Als die ersten modernen Menschen in Europa auftauchten, lebten die Neandertaler dort bereits seit über hunderttausend Jahren. Dank etlicher Funde können wir uns inzwischen zwar schon ein recht genaues Bild über diese Steinzeit-Cousins des Homo sapiens machen. Trotzdem liegen viele Details über ihr Leben noch im Dunkeln. Neue Einblicke in einen prägenden Lebensabschnitt der Frühmenschen liefern nun rund 250.000 Jahre alte Zähne aus dem Südosten Frankreichs. Diesen sterblichen Überresten zweier Neandertaler haben Forscher interessante Geheimnisse über die Kindheitsjahre unserer Vettern entlockt. Möglich war dies, weil Zähne in einer gewissen Hinsicht Bäumen gleichen: Ihre Wachstumsringe lassen sich lesen wie Tagebucheinträge. So bildet sich während der kindlichen Entwicklungsphase regelmäßig eine neue Schicht Zahnschmelz. Der Gehalt bestimmter Elemente in diesen Schichten kann Hinweise auf die Ernährung und die Umwelt liefern, der die Kinder ausgesetzt sind.
Ein Frühlingskind
Das Team um Tanya Smith von der Griffith University im australischen Brisbane analysierte für seine Studie unter anderem das Vorkommen bestimmter Sauerstoffisotope und die Bariumkonzentrationen in den Zähnen. Auf diese Weise vollzogen die Wissenschaftler in wöchentlichen Intervallen nach, was die beiden Neandertaler gegessen und getrunken hatten und wie die klimatischen Bedingungen in deren Umgebung gewesen waren. So konnten sie anhand der Sauerstoffisotope im Zahnschmelz beispielsweise feststellen, dass einer der Frühmenschen im Frühling auf die Welt gekommen sein muss. Der Bariumgehalt im Zahn offenbarte wiederum, wie lange dieses Kind von seiner Mutter gestillt wurde. Bekannt ist, dass Säuglinge über die Muttermilch relativ viel Barium aufnehmen und dass die Aufnahme dieses Elements weniger wird, wenn andere Nahrung hinzukommt.
Bei dem Neandertaler zeigten sich stark erhöhte Bariumwerte bis zum neunten Lebensmonat, wie die Forscher berichten. Danach sank der Spiegel etwas ab und blieb dann bis zum Alter von zweieinhalb Jahren konstant, bevor er dramatisch abfiel – ein Zeichen dafür, dass das Kind zu diesem Zeitpunkt endgültig abgestillt wurde. “Interessanterweise entsprechen unsere Ergebnisse bekannten Mustern”, schreibt das Team. “Die meisten Säugetiere bringen ihren Nachwuchs im Frühling zur Welt, wenn das Nahrungsangebot groß ist. Und im vorindustriellen Zeitalter haben auch moderne Menschen ihre Kinder in der Regel im Alter von zweieinhalb Jahren abgestillt.” Allerdings: Auf Basis dieses einen Fundes lassen sich noch keine allgemeinen Aussagen über das Gebär- und Stillverhalten der Neandertaler treffen – zumal sich im zweiten Zahn nicht die charakteristischen Bariumspitzen zeigten.





