“Es dürfte noch eine Zeit dauern, bis wir einen bekennenden Atheisten im weißen Haus erleben”, so mutmaßen die beiden Wissenschaftler in ihrem Artikel, den sie in “Newswise” veröffentlicht haben. “Einfach gesagt, die Amerikaner erwarten von ihren höchsten Würdenträgern, dass sie religiös sind – oder zumindest nicht anti-religiös.” Das ist sowohl bei George W. Bush als auch bei Al Gore gegeben. Ersterer ist Methodist und sagt, dass Jesus Christus der einflussreichste Philosoph in seinem Leben sei. Letzterer ist seit Ende der 70-er Jahre Baptist. Obwohl beide ihren christlichen Glauben als einen Eckpfeiler in ihrem Leben sehen, enthalten sie sich in ihrer politischen Rhetorik einer bestimmten Art von explizit christlicher Sprache, die sie als engstirnige oder intolerante religiöse Eiferer ausweisen könnte.
Während Dick Cheney, der im Falle von George W. Bushs Wahlsieg Vize-Präsident werden würde, ebenfalls Methodist ist, ist der künftige Vize von einem potenziellen Präsidenten Al Gore Jude. Dies ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil Joe Lieberman nicht zu den weltlichen Juden mit linksliberalen Einstellungen zählt, sondern ein praktizierender und orthodoxer Jude ist . Manch ein Amerikaner glaubte deshalb, dass dies die Chancen für Gore sinken lassen würde. Doch nach Meinung der beiden Religionswissenschaftler muss hier noch einmal um die Ecke gedacht werden. Gerade die orthodoxen Juden seien es nämlich, denen konservative christliche Kreise eine philosemitische Haltung entgegenbrächten. Dahinter stehe die sehr amerikanische Auffassung, dass eine religiöse Überzeugung geradezu das Rüstzeug für die moralische Ausübung eines politischen Amtes darstelle.
In der heißen Endphase des Wahlkampfes könnte der konservativere Kandidat, in diesem Fall George W. Bush, doch noch versuchen, über das Feld der Religion an Boden zu gewinnen, indem er etwa herausstellt, wie sehr ihm an dem praktizierten Glauben liegt. Dieser Versuch werde, so Haynes und Muesse, durch Gores jüdischen Vize neutralisiert. “Natürlich kann Gore trotzdem verlieren, aber dies wird nicht deshalb passieren, weil er Amerikas Toleranz gegenüber religiösen Unterschieden falsch eingeschätzt hat”, meinen die beiden Autoren.





