Alf Gerlach hat in China bizarre Dinge erlebt. So überfiel einen jungen Mann auf der Insel Hainan plötzlich die panische Angst, sein Penis könnte sich in seinen Körper zurückziehen – und er würde daran sterben. Die Nachricht zog wie ein Lauffeuer von Dorf zu Dorf, bis es zu einer Massenhysterie kam und der örtliche Seelenheiler, ein Priester, sich der Sache annahm. In ländlichen Regionen Chinas ist das nichts Ungewöhnliches, meint der Psychotherapeut. Die Gemeinschaft teilt hier traditionell die Seelenpein des Einzelnen.
Seit Jahren lehrt der Leiter der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie klassische Formen westlicher Seelenkur in Shanghai. Der Saarbrücker kennt die psychischen Leiden der chinesischen Gesellschaft gut. Längst, berichtet er, sind die ureigenen Formen der psychischen Pein auf Hainan verschwunden. Seit die Insel zum Feriendomizil aufstrebender Chinesen geworden ist, schlagen sich die Menschen dort mit anderen seelischen Krankheiten herum. Denn wo westlicher turbokapitalistischer Lebensstil einzieht, greift er die Seele der neuen Mittelschicht an.
Gepaart mit den traditionell-konfuzianischen, auf den Sozialverband geeichten Normen und der oft traumatischen Lebenswelt des kommunistischen Chinas seit 1949 sind psychische Probleme entstanden, die zwar an die typischen Malaisen im Westen erinnern, jedoch kulturell eingefärbt sind.
Die Geister verblassen
Die Konzepte der Seele sind „kulturell durchformt”, formuliert es Andreas Heinz, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Berliner Charité. „Seelisch normal oder nicht”, sagt er, „ bedeutet in verschiedenen Kulturen eigentlich nichts grundlegend Verschiedenes” – zumindest was schwere psychische Erkrankungen angeht. Eine Demenz nehmen die Menschen fast überall als „ krankhaft” wahr, ein Alkoholdelirium nicht minder.
Doch wie das interpretiert wird, unterscheidet sich in verschiedenen Kulturen. Kaum ein Mensch in Deutschland würde sagen, ihm gäben Geister furchtbare Gedanken in den Kopf – in China und anderen Ländern schon. Derlei Erklärungsmodelle werden in vielen Teilen der Welt zunehmend vom westlichen – rational biomedizinisch geprägten – Erklärungsmuster abgelöst.
So auch in den chinesischen Ballungsgebieten. Nicht nur Gerlach sieht dort „mit der laufenden Individualisierung fast überall die modernen Leiden mit der Suche nach Identität” einkehren. Identitätsparameter wie Familie, Arbeitsbedingungen, Rituale, Religion und Heimat hätten sich in China extrem rasch verschoben, sagte der Psychoanalytiker und systemische Familientherapeut Fritz Simon jüngst bei einer Fachtagung. Was in Europa 350 Jahre brauchte, geschah in China in nur 30 Jahren.
Laut einer aktuellen Studie im renommierten Mediziner-Fachblatt „The Lancet” leiden 173 Millionen Chinesen an psychischen Krankheiten. Depressionen sind demnach so häufig wie in Deutschland. Doch die Menschen im Riesenreich versuchen sie zu „maskieren”. Sie beschreiben „die Depression nicht so sehr als trauriges Gefühl, sondern als Verlust der Energie durch ein zerrüttetes Nervensystem, als körperliche Erschöpfung”, sagt Andreas Heinz.
schamhafte Chinesen
Auch soziale Phobien sind häufig. Die Betroffenen ziehen sich zurück, weil sie glauben, sie hätten einen Defekt, der die Aufmerksamkeit der anderen auf sie lenkt. Für die Psychoanalytikerin Antje Haag – die ebenfalls viele Jahre in China Therapeuten ausgebildet hat – hängt das Phänomen mit dem ausgeprägteren Schamgefühl der Chinesen zusammen.
Auch Essstörungen und Zwangserkrankungen kommen verstärkt in chinesischen Städten auf , ständiges Händewaschen zum Beispiel oder seltsame Zwangsgedanken – etwa die einer Frau, die stets befürchtete, Deckenlampen würden auf sie herunterfallen. Gerlach erklärt die Zwänge psychoanalytisch. Das eine Kind, das Chinesen haben dürfen, wächst wegen der Arbeit der Eltern oft bei den Großeltern auf, die häufig auf ein unerfülltes Leben zurückblicken und das Trauma der Kulturrevolution unter Mao miterlebt haben. Die Großeltern und die Eltern verhätscheln das Kind zunächst. Doch bei Schulbeginn weicht die Verwöhnung einer „ rigiden Leistungsmoral mit einem riesigen Druck”. Für eine spielerische Entwicklung bleibt keine Zeit. Auf der Basis solcher Extreme – erst gewähren lassen, dann überfordern – „entwickeln sich Zwangserkrankungen relativ leicht”, ist Alf Gerlach überzeugt.
