Die farblich gefasste Büste der Nofretete, deren Auffinden sich am 6. Dezember 2012 zum 100. Mal jährt, ist längst zu einem Wahrzeichen der Kulturmetropole Berlin geworden. Nofretete steht nicht nur emblematisch für die Museumsinsel und ihre Kulturschätze, Nofretete gehört zweifellos auch zu den Kunstwerken mit der höchsten Medienpräsenz. Und Nofretete provoziert immer wieder die Frage nach ihrer rechtmäßigen Anwesenheit in Berlin.
Um es gleich vorwegzunehmen: Nofretete ist rechtmäßig im Eigentum der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Nach ägyptischem Antikengesetz stand die Hälfte der Funde aus Ludwig Borchardts Ausgrabungen in Tell el-Amarna 1912/1913 der deutschen Seite zu. Im Zuge der Fundteilung wurde die Büste der Nofretete den Deutschen zugesprochen. Vereinzelte Behauptungen, Borchardt hätte dabei den ägyptischen Antikendienst zu täuschen versucht, indem er die Büste bis zur Unkenntlichkeit mit Lehm beschmierte, gehören ins Reich der Fantasie. Bereits vor der Aufteilung wurden der ägyptischen Seite zur Vorbereitung eine Inventarliste und Fotos der wichtigsten Stücke ausgehändigt, auch von der Büste der Nofretete, die damals noch gar nicht so berühmt war. Man wusste also sehr wohl, was mit den deutschen Ausgräbern zu verhandeln war. Trotzdem wurde Nofretete Borchardt überlassen, der sie in Berlin James Simon als rechtmäßigem Eigentümer übergab, weil er die Arbeiten in Tell el-Amarna finanziert hatte. Dieser wiederum schenkte sie 1920 zusammen mit der gesamten Amarna-Sammlung den Staatlichen Museen zu Berlin.
Die Faszination der antiken Kulturen des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens im 19. und frühen 20. Jahrhundert war groß, weil mit ihren Relikten Geschichte buchstäblich dem Boden zu entreißen war. Archäologische Ausgrabungen führten zur Wiederentdeckung versunkener Kulturen, die den Blick in früheste Epochen der Menschheitsgeschichte öffneten. Die geradezu besessene Suche Heinrich Schliemanns nach Troja steht beispielhaft dafür. Troja und die Antike, aber auch Altägypten und Mesopotamien waren damals längst Teil unserer eigenen europäischen Geschichte und unseres Selbstverständnisses: Die kulturellen und historischen Leistungen Europas sah man als logische Fortentwicklung jener zivilisatorischen Errungenschaften der frühen Hochkulturen des Vorderen Orients.
Diesem Geiste geschichtlicher Teilhabe entsprangen auch die damals geltendem Recht folgenden Aufteilungen der Funde zwischen den finanzierenden Institutionen und dem Lizenz erteilenden Land. Dieses Prinzip, das ausländische Archäologen ins Land locken sollte, gehört längst der Vergangenheit an. Doch im Kontext der damaligen historischen Situation hat es bis heute sehr wohl seine juristische und moralische Legitimation. Vielfach ging es schlicht um die Rettung der Denkmäler: Als Carl Humann sah, wie Bewohner des Dorfes Bergama am Fuß des Burgbergs von Pergamon mit antiken Reliefs verzierte Steinblöcke zu Kalk brannten, sicherte er die Reste des Pergamon-Altars buchstäblich in letzter Minute. Seine große Tat war eine der bedeutendsten Rettungsaktionen der Kunst- und Kulturgeschichte, und sie verdient unser aller Respekt, auch den der Türkei.
