Erst ein Monat war vergangen, seit die Titanic gesunken war, als sie zum zweiten Mal unterging – diesmal auf der Leinwand. Dorothy Gibson, eine der Überlebenden des Unglücks, spielte in dem zehnminütigen Kurzfilm „Saved from the Titanic” eine Passagierin, die ihren Eltern und ihrem Verlobten vom Unglück erzählt. Seitdem hat jede Generation das tragische Ende des Luxusliners am 15. April 1912 mit fast 1500 Toten auf dem Bildschirm miterlebt. Zehn Filme – darunter ein Trickfilm für Kinder – und viele Dokumentationen haben die Katastrophe unvergessen gemacht.
Doch sind es allein die Bilder in den Medien, durch die der Untergang der Titanic auch jetzt noch – genau 100 Jahren später – so präsent ist? Warum erinnern wir uns an bestimmte Katastrophen, als wären sie erst gestern geschehen, und wissen kaum noch etwas über andere, die mehr Schaden angerichtet, mehr Geld gekostet, mehr Menschenleben gefordert haben? Auf der Suche nach dem Speicherplatz für Katastrophen im Gedächtnis melden sich Hirnforscher, Psychologen, Historiker und Kulturwissenschaftler zu Wort.
MedienRummel wie heute
In Sachen Titanic ist für Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, die Antwort klar: „Ihr Untergang war eine technische Kränkung”, sagt er. „So etwas vergisst man nicht.” Unsinkbar sollte das Schiff sein. Mit diesem Prädikat startete es zu seiner Jungfernfahrt, um nach der Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik in 2 Stunden und 40 Minuten abzusaufen. 17 Minuten vor dem endgültigen Untergang hatte die New York Times die Sensation schon im Blatt: „ Hits Titanic Iceberg?” („Rammte die Titanic einen Eisberg?”) titelte sie in der Frühausgabe vom 15. April 1912, die kurz nach 2 Uhr in den Druck ging. Wahrscheinlich hatte das Verlagshaus, das damals schon über drahtlose Telegrafie verfügte, einen Funkspruch der Titanic aufgefangen.
Als die „Carpathia”, die der Titanic Hilfe geleistet hatte, drei Tage später die rund 700 Überlebenden nach New York brachte, zückten die Journalisten die Scheckbücher: Es gab Geld für gute Geschichten. Gut verkaufen ließ sich die Katastrophe nicht zuletzt deshalb, weil Prominente und gut Betuchte wie der Millionär John Jakob Astor und der Bankier Benjamin Guggenheim ebenso betroffen waren wie die armen Hunde der Dritten Klasse. Das blieb im Gedächtnis.
Wer erinnert sich hingegen an das Schicksal der „General Slocum”? Der Raddampfer geriet am 15. Juni 1904 auf dem New Yorker East River in Brand und sank. Mehr als 1000 Menschen starben – hauptsächlich Frauen und Kinder armer deutscher Einwanderer, die einen Ausflug gemacht hatten. Der New Yorker Stadtteil „Klein-Deutschland” existierte danach nicht mehr.
Prestige und Prominentenbonus spielten auch beim „Challenger” -Unglück 1986 eine große Rolle. Als die Raumfähre 73 Sekunden nach dem Start explodierte, zerbarst damit das amerikanische Selbstbild der unantastbaren Weltraumnation. Das Fernsehen war live dabei und wiederholte den tragischen Moment wieder und wieder in Zeitlupe.
Flüchtige Aufmerksamkeit FÜR BSE
Fernsehbilder verhelfen sogar solchen Geschehnissen zu Weltruhm, die zunächst leise und unsichtbar ihre Kreise ziehen. Die Rede ist von Krankheiten wie Vogelgrippe, Schweinepest und BSE. „Solche Katastrophen geraten eigentlich schnell in Vergessenheit, weil sie uns letztlich kaum betreffen”, sagt Kulturwissenschaftler Welzer. „Was uns bei BSE so irritiert hat, waren die Bilder brennender Kuhleiber in England – damit hatten wir nicht gerechnet.” Mittlerweile schauen wir ziemlich teilnahmslos auf die Bilder taumelnder Kühe – sofern sie überhaupt noch gezeigt werden. Zudem sei es für Menschen schwierig, Empathie mit fernen Schicksalen zu haben, meint Welzer, der an seinem Institut ein Projekt zur Katastrophenerinnerung betreibt. Der Begriff „fern” ist hier vieldeutig: fern im Ort, fern in der Zeit, fern unserer Kultur oder auch nur fern unserer Lebenswelt.