Die Verhältnisse auf dem Land widersprechen krass den modernen Anschauungen. Ungeachtet jüngster Aufklärungskampagnen sind Aberglaube und Schamanismus weit verbreitet. Yu-Tao Xiang von der Capital Medical University in Peking verweist auf eine Studie von 1990, in der die Praktiken von Hexenheilern auf dem chinesischen Land untersucht wurden – die bis dato einzig verfügbare Studie zu diesem Thema. In vielen Regionen „hat sich die Situation bis heute nicht geändert”, erläutert der Psychiater. Als Schamanen agierende Bauern versuchen, die psychisch Kranken zu heilen – ohne medizinische Ausbildung. „Viele Menschen auf dem Lande konsultieren solche Hexenheiler”, erklärt der Psychiater.
Asche-Wasser als Medizin
Ein Beispiel: Herr A., ein junger Bauer, hört plötzlich auf zu essen, schläft nicht mehr, zertrümmert den Haushalt und erklärte, er sei einer der führenden Generäle des Landes. Nach drei Tagen sucht die Familie den örtlichen Hexenheiler auf. Ohne den Patienten zu sehen, erklärt der Mann, Herr A. habe den Schutz eines Gottes verloren, der ihn bislang vor bösen Geistern bewahrte. Der Hexenheiler schreibt den Namen des Patienten und weitere persönliche Daten auf ein Papier samt einer Anfrage an den betreffenden Gott, verbrennt das Schriftstück und gibt die Asche in Wasser. Herr A. soll diese Medizin trinken. Die Behandlung schlägt fehl.
Ernsthaft kranke Patienten, etwa mit Schizophrenie, werden von ihren hilflosen Familien häufig eingesperrt – zum Beispiel in Ställen. Die Regierung hat jetzt eine Initiative gestartet, um diese menschenunwürdige, der puren Not geschuldete Situation zu verbessern.
Akuter therapeutenmangel
Geschätzte 158 der 173 Millionen psychisch kranken Chinesen wurden der Lancet-Studie zufolge noch nie behandelt. Etwa 20 000 Psychiater und „einige Tausend Psychotherapeuten” (Gerlach) können den Bedarf nicht annähernd decken. Dazu kommt, dass sich die Therapeuten in den Krankenhäusern größerer Städte konzentrieren, von denen die ländliche Bevölkerung – zwei Drittel der Chinesen – oft nichts weiß.
Jetzt hofft Xiang auf ein für 2013 geplantes Gesetz, das den gesamten psychiatrischen Bereich regeln und dynamischer machen soll. Im Zuge dessen wollen die Experten auch weiter an der Suizidverhütung arbeiten. Selbstmordserien wie 2010 beim Unternehmen Foxconn erregen zwar Aufsehen. Doch die unspektakulären Suizide auf dem Land sind bei genauem Hinsehen viel verstörender. Hier setzen vor allem Frauen ihrem Leben ein Ende, weil gemäß den konfuzianischen Traditionen noch immer „nur Männer etwas zählen”, vermutet Gerlach. Zwar ist die Suizidrate einer Studie zufolge von 23 pro 100 000 Einwohner in den 1990er- Jahren auf 6,6 pro 100 000 in 2008 gefallen. „Aber da muss noch viel getan werden”, betont Xiang.
Das gilt auch für die Psychotherapie: Seit mehr als zehn Jahren exportieren deutsche Fachleute verschiedene Formen der Psychotherapie in den Fernen Osten. Antje Haag hat bereits viel früher mit der Psychoanalyse begonnen. Sie berichtet von ihren Erfahrungen in dem Buch „Versuch über die moderne Seele Chinas”. Erstaunlich begierig saugen demnach viele Chinesen in den neuen Zentren die Seelenkur auf. Doch dass sich die Psychoanalyse als „ Massenbehandlung” in China eigne, bezweifelt Haag. Dort erwarteten die Patienten von den Therapeuten Lebensrezepte, die die Psychoanalyse aber nicht biete. Für deren Erfolg müsse man motiviert sein – und das seien die Chinesen weniger als die Menschen in westlichen Ländern. Meist reguliert dort Konformitätsdruck das Verhalten, meint Haag. Doch bei anhaltender, mit Marktwirtschaft und Ein-Kind-Politik einhergehender Individualisierung könne sich das ändern.
Anhängliche Verwandtschaft
Haag erklärt, dass die westlichen Therapien in ihrer klassischen Form in China selten umgesetzt würden. Die meisten Therapeuten ließen sich, anders als bei uns, in verschiedenen Richtungen schulen. Xudong Zhao bestätigt diesen Eindruck. Der Mann aus Wuhan hat die systemische Familientherapie in China eingeführt, bei der zwischenmenschliche Beziehungen als Basis für seelische Konflikte und deren Lösung angesehen werden. „Die Familientherapie funktioniert hier oft besser als in Deutschland” , sagt er nach Abschluss einer Studie mit 137 Familien.
Probleme gibt es dennoch: Wenn Zhao einmal mit einem Patienten allein sprechen will, taucht stets auch dessen Verwandtschaft bei ihm auf. Was er sich für die Zukunft wünscht: „Es ist an der Zeit, dass wir die westlichen Psychotherapien im Sinne unserer Kultur weiterentwickeln.” ■
KLAUS WILHELM, Journalist in Berlin, ist seit seinen Recherchen fasziniert von der Transkulturellen Psychiatrie.
von Klaus Wilhelm





