Schon Hermann war eine wilde Mischung
Doch all dies ist ein purer Irrglaube und Mythos, wie Ann Gibbons nun in einem Artikel im Fachmagazin “Science” noch einmal deutlich darlegt. “Die wenigsten von uns sind wirklich die direkten Nachkommen der Menschen, deren Skelette in unserer Nachbarschaft gefunden wurden”, erklärt sie. “Auch die Deutschen haben kein einzigartiges genetisches Erbe, das sie schützen müssten. Denn sie und alle anderen Europäer sind ohnehin längst ein Mischmasch – Nachfahren wiederholter urzeitlicher Einwanderungen.” Schon Hermann der Cherusker war alles andere als ein lupenreiner Mitteleuropäer. Er trug in sich das Erbe von mindestens drei großen Einwanderungswellen – und damit von Migranten aus Gebieten außerhalb Europas, die unsere Herkunft und Kultur entscheidend prägten. “Das ganze Konzept eines ethnischen Deutschen ist aberwitzig, wenn man sich die großen Zusammenhänge anschaut”, sagt auch der israelische Archäologe Aren Maeir.
Belege für unsere durch Migrationen geprägten Wurzeln haben in den letzten Jahren gleich mehrere großangelegte Genstudien geliefert. Durch Vergleiche der DNA verschiedener Populationen und auch DNA-Proben von alten Skeletten ist es Forschern gelungen, ein neues Licht auf die komplexe Geschichte der Europäer zu werfen. Die Ergebnisse enthüllen unter anderem, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens, die vor rund 40.000 nach Europa eingewanderten, schon wenig später größtenteils wieder verdrängt wurden. Denn als sich nach der letzten Eiszeit vor rund 14.000 bis 19.000 Jahren die Gletscher langsam zurückzogen, wanderten Jäger und Sammler aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa ein. Sie bildeten die erste große Einwanderungswelle.
Anatolier und Steppenreiter
Vor rund 9.000 Jahren begann dann mit dem Übergang zur Jungsteinzeit die Einwanderung der ersten Bauern aus dem Nordwesten Anatoliens. Sie vermischten sich mit den Bewohnern des damaligen Europa und hinterließen damit auch genetisch ihr Erbe in nahezu jedem heutigen Europäer, wie Forscher herausfanden. Die ersten Bauern brachten nicht nur ihre Gene und die Technologie der Landwirtschaft mit. Wir verdanken ihnen auch einen tiefgreifenden kulturellen Wandel: Aus nomadischen Jägern und Sammlern entwickelten sich in Mitteleuropa die sesshaften Bauern der Linearbandkeramik-Kultur. Die dritte große Welle folgte in der frühen Bronzezeit: Vor rund 5.000 Jahren strömten die Jamnaja, ein halbnomadisches Volk von Steppenreitern, nach Südosteuropa ein. Erst vor Kurzem enthüllten DNA-Vergleiche, dass vor allem die Männer der Jamnaja ihre Spuren im Erbgut der heutigen Europäer hinterlassen haben. Offenbar zeugten sie damals rege Nachwuchs mit den bereits im Donaugebiet ansässigen Bauerntöchtern, vermuten die Forscher. Ein Großteil der heutigen Europäer geht sogar auf nur eine Handvoll dieser bronzezeitlichen Einwanderer zurück, wie die Genstudien ergaben.





