durch eine Mauer begrenzt wird. Und auf den 50 Hektar Magnetogramm, die die Münchner Becker und Fassbinder „erlaufen” haben, tauchen noch deutlicher als im Flugfoto die zehn Meter breiten Strukturen der innerstädtischen Kanäle auf.
Mauer und Wasserlauf – das sind die beiden Hauptpunkte auf der Arbeitsliste der Berliner Archäologin. Beides taucht als „Kultur- Erinnerungsgut Mesopotamiens” (van Ess) in zwei altorientalischen Epen auf. Im Lugalbanda-Epos berichtet König Enmerkar, dass er die Sümpfe um Uruk in 50-jähriger Arbeit entwässert habe. Und im ersten Groß-Epos der Weltliteratur „Gilgamesch” verewigt sich dieser mythische Ur-König von Uruk mit der gewaltigen Mauer – neun Kilometer lang, neun Meter breit, neun Meter hoch, 800 Türme – um seine Stadt (siehe Kasten „Gilgamesch”). In einer sumerischen Königsliste wird der Heros als fünfter Herrscher von Uruk nach der Sintflut verzeichnet.
Van Ess auf der Suche nach Gilgamesch? „Nein. Aber es ist interessant, die niedergeschriebene Erinnerung und den archäologischen Befund abzuklopfen”, präzisiert sie. Erste Bohrungen im propagierten Kanal haben dessen Charakter als künstlichen Wasserlauf bestätigt, archäologisch brauchbare Grabungen stehen aber noch aus. Spannend sind natürlich auch die beiden Stellen, wo der Hauptkanal in die Stadt ein- beziehungsweise wieder herausgeflossen ist.
Fragen gibt es genug: Wie sehen die innerstädtischen Hafenbecken aus? Wie wurde das Zusammentreffen zweier Kanäle gemanagt – mit Schleusen? Was ist mit den Gebäudestrukturen, deren architektonische Beschaffenheit so gar nicht in diese Umgebung passt? Wie – und vor allem: wann – ist die Mauer gebaut oder verstärkt worden?
Die Archäologin murrt: „Es ist schon ärgerlich, nicht weiterzukommen!” Dass sie zu ihrer Heimatruine zurückkehren wird – das ist für Margarete van Ess sicher: „Die Frage ist nur: Wann” ?.
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Michael Zick
COMMUNITY LESEN ALLGEMEIN
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DER ALTE ORIENT
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Wolfgang Korn
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Die gängige wissenschaftliche Übersetzung:
Hartmut Schmökel
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Die umstrittene Übersetzung mit der sehr lesenswerten Nachdichtung des Gilgamesch-Epos:
Raoul Schrott
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KONTAKT
Die ältesten Original-Schrifttafeln aus Uruk befinden sich im Universitätsmuseum Heidelberg. Sie sind zur Zeit nicht zugänglich.
www.uni-heidelberg.de/univ/museen/urukw.html
Die umfassendste Sammlung altorientalischer Kunst und Kultur beherbergt das Vorderasiatische Museum Berlin, Museumsinsel
www.vorderasiatisches-museum.de
Berichte der Uruk-Grabung
www.dainst.org/index_2895_de.html
Ohne Titel
Die beleidigte Göttin weinte sich bei ihrer Mutter aus und forderte wutentbrannt von ihrem Vater:
„O Vater, Gilgamesch hat mich beleidigt,
mir viele schlimme Taten vorgeworfen,
(ja) üble Taten und (gar) böse Werke!…
O Vater, schaff für mich den Himmelsstier,
auf dass (zerschmettere er) Gilgamesch!”
Was war Empörendes geschehen? Gilgamesch, König von Uruk, hatte die eindeutigen Avancen von Inanna – Stadtgöttin von Uruk, Königin von Himmel und Erde, Göttin des Krieges und der Wollust – zurückgewiesen. Er hatte der heißblütigen Göttin das üble Schickal ihrer verflossenen Liebhaber vorgehalten und dankend verzichtet – ein unerhörter Affront. Doch Gilgamesch, der alles überragende Heros der altorientalischen Literatur – zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch –überstand den Anschlag der zornigen Göttin mit dem Himmelsstier.
Die Sage von dem ersten Menschen, der „Ich” sagte, und auf der faustischen Suche nach dem Sinn des Lebens den Zorn der Götter nicht fürchtete, ist um 2000 v.Chr. in Keilschrift festgehalten worden. Die mündlich traditierte Erzählung ging weit in die mesopotamische Vorzeit zurück. Es waren mehrere mythische Einzelgeschichten um den heldenhaften König von Uruk, sie wurden weit über den mesopotamischen Raum hinaus bekannt. Um 1200 v.Chr. schuf ein babylonischer Dichter aus den Einzelteilen ein durchgängiges und formvollendetes Epos. Dessen Abschrift klaubte der britische Archäologe Austen Layard 1849 auf Tontafel-Fragmenten vom Boden der Bibliothek Assurbanipals, des letzten großen assyrischen Königs (668 bis 627 v.Chr.). Das Wort „ Sintflut” stach dem britischen Gelehrten ins Auge – und bald war klar, dass die Verfasser des Alten Testaments bei ihrer Erzählung der „bi- blischen Sintflut” schamlos abgekupfert hatten. Nur Noah hieß bei den alten Babyloniern anders: Utnapischtim.