Weil die Anschläge vom 11. September 2001 als Angriff gegen den Westen galten, wirkten sie in Europa nicht minder stark als in den USA. 9/11 hat alles, was eine Katastrophe braucht, damit man sich noch lange an sie erinnert: den Überraschungseffekt, die Lebensnähe, das Prestige und die Nachhaltigkeit. Noch heute spürt man die Auswirkungen des Attentats, bei verschärften Flughafenkontrollen ebenso wie bei den andauernden Kämpfen gegen den Terrorismus.
Dieselben Erinnerungszutaten wie beim 11. September – insbesondere die Nachhaltigkeit – finden sich bei der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die Strahlenbelastung reichte viel weiter als man gedacht hatte. Ostwind hatte die radioaktive Wolke am 26. April 1986 aus der Ukraine in den Süden Deutschlands getrieben, Regen die radioaktiven Partikel in den Boden geschwemmt. Wer heute im Süden des Bayerischen Waldes nach Pilzen sucht, trifft immer noch auf verseuchte Exemplare. Seit Tschernobyl waren die Menschen auf einen weiteren atomaren Unfall gefasst. Mit Fukushima ist er eingetreten. Kein Wunder, dass die Erinnerung an die havarierten japanischen Reaktoren schon jetzt schwammig wird: Das Desaster war keine Überraschung. Fraglich war lediglich, wann und wo es dazu kommen würde.
STilles STerben in Bhopal
Noch tiefer im Gedächtnis muss man bei der Frage graben, was zwei Jahre vor Tschernobyl geschah. Achselzucken? Die Antwort: Der größte Chemieunfall der Geschichte. Im indischen Bhopal traten aufgrund technischer Pannen rund 40 Tonnen Methylisocyanat aus einem Chemiewerk des US-Konzerns Union Carbide Corporation aus. Dicht über dem Boden trieb die giftige Wolke durch ein angrenzendes Elendsviertel mit einer halben Million Einwohner. 1600 Menschen starben sofort, 20 000 im Laufe der Zeit. Ein Fünftel der Opfer ist erblindet oder leidet an unheilbaren chronischen Krankheiten. Vermutlich fiel dieses Unglück dem Vergessen anheim, weil die armen Menschen, die es traf, keine Lobby hatten.
Ähnlich unbeachtet gehen Katastrophen wie die Überschwemmungen in Bangladesch an uns vorüber, die regelmäßig Tausende Menschenleben kosten und Hunderttausende obdachlos machen. Ohne den Stempel des Außergewöhnlichen bleibt kaum etwas in der kollektiven Erinnerung haften.
Es ist paradox: Die Nachrichten immer neuer Katastrophen überfluten uns, doch die Gefahr ist uns immer weniger bewusst. Europäer hören vom Erdbeben in Japan und wissen mitunter nicht, dass sie selbst auf einer plattentektonischen Schwachstelle leben. „Der Grund für die Unwissenheit liegt darin, dass die mündliche Tradierung verloren geht”, klagt die italienische Erdbebenhistorikerin Emanuela Guidoboni vom Staatlichen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Bologna. „Früher wurde das Wissen um die Gefahr von Generation zu Generation weitergegeben. Oma und Opa berichteten, was sie erlebt hatten oder erzählten, was ihnen erzählt worden war. Heute ist das seltener geworden.”
KATASTROPHAL KURZES GEDÄCHTNIS
Im Schnitt 100 Jahre, hat der Anthropologe Herbert Maschner von der Idaho State University herausgefunden, blieb die Mahnung im Gedächtnis der Aleuten-Insulaner in Alaska haften, wenn wieder einmal Erdbeben und Tsunamis die Dörfer an der Küste zerstört hatten. In der Folge wurden die Häuser weiter landeinwärts gebaut – bis die Erinnerungen nach Generationen wieder verblasst waren.
Als haarsträubend kurzlebig erwies sich dagegen das kollektive Katastrophengedächtnis in El Transito, einem Urlaubsparadies an der Pazifikküste Nicaraguas. Mehr als 100 Menschen starben, als 1992 ein Tsunami darüber hinwegfegte. Wer überlebt hatte, zog fort. Als der Journalist Andrew C. Revkin von der New York Times, der kurz nach dem Unglück zur Stelle gewesen war, drei Jahre später nach El Transito zurückkehrte, war der Ort wieder aufgebaut – und voller neuer Einwohner. Angelockt vom billigen Land waren viele aus Nicaraguas Hauptstadt Managua gekommen. Von der Tsunami-Katastrophe in ihrer neuen Heimat wussten sie nichts. Nach Augenzeugen von damals suchte Revkin vergeblich.
