Ein Neandertaler-Zeh im Denisova-Gebiet
2010 dann entdeckten russische Forscher in der Denisova-Höhle ein weiteres Frühmenschenfossil. Der 50.000 Jahre alte Zehenknochen stammte aber nicht von einem Denisova-Menschen, sondern von einer Neandertalerfrau. Ihr Erbgut hat ein internationales Forscherteam um Pääbo und seinen Kollegen Kay Prüfer jetzt in hoher Auflösung analysiert. Das machte es möglich, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Denisova-Menschen, aber auch heute lebenden Menschen genauer als bisher zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werfen nun ein neues Licht auf die verworrene Frühgeschichte unserer Spezies.
Demnach lebten Neandertaler und Denisova-Menschen mehrere hunderttausend Jahre nebeneinander im gleichen Gebiet. Der gemeinsame Vorfahre beider spaltete sich den neuen Daten nach vor rund 550.00 bis 765.000 Jahren von den Urahnen des modernen Menschen ab. Neandertaler und Denisova-Menschen trennten sich dann vor rund 445.000 bis 473.000 Jahren. Allerdings gab es wohl auch danach noch durchaus einige Affären zwischen Angehörigen beiden Gruppen. Denn wie die Forscher feststellten, gaben die Neandertaler immerhin noch 0,5 Prozent ihrer Gene nachträglich an die Denisova-Menschen weiter.
Unbekannter Frühmensch mischte mit
Beim Vergleich mit dem Denisova-Erbgut entdeckten die Forscher zudem Überraschendes: Immerhin bis zu acht Prozent ihres Genoms stammte weder vom Neandertaler noch von einem gemeinsamen Vorfahren. Stattdessen deutet alles darauf hin, dass eine weitere unbekannte Menschenform hier ihre genetischen Spuren hinterließ. Dieser frühe Hominide war allerdings sehr viel urtümlicher, er muss sich schon vor 1,1 bis 4 Millionen Jahren vom Stammbaum der restlichen Menschenarten getrennt haben, wie die Wissenschaftler berichten. “Dieser Zeitrahmen spricht dafür, dass dieser unbekannte Frühmensch ein Homo erectus gewesen sein könnte”, erklären Prüfer und seine Kollegen. Denn dieser begann vor rund 1,8 Millionen Jahren, Afrika zu verlassen. Eine Gruppe dieser Auswanderer könnte in Sibirien gelandet sein und sich dort mit den Denisova-Menschen vermischt haben.
“Das zeigt wirklich, dass die Geschichte des Menschen und seiner Verwandten in dieser Zeit sehr kompliziert war”, konstatiert Koautor Montgomery Slatkin von der University of California in Berkeley. “Es gab offenbar eine Menge Kreuzungen zwischen ihnen, von denen wir nun wissen und wahrscheinlich viele weitere, die wir noch nicht entdeckt haben.” Ein weiterer Fund der Forscher verwundert daher kaum mehr: Neben den Inselbewohnern des Pazifik und den Aborigines tragen offenbar auch Festlandasiaten und amerikanische Ureinwohner rund 0,2 Prozent Erbgut vom Denisova-Menschen in sich.