Die Entzifferung des Gilgamesch-Epos kann als abgeschlossen betrachtet werden, auch wenn immer wieder Bruchstücke auftauchen – wie jüngst in den Arsenalen des Vorderasiatischen Museums in Berlin. Was den heutigen Leser an der über 4000-jährigen Geschichte fasziniert, ist die modern anmutende Mischung aus Kampf mit den Naturgewalten, Sexualität und Freundschaft als Überwindung der Naturtriebe, die Suche nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Bewusstsein, der Wunsch nach Unsterblichkeit.
Gilgamesch, König von Uruk, kujoniert nach der Erzählung seine Untertanen mit harter Fronarbeit für die Stadtmauer. Das Volk murrt und beschwert sich bei den Göttern. Die schaffen aus Lehm einen Gegenspieler, den „Wilden” Enkidu, der mit den Tieren lebt. Von einer Prostituierten mit reichlich Beischlaf, Brot und Bier sozialisiert, kommt Enkidu in die Stadt und kämpft mit Gilgamesch. Da keiner siegen kann, werden sie Freunde, die nach hochfahrender Männerart hauptsächlich Kraftmeierei und Unsinn im Kopf haben: „Einen Namen will ich mir machen!”.
Bäume fällen im Libanon zum Beispiel, ist dem Menschen verboten. Doch die hochwachsenden Zedern des Mittelmeerlandes sind begehrtes Bauholz für die immer größer werdenden Tempel und Paläste. Beim Holz-Raubzug bringen die beiden Freunde den Wächter des Zedernwaldes Chumbaba um.
Zurückgekehrt nach Uruk, bekommt Gilgamesch das erotische Angebot seiner Stadtgöttin, das er rüde ablehnt. Den zur Rache ausgesandten Himmelsstier können die beiden Gefährten töten, doch das zieht den – von den Göttern dafür beschlossenen – Tod Enkidus nach sich. Gilgamesch stürzt in tiefe Verzweiflung – und denkt wohl zum ersten Mal nach: Wofür lebe ich? Was ist mein Schicksal? Wo ist Unsterblichkeit?
Nach langen Wanderungen und vielen Gefahren kommt Gilgamesch zu Utnapischtim und dessen Frau, den einzigen Überlebenden der Sintflut. Utnapischtim, der altmesopotamische Noah, schildert ihm ausführlich Sinn und Verlauf der Sünden löschenden Wassermassen und verrät dem Sinnsucher, wie er unsterblich werden kann: Ein Wunderkraut am Meeresgrund werde ihn verjüngen. Gilgamesch findet die Pflanze, doch bevor er sie essen kann, wird sie ihm von einer Schlange geraubt. Der König von Uruk erkennt, daß der Mensch nicht für die Unsterblichkeit bestimmt ist. Gereift kehrt er in seine Stadt zurück und betrachtet nunmehr gelassen den Bau „ seiner” Stadtmauer – sie wird ihn unsterblich machen.
Rat der Wirtin Suduri an Gilgamesch
Gilgamesch, fülle deinen Bauch,
sei fröhlich bei Tag und Nacht,
lass jeden Tag ein Fest der Freude sein …
Blicke das Kind an, das deine Hand hält,
Lass deine Frau sich an deiner Umarmung erfreuen!
Dies allein ist die Aufgabe des Menschen.
Ohne Titel
Vor einem Jahr verkündete der amerikanische Präsident das Ende der aktiven Kriegshandlungen im Irak, dem antiken Mesopotamien. Seitdem liegen die zahlreichen archäologischen Ausgrabungen in der Geburtsregion menschlicher Zivilisation brach – oder werden von Militär und Raubgräbern für immer zerstört. Wir beschreiben zwei geschichtsträchtige Stätten: in diesem Heft Uruk, die erste Großstadt – in der Juni-Ausgabe Assur, die Metropole des ersten Weltreichs.
Ohne Titel
· In Südmesopotamien startete der – nach der Sesshaftwerdung – zweite Zivilisationsschub der Menschheit: die Urbanisierung.
· Nahrungsüberschuss ließ die Bevölkerung wachsen, die Arbeitsteilung setzte ein, Kunst und Kultur blühten auf.
· Uruk am Euphrat war die erste Großstadt. Hier wurde die Schrift erfunden – als Hilfe für die Bürokraten.





