Die meisten Affen und Menschenaffen ernähren sich vorwiegend pflanzlich. Zwar machen beispielsweise Paviane und Schimpansen ab und zu auch Jagd auf Tiere, aber deren Fleisch ist eher ein seltenes Festmahl als ein fester Teil ihres Speiseplans. Anders ist dies bei uns Menschen: Unsere Vorfahren lebten als Jäger und Sammler, wie es manche Naturvölker heute noch praktizieren. Dieser Übergang zum Fleischverzehr gilt als eine entscheidende Wende in der menschlichen Evolution. Weil Fleisch mehr Kalorien, Proteine und Nährstoffe liefert als pflanzliche Kost, könnte diese Ernährungsumstellung erklären, warum die Vor- und Frühmenschen begannen, ein im Verhältnis zu ihren Primatenverwandten immer größeres Gehirn zu entwickeln. Wegen der höheren Energiedichte von Fleisch mussten unsere Vorfahren zudem weniger Zeit aufs Nahrungssammeln und Essen verwenden – das verschaffte ihnen mehr Zeit, um Werkzeuge zu entwickeln und voneinander zu lernen.
Wann begannen unsere Vorfahren mit dem Fleischessen?
Doch bisher ist unklar, welche unserer Vorfahren als erste damit begannen, regelmäßig Fleisch zu essen. “Steinwerkzeuge und Zeugnisse von Tierschlachtungen wie Schnittspuren an Knochen, liefern Indizien für regelmäßigen Verzehr von Fleisch und Knochenmark vor rund zwei Millionen Jahren”, berichten Tina Lüdecke vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und ihre Kollegen. Das legt nahe, dass die Frühmenschen der Gattung Homo bereits Jäger und Sammler waren. Allerdings fehlen direkte Belege dafür. Noch dünner war die Datenlage für Vormenschen wie die Australopithecinen, die schon vor mehr als drei Millionen Jahre im südlichen und östlichen Afrika lebten. Auch von einigen dieser Homininen gibt es Funde von Steinwerkzeugen “Aber ob die Australopithecinen diese Werkzeuge gezielt herstellten, um damit Tiere zu jagen und zu zerlegen, ist strittig”, erklären die Forschenden.
Einer der Gründe dafür ist, dass die Analyse der Stickstoffisotope, der wichtigsten Methode für die Bestimmung der Ernährungsweise bei fossilen Lebewesen, bisher nicht bei so alten Relikten funktionierte. Dabei verrät das Verhältnis des schwereren Stickstoffisotops 15N zur leichteren Variante 14N, ob ein Tier Pflanzen- oder Fleischfresser ist und wie weit oben es in der Nahrungskette steht. Je höher der Anteil von Stickstoff-15 in den Geweben eines Tieres ist, desto höher steht es in der Nahrungskette.
Doch das für diese Isotopenanalysen notwendige organische Material in Knochen, Haaren, Krallen oder den Zahnwurzeln bleibt in der Regel nur wenige zehntausend Jahre lang gut genug erhalten. Daher ließ sich diese Methode bisher nicht bei Millionen Jahre alten Homininenfossilien anwenden. Lüdecke und ihr Team haben jedoch ein Verfahren entwickelt, mit dem sie das Stickstoffisotopenverhältnis auch in solchen Relikten bestimmen können. Neu daran ist, dass die Forschenden nicht Knochen oder andere leicht degradierende Materialien untersuchen, sondern den Zahnschmelz. Er besteht vorwiegend aus mineralischen, anorganischen Verbindungen und ist daher sehr haltbar. “Aber eine geringe Menge an organischem Material ist zwischen und in diesen dicht gepackten Kristalliten eingeschlossen und dadurch geschützt”, erklärt das Team. Dank besonders hochauflösender, sensitiver Analysetechniken, die es bisher nur zweimal auf der Welt gibt – am MPI in Mainz und an der Princeton University in den USA – konnten Lüdecke und ihr Team nun erstmals die Ernährungsweise von Vormenschen isotopisch bestimmen, die vor 3,7 bis 3,3 Millionen Jahren lebten.