Für Menschen, die eine Katastrophe persönlich miterleben, hat das Gehirn einen besonderen Speichermodus parat: Es synchronisiert Emotion und Kognition, verknüpft also die Umstände und Fakten mit den erlebten Gefühlen. Für das Verarbeiten der Fakten ist der Hippocampus im Zentrum des Gehirns zuständig, für die Emotionen der Mandelkern. Sein Spezialgebiet sind negative Emotionen wie Furcht, Angst, Schrecken und Ekel, weshalb ein Verkehrsunfall anders in Erinnerung bleibt als schöne Stunden am Badesee. „Wenn jemand an eine Katastrophe denkt, erhöhen sich Herzschlag und Blutdruck. Das autonome Nervensystem wird aktiv”, erklärt der Bielefelder Neurowissenschaftler Hans Markowitsch. Je unmittelbarer man das Unglück erlebt, desto stärker ist der Mandelkern aktiv.
GERÜCHe UND GERÄUSCHE
Eine Woche nach dem 11. September 2001 schickten die New Yorker Psychologin Elizabeth Phelps, selbst Augenzeugin der Anschläge, und der Neurowissenschaftler John Gabrieli Fragebögen an 3000 Amerikaner in New York, New Haven, Boston, Washington, St. Louis, Palo Alto und Santa Cruz. Die Befragten sollten notieren, an welche Details des Tages sie sich erinnerten, wie sie sich gefühlt hatten und wie ihre persönlichen Umstände gewesen waren. Derselbe Fragebogen wurde ihnen zunächst 11 Monate und dann 35 Monate später noch einmal zugesandt. Außerdem führte Phelps drei Jahre nach den Anschlägen Gehirnscans bei New Yorker Bürgern durch. Bei jenen Personen, die sich in einem Umkreis von vier Kilometern um das World Trade Center aufgehalten hatten, war der Mandelkern aktiver als bei den anderen Probanden. Außerdem berichteten sie detaillierter, mit mehr Hinweisen auf die eigenen Erfahrungen, über die erlebten Gerüche und Geräusche. Andere Ereignisse jenes Sommers, die die Forscher zur Kontrolle abgefragt hatten, schilderten sie weit weniger facettenreich.
Generell gelten Katastrophenerinnerungen als äußerst lebhaft und detailreich. Und: Sie scheinen sich selbst im Alter noch ins Gedächtnis einzubrennen. Senioren mit beschädigtem Frontallappen – was unter anderem die Gedächtnisleistung stören kann – erinnerten sich in einer Untersuchung des Psychologen Patrick Davidson von der University of Arizona genauso gut wie junge, gesunde Probanden an den 11. September 2001. Bei anderen persönlichen Ereignissen hatten sie dagegen Probleme.
Fest eingegrabene Erinnerungsfurchen hinterlassen Katastrophen im Normalfall dennoch nicht. Zwar sind sich Menschen auffällig sicher, wenn sie von den erlebten Umständen berichten sollen. Doch diese Sicherheit trügt. Mit der Zeit werden Katastrophenerinnerungen ungenau – aus gutem Grund. Von der Ungenauigkeit betroffen sind vor allem die erinnerten Gefühle, wie die Langzeitstudien von Phelps und Gabrieli zeigen. Während kühle Fakten wie die Ortserinnerung im Laufe der Jahre nur um 20 Prozent vom tatsächlich Erlebten abweichen, liegen die Diskrepanzen bei den erinnerten Gefühlen langfristig bei 60 Prozent. Diese Formbarkeit der Emotionen könnte, so Phelps, ein Schutzmechanismus sein, um tragische Ereignisse leichter zu überwinden.