Das gebetsmühlenartige Wiederholen der Forderung nach Rückgabe (Restitution) heute ist rückwärts gewandt – bei allem Respekt für die vielfach emotional begründeten Wünsche. Entscheidend ist allein die Rechtmäßigkeit des Erwerbs. Insofern werden Kulturgüter, die im Zuge von politischen Geschenken oder durch reguläre Fundteilungen außer Landes gelangten, in der Regel nicht mehr dorthin zurückkehren. Allerdings setzt eine solche Haltung auch voraus, dass strittige Einzelfälle genau geprüft werden. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat vor Kurzem die sogenannte hethitische Sphinx aus Bogazköy der Türkei übergeben. Sie stammt aus einer Untersuchung von 1906 und 1907, als Bogazköy noch eine türkische Grabung mit lediglich deutscher Beteiligung war. Es spricht einiges dafür, dass die Fragmente von zwei Sphingen und Tausende von Tontafeln 1917 nur zu Restaurierungszwecken nach Berlin kamen. Möglicherweise gab es mündliche Absprachen über den Verbleib einer der beiden Sphingen in Berlin, vielleicht existierten auch schriftliche Unterlagen, die jedoch im Krieg mit Teilen des Museumsarchivs verbrannt sind.
Tatsache ist, dass sich die deutsche Seite aufgrund der Faktenlage keinesfalls zu einer Herausgabe gezwungen sah, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sich aber dennoch dafür entschied – allerdings ausdrücklich nicht als Restitution, sondern als eine Geste, die einzig den historisch besonders engen und freundschaftlichen Beziehungen Deutschlands zur Türkei geschuldet sein sollte. Überdies war die freiwillige Übergabe der Sphinx an die Türkei mit einem klaren Bekenntnis zur Intensivierung der archäologischen und musealen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern verbunden. Dass die Türkei jedoch derzeit nicht daran interessiert ist und den Berliner Museen weiterhin Leihgaben für Ausstellungen und eine intensivere Zusammenarbeit verwehrt, zeigt einmal mehr, dass lautstark vorgetragene Restitutionsforderungen und kulturpolitische Muskelspiele offenbar in erster Linie persönliche Karrieren der Akteure im eigenen Land befördern sollen. Das Wohl der Kulturgüter haben sie weniger im Auge.
So überzieht gerade die Türkei derzeit alle westlichen Länder, in deren Sammlungen sich Objekte aus ihrem Territorium befinden, mit Rückgabeforderungen. Den Hinweis darauf, dass ihre eigenen Museen bedeutende Kulturgüter aus dem Libanon, Syrien und dem Irak besitzen, wird dagegen gerne als billige Polemik abgewiegelt. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.
Aber man muss sich auch ernsthaft fragen: Stellen die in früheren Zeiten rechtmäßig in europäische und nordamerikanische Museen gelangten Kunstwerke, die dort in der Regel vorzüglich konserviert und einem Millionenpublikum aus aller Welt zugänglich gemacht werden, heute wirklich das Kernproblem dar, wenn es um das archäologische Kulturerbe geht?
In erster Linie im Mittelmeerraum und im Nahen Osten, aber auch überall sonst auf der Welt nehmen Raubgrabungen inzwischen nahezu industrielle Ausmaße an. Hinzu kommen unkontrollierte Baumaßnahmen, verstärkt durch ein enormes Bevölkerungswachstum, sowie Kriege und Bürgerkriege. Wer sich heute auf Restitutionsforderungen von anno dazumal verlegt, verschließt die Augen vor der Realität.
In einigen Jahren wird wohl ein Großteil des im Boden befindlichen kulturellen Erbes der Menschheit vernichtet oder zumindest seines historischen Kontextes beraubt sein. Die Kulturpolitiker und Antikenverwalter mancher Länder finden dafür jedoch kaum klare Worte, von Taten ganz zu schweigen. Zur Entschärfung dieser Bedrohung wären rasch greifende gemeinsame Strategien und ein koordiniertes internationales Handeln erforderlich. Stattdessen setzt beispielsweise die Türkei deutsche Ausgräber mit der Forderung nach völlig überzogenen, wissenschaftlich und denkmalpflegerisch fragwürdigen und zudem kaum finanzierbaren Rekonstruktionen auf Ruinenplätzen so massiv unter Druck, dass die Fortführung jahrzehntelanger Ausgrabungsprojekte ernsthaft gefährdet ist: Vorne entstehen Disneyland-Kulissen, und hinten werden nächtens die Kulturgüter aus dem Boden gescharrt – keine schöne Vorstellung.
