Angst, Ärger und Hilflosigkeit wirken eher verstärkend auf den Schmerz, während ihn Verständnis und Fürsorge für den Betroffenen erträglicher machen. Ob und in welcher Form der Einzelne seine Beschwerden nach außen hin zeigt, ist ein teilweise erlerntes Verhalten und von Kultur zu Kultur verschieden. So gehört nach dem Sprichwort “Harte Männer weinen nicht!” für viele das stille Erdulden von Schmerzen zum Mannsein dazu. “Schmerzverständnis und Schmerzverarbeitung sind teilweise abhängig von kulturellen und situationsbedingten Faktoren”, erklärt die Diplom-Psychologin Ursula Frede gegenüber ddp.
Beispielsweise nehmen Betroffene Verletzungen, bei denen sie nicht abschätzen können, wie gefährlich sie sind, häufig als viel schmerzhafter wahr. Ein Verletzter bei einem Verkehrsunfall leidet daher oftmals stärker als dieselbe Person es in einer anderen Situation tun würde. Der Grund dafür ist, dass der Patient seine Lage nicht einschätzen kann und so zusätzlich verunsichert ist. Bei einem Frontsoldaten hätte eine ähnliche Verletzung vielleicht eher eine positive Bedeutung, da er erst einmal in einem Lazarett versorgt und somit in Sicherheit sein wird und nicht sofort an die Front zurück muss.
“Die Kultur, in der wir leben und die persönliche Einstellung verändern ziemlich eindeutig, wie Schmerz erfahren wird”, schreibt David Morris in seinem Buch “Geschichte des Schmerzes”. Unterschiede gibt es dabei vor allem im Hinblick darauf, wann Schmerzen gesellschaftlich akzeptiert oder als besonders belastend anerkannt werden. “Quäl Dich, Du Sau!”, bekam Jan Ullrich 1997 auf seinem Weg zum Sieg der Tour de France zu hören. Tatsächlich gehören Schmerzen für ihn und viele andere Leistungssportler zur Tagesordnung. Diese werden meistens nicht als Gefahr für die eigene Gesundheit eingestuft, sondern als Trainingsfortschritt oder als notwendig zur Leistungssteigerung.
Geburtsschmerzen wiederum akzeptieren westliche Kulturen als selbstverständlich. Das muss aber nicht so sein. In Mikronesien und im Amazonasgebiet ist das Phänomen des “Männerkindbetts” weit verbreitet: Frauen unterbrechen ihren Arbeitstag für die Geburt ihres Kindes nur zwei bis drei Stunden und zeigen währenddessen kaum Anzeichen von Schmerzen. Der werdende Vater hingegen scheint während der Geburt und einige Tage danach starke Schmerzen zu empfinden. Ohne diese würde er von seinen Mitmenschen nicht als der rechtmäßige Vater des Kindes anerkannt.
“Es hilft Menschen, Schmerzen zu ertragen, wenn sie diese in einen übergeordneten Zusammenhang einordnen und ihren Schmerzen damit einen gewissen Sinn geben können”, erklärt Ursula Frede. “Leben ist Leiden”, heißt es beispielsweise im Buddhismus. In westlichen Industrienationen gibt es dagegen keine akzeptierende Grundhaltung gegenüber Schmerzen. Schmerzpatienten leiden daher häufig auch darunter, dass sie nicht als voll funktionsfähig anerkannt werden. Körperliche Beschwerden gelten dort oft als unannehmbarer Störfaktor, der schnell behoben werden muss, was dank moderner Medizin heute besser denn je gelingt.
Das war nicht immer so: Operative Eingriffe, vom Ziehen von Zähnen bis zu Amputationen, können erst seit 1846 mit Betäubung durchgeführt werden. Dank der Fortschritte in der Medizin können die Menschen erst seit eineinhalb Jahrhunderten auf ein mehr oder weniger schmerzfreies Leben hoffen. In den meisten Kulturen und Zeitepochen waren und sind Schmerzen jedoch eine allgegenwärtige Erfahrung, für die es kaum Abhilfe gibt und die erduldet werden müssen.
Auch im europäischen Kulturkreis wurden Schmerzen früher anders wahrgenommen. Deutlich wird das beispielsweise durch das früher weit verbreitete Wort “Pein”. Es stammt von dem lateinischen Begriff “Poena” ab und bedeutet Buße oder Strafe. Im Mittelalter glaubten viele Menschen, dass sie durch körperliche Schmerzen für ihre Sünden in dieser Welt büßen und so den Höllenqualen im Jenseits entgehen könnten. So lässt sich auch nachvollziehen, warum Heilige, die für andere Sünder Schmerzen erduldeten, verehrt wurden.





