Wie der Herzschlag die Psyche beeinflusst
Azevedo und seine Kollegen haben nun einen Aspekt dieser Körper-Gehirn-Kommunikation im Kontext von Vorurteilen näher untersucht – den Herzschlag. Schon länger ist bekannt, dass die Blutdruckrezeptoren an den herznahen Arterien bei jedem Herzschlag Rückmeldung an das Gehirn senden und gleichzeitig dazu beitragen, den Blutdruck und Puls zu regulieren. Darüber hinaus aber beeinflussen die Signale dieser Barorezeptoren auch unsere Psyche: “Das Feuern der Rezeptoren moduliert eine Reihe von psychologischen Reaktionen, darunter die Verarbeitung von Sinnesreizen und Schmerzen, aber auch das Lang- und Kurzzeitgedächtnis”, erklären die Forscher. Die Reaktion eines Menschen fällt daher leicht unterschiedlich aus, je nachdem ob ein äußerer Reiz direkt beim Herzschlag, also der Systole, eintrifft oder aber im Blutdruck-“Tal” zwischen den Herzschlägen. Für ihre Studie führten die Forscher daher mit männlichen und weiblichen Versuchspersonen zwei klassische Vorurteilstests durch, deren entscheidender Reiz jeweils entweder mit dem Herzschlag zusammenfiel oder mit dem “Tal”.
Im ersten Experiment sahen die Versuchspersonen ein Foto eines schwarzen oder weißen Amerikaners und unmittelbar darauf kurz das Bild entweder eines Werkzeugs oder einer Waffe. Per Klick sollten die Versuchspersonen nun angeben, was sie gesehen zu haben glaubten – Waffe oder Werkzeug. “Das Vorhandensein von rassebezogenen Vorurteilen spiegelt sich in diesem Test typischerweise darin wieder, dass die Probanden nach dem Bild eines Schwarzen häufiger eine Waffe zu erkennen glauben”, erklären die Wissenschaftler. Im konkreten Tests jedoch zeigte sich Überraschendes: Wurden die Bilder zwischen den Herzschlägen gezeigt, gab es nur geringe Hinweise auf unbewusste Vorurteile bei den Probanden. Anders dagegen, als Testbilder genau mit dem Blutdruckschub der Systole zusammenfielen: Nun glaubten die Probanden nach den Fotos der Afroamerikaner signifikant häufiger eine Waffe zu sehen als nach dem Portrait eines Weißen. “Mit anderen Worten: Die Verarbeitung potenziell rasserelevanter Reize führt während der Systole zu mehr vorurteilsbedingten Fehlern als während der Diastole”, berichten Azevedo und seine Kollegen.
Hoher Puls – mehr stereotype Irrtümer
Dieser Effekt bestätigte sich in einem zweiten Experiment. In diesem nahmen die Probanden am Bildschirm die Perspektive eines klassischen “Ego-Shooters” ein. Dann wurde eine Person eingeblendet, die einen Gegenstand in der Hand hielt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sollten die Probanden nun entscheiden, ob ihr Gegenüber eine Waffe hielt oder nicht und im ersten Falle schießen. “Typischerweise schießen Probanden bei diesem Test eher irrtümlich auf Schwarze als auf Weiße, erklären die Forscher. Doch die Auswertung ergab auch hier einen engen Zusammenhang mit der Herzschlag-Phase: Während die Systole erschossen die Probanden zehn Prozent häufiger irrtümlich einen schwarzen Gegner als zwischen den Herzschlägen.