Weil die Erinnerung an Katastrophen sehr zu Herzen geht, werden sie öfter als andere ins Bewusstsein geholt. „Jedes Wiederabrufen führt zu einer neuen Einspeisung”, sagt der Gedächtnisexperte Markowitsch. Mitunter verändern sich die Details und die Bewertung der Geschichte, weil neue Informationen, die Sichtweisen anderer und fremde Bilder dazukommen. Das macht Katastrophenerinnerungen verfälschbar. „Das Gehirn montiert sich seine Erinnerungen aus Realität und Fiktion zusammen”, bestätigt Kulturwissenschaftler Welzer. „Die Bilder aus einem Film zum Beispiel überblenden mitunter das, was man als historische Erinnerung zu haben meint.” Woran Menschen sich erinnern, hängt also nicht zuletzt davon ab, was sie über eine Katastrophe später sehen und hören.
Trügerische ERINNERUNGEN
Viele Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg sind überzeugt, dass während der Bombardierung Dresdens vom 13. bis 15. Februar 1945 Jagdflieger durch die Straßen der Stadt schossen. Bis zur Farbe der Flugzeuge reicht die Erinnerung. Doch in den Einsatzbüchern der Alliierten sind solche Flüge an diesen Tagen nicht verzeichnet, wohl aber in den Wochen davor. „Es könnte sein, dass das Gehirn diese Ereignisse vermischt”, sagt Welzer. „ Die Zeitzeugen selbst sind über solche Vermutungen allerdings meist sehr empört.”
Wie überzeugend das Gehirn mit seinen Erinnerungskollagen sein kann, hat der Schweizer Jean Piaget, ein Pionier der Entwicklungspsychologie, am eigenen Leib erfahren. Jahrelang war er sicher, als Kleinkind beinahe entführt worden zu sein. Er sah den fremden Mann, der ihn beim Spaziergang überfallen hatte, und das Kindermädchen, das beherzt dazwischengegangen war, geradezu vor sich. Doch Jahre später gestand das Kindermädchen, die Geschichte erfunden zu haben. In Piagets Erinnerung war sie längst Realität geworden.
Für wahr halten viele auch eine Schlüsselszene auf der Titanic, die es bis in James Camerons berühmte Verfilmung von 1997 geschafft hat: Bankier Guggenheim, einer der reichsten Männer an Bord, zieht seinen Smoking an, um als Gentleman in den Tod zu gehen. Die Szene ist jedoch nichts als Kopfkino – erfunden von einer Zofe, um den wartenden Journalisten in New York eine gute Geschichte zu verkaufen. ■
BETTINA GARTNER sieht sich Katastrophen im Fernsehen nur selten an, weil sie fürchtet, die Bilder könnten sie unbewusst belasten.
von Bettina Gartner
Sieben fast vergessene Katastrophen
1362 Die „Grosse Mandränke”, eine verheerende Sturmflut an der Nordsee, kostete rund 100 000 Menschen das Leben.
1556 830 000 Tote – so verheerend war die Folge eines Erdbebens in der chinesischen Provinz Shaanxi.
1887 Nach Überschwemmungen in der Region Henan im Kaiserreich China wurden 900 000 Tote gezählt.
1970 In Bangladesch forderte eine Sturmflut 300 000 Menschenleben. Das Land ist leidgeprüft: 1991 tötete eine weitere Sturmflut 140 000 Menschen, 1996 wurde durch den Monsun ein Drittel des Landes überschwemmt.
1976 In China bebte heftig die Erde – 290 000 Menschen starben.
1995 Volkswirtschaftlich gesehen gehört das Erdbeben im japanischen Kobe mit einem Schaden von 100 Milliarden Dollar zu den größten Unglücken der Geschichte.
2010 Bei einem Erdbeben in Haiti, dem schwersten, das Amerika je erlebt hat, starben Schätzungen zufolge 316 000 Menschen.
Kompakt
· Der Untergang der angeblich unsinkbaren Titanic bedeutete eine große technische Kränkung.
· Bilder aus Filmen überblenden mitunter die persönlichen Erlebnisse.
· An Katastrophen erinnert man sich, wenn sie überraschend gekommen sind und mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben.
LESEN
Harald Welzer Das kommunikative Gedächtnis Eine Theorie der Erinnerung C.H. Beck, München 2008, € 14,95
Hans J. Markowitsch Das Gedächtnis Entwicklung – Funktionen – Störungen C.H. Beck, München 2009, € 8,95
der untergang der titanic Nach Berichten von Augenzeugen Neudruck der Originalausgabe von 1912 Reprint Verlag, Leipzig 2012, € 12,90
INTERNET
Das Projekt „Katastrophenerinnerung” am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Essen: www.kwi-nrw.de/home/projekt-49.html