Doch Politik ist ein bewegtes Geschäft, und die Haltung unserer Partnerländer mag in einigen Jahren wieder eine andere sein. Tatsache ist, dass wir dort Gäste sind und deshalb auf die wirklichen Erfordernisse dieser Länder Rücksicht zu nehmen haben. Der Wunsch nach Disneyland gehört jedoch nicht dazu. Archäologische Forschungstätigkeit ist naturgemäß Teil einer modernen Außenwissenschaftspolitik unsererseits, die auf Partnerschaft und Gleichberechtigung setzen muss. Dazu gehört auch, dass wir die in den deutschen Museen befindlichen Kulturgüter stärker als bisher zum Aufbau internationaler Kooperationen nutzen, in die es Wissenschaftler aus den Ursprungsländern dieser Objekte einzubinden gilt. So bereiten internationale Tagungen des Ägyptischen Museums in Berlin im Umfeld des 100. Jahrestages der Auffindung von Nofretete den Weg für eine umfassende Bearbeitung der in Berlin befindlichen Funde aus Tell el-Amarna durch ein internationales Forscherteam, an dem auch die ägyptische Seite mitwirken wird.
Die internationalen Kooperationen der Staatlichen Museen zu Berlin bieten viele Beispiele für gelungene wissenschaftliche Teilhabe. Stellvertretend sei die berühmte Turfan-Sammlung von den Seidenstraßen-Expeditionen des Berliner Völkerkundemuseums Anfang des 20. Jahrhunderts genannt. Ihre einzigartigen Wandmalereien und andere Kunst- und Schriftzeugnisse, die sich heute im Museum für Asiatische Kunst befinden, sind in ein zukunftsweisendes Projekt eingebunden, an dem sich weitere europäische Museen sowie Institutionen in Peking und Urumqi (Xinjiang) beteiligen. Das Ziel ist, die weltweit verteilten Bestände und Expeditionsunterlagen zu digitalisieren, über eine Internetplattform zusammenzuführen und der internationalen Forschung zugänglich zu machen. Es geht um Teilhabe und gemeinsame Verantwortung, unabhängig vom Aufbewahrungsort der Kulturgüter.
Objekte von allen Kontinenten und aus allen Epochen bieten die einmalige Chance, die Weltgeschichte des Menschen von Anbeginn an auf ganz besondere Art und Weise verständlich zu machen. Denn die Gegenstände sind Zeitzeugen, ganz alltägliche Dinge ebenso wie Kunstwerke. Dabei muss ein modernes Universalmuseum heute ein Museum für alle sein. Es muss Besucher aus aller Welt ebenso faszinieren wie eine ethnisch, religiös, kulturell und sozial immer differenzierter werdende Gesellschaft.
Die Möglichkeit zur Teilhabe ist entscheidend und muss das große Angebot der Universalmuseen für die Zukunft sein. Sie sollten sich zu supranational orientierten Einrichtungen entwickeln, die von Menschen aus der ganzen Welt genutzt werden. Sie können damit einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt und zum gegenseitigen Verständnis der Völker in einer längst globalisierten Welt leisten. In der Mitte Berlins wird dafür ein herausragender Ort entstehen: Die Museumsinsel mit der Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens sowie das Humboldt-Forum im Schloss mit der Kunst und Kultur Afrikas, Asiens, Amerikas, Australiens und Ozeaniens. Museumsinsel und Humboldt-Forum werden eine intellektuelle Einheit bilden, und die ganze Welt wird dort vereint sein. ■
Ohne Titel
Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einer der größten Kultureinrichtungen weltweit. Der Historiker und Archäologie-Professor (Jahrgang 1959) war von 2003 bis 2008 Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Mit sensationellen Skythen-Funden hat er sich international einen Namen gemacht.
Ausstellung
IM LICHT VON AMARNA
100 Jahre Fund der Nofretete
7. Dezember 2012 bis 13. April 2013
Neues Museum
Bodestraße 1–3
10178 Berlin
www.neues-museum.de





