Diese Ergebnisse ließen sich in einem zweiten Untersuchungsteil bestätigen, in dem die Forscher Zähne von 50 Kindern auswählten, die vor oder kurz nach der Geburt gestorben waren. Darauf untersuchten die Wissenschaftler die sogenannte neonatale Linie (neonatal line) ? ein undurchsichtiges Band im Zahnschmelz, das sich in den ersten zwei Wochen nach der Geburt ausbildet und Aussagen über das Todesalter eines Kindes erlaubt. Diese neonatale Linie ließ sich bei 24 Individuen beobachten, was bedeutet, dass die übrigen 26 Kinder vor oder in den ersten zwei Wochen nach der Geburt gestorben sein müssen.
Zusammengefasst sprechen die Ergebnisse dafür, dass sehr junge Kinder aus der phönizischen Gesellschaft in Tofets beigesetzt wurden, unabhängig davon, wie sie starben. Die bereits aus dem 3. Jahrhundert vor Christus stammende These der Kindesopfer beruht dagegen auf dem Argument, dass die Kinder zusammen mit Tieren, die in der damaligen Zeit häufig geopfert wurden, in den Tofets beigesetzt wurden. Daher gingen einige Historiker davon aus, dass Tofets Grabstätten für Tier- und Menschenopfer waren. ?Die bisherige Vorstellung, dass in Karthago regelmäßig Kinder geopfert wurden, beruht jedoch nicht auf der Analyse alter Knochenfunde, sondern nur auf Berichten einiger weniger Chronisten, einigen Grabinschriften und Aussagen im Alten Testament?, sagt Schwartz. ?Dies zeigt, dass Geschichtswissenschaftler alle vorhandenen Belege berücksichtigen müssen, wenn sie die Verhaltensweisen einer antiken Gesellschaft entschlüsseln wollen.?
Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler auch die Annahme widerlegen, dass die Karthager vor allem erstgeborene Jungen opferten. So ergab die Auswertung der Überreste von 70 Hüftknochen, dass 38 von Mädchen und 26 von Jungen stammten ? die übrigen Funde ließen sich nicht eindeutig zuordnen. Insgesamt lässt sich die große Zahl der toten Kinder in antiken Grabstätten mit der hohen Kindersterblichkeit und der hohen Früh- und Fehlgeburtenrate zur damaligen Zeit in Einklang bringen, schreiben Schwartz und sein Team. So sprechen Befunde aus dem alten Rom und Pompeji dafür, dass viele Kinder durch Krankheiten und mangelnde Hygiene früh ums Leben kamen.





