TABULA RASA machte die Natur mit einer Geschichte, die gerade erst begonnen hatte. Sie schickte einen gigantischen Meteoriten vom Himmel, der Pflanzen und Tiere vernichtete – und auch jene Menschen, die viele als die ersten Amerikaner ansehen: die Clovis-Kultur. Der Chemiker Richard R. Firestone vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien liest diese kosmische Katastrophe aus einer kohlenstoffreichen Sedimentschicht in Nordamerika, in der er Spuren außerirdischen Gesteins feststellte. Der Vernichtungsschlag soll sich 10 900 vor Christus ereignet haben, wenige Jahrhunderte, nachdem die Clovis-Menschen ins Land gekommen waren. Aber: Wurden die Urzeit-Pioniere tatsächlich auf so tragische Weise ausgelöscht? Und waren sie überhaupt die ersten Siedler Amerikas? Die Vorstellungen der Archäologen, die sie in den letzten Jahrzehnten anhand von spärlichen Funden zusammengezimmert haben, geraten zunehmend ins Wanken. Ursprünglich nahmen sie an, dass der Clovis-Clan – benannt nach einem Fundort nahe der gleichnamigen Ortschaft (siehe Karte) – etwa 12 000 vor Christus von Norden her eingewandert war. Die Vorfahren der Wagemutigen seien aus Nordostasien gekommen, was zu jener Zeit über die Landbrücke „ Beringia” trockenen Fußes möglich war.
KAMEN DIE SIEDLER AUS EUROPA?
Von Alaska aus seien sie südwärts marschiert, einen eisfreien Korridor entlang. In den folgenden Jahrhunderten hätten sich die Siedler über das noch menschenleere Nord- und Südamerika ausgebreitet. Doch mittlerweile melden kritische Stimmen Zweifel daran an. Da keine Spuren der Clovis-Kultur in Alaska zu finden sind, kam die Überlegung auf, dass die Menschen gar nicht auf dem Landweg von Nord nach Süd gewandert seien, sondern die Pazifikküste entlang geschippert, in den Steinzeit-Staaten an Land gegangen und von dort aus ins Landesinnere vorgestoßen sein könnten. An eine Anreise übers Wasser glaubt auch der Archäologe Dennis Stanford von der Smithsonian Institution in Washington, D.C. Allerdings sieht er die Clovis-Menschen nicht über den Pazifik, sondern über den Atlantik gekommen. Waren die Ureinwohner Amerikas Europäer? Stanford ist überzeugt davon und verweist auf das Markenzeichen der Clovis-Kultur: kunstvoll gearbeitete Speerspitzen aus Feuerstein und Obsidian.
In ihrer Machart – breiter, flacher und dünner als asiatische Modelle – ähneln sie verblüffend den Spitzen der südwesteuropäischen Solutréen-Kultur. Unklar ist nur, was in den 5000 bis 6000 Jahren geschehen sein soll, die zwischen dem Verschwinden der Solutréen-Kultur in Europa und dem Auftreten der Clovis-Kultur in Nordamerika liegen. Doch nicht nur die Herkunft und Anmarschroute des Clovis-Clans sind umstritten, sondern auch sein vermeintlicher Siegeszug gen Süden. Seine Siedlungsplätze fehlen dort völlig. Und jetzt macht auch noch der Zeitfaktor den Anhängern der „Clovis-First-Theorie” einen Strich durch die Rechnung. Neuen Erkenntnissen zufolge sollen die Großwildjäger nicht, wie ursprünglich angenommen, 450 Jahre lang in Amerika gesiedelt haben. Kontrolldatierungen von Fundstätten haben ihren zeitlichen Aktionsradius erheblich eingeschränkt, auf 11 100 bis 10 900 vor Christus. Reichen 200 Jahre aus, um den Grundstein für die Kolonisierung eines ganzen Kontinents zu legen? „Nein”, meint der Geoarchäologe Mike R. Waters von der Texas A&M University in College Station. Und er legt gleich noch eins drauf: „Außerdem passt die Clovis-First-Theorie nicht länger zu den archäologischen Zeugnissen aus Nord- und Südamerika.” Zu denen gehört eine Ur-Behausung im chilenischen Monte Verde, in der Werkzeuge, Knochen, Nahrungsreste und der Abdruck eines Kinderfußes gefunden wurden. Der Steinzeit-Nachwuchs dürfte schon um 12 500 vor Christus dort herumgetollt sein. Eine „Luzia” getaufte Frau, deren Knochen in der Nähe der heutigen Stadt Belo Horizonte aufgetaucht sind, lebte etwa 1000 Jahre später in Brasilien. Da die Steinzeit-Maid Rekonstruktionen zufolge eher einer südpazifischen Schönheit geähnelt haben dürfte als einer Apachenfrau, nehmen einige Forscher an, sie könnte von jenen Asiaten abstammen, auf die auch die australischen Ureinwohner zurückgehen. In jedem Fall war sie mit ihren Leuten früher unterwegs als der Clovis-Clan.
Je mehr Puzzlesteine man zusammensetzt, desto stärker drängt sich der Verdacht auf, dass Amerika von mehreren Gruppen aus unterschiedlichen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten besiedelt wurde. Wäre da nur nicht die neueste Nachricht aus dem Zoologischen Institut der Universität Bern: Untersuchungen des Erbguts von 24 amerikanischen Ur-Völkern haben im Vergleich zu indigenen Stämmen anderer Kontinente ein ziemlich gleichförmiges Bild ergeben. Zudem fallen die Nachkommen der Steinzeit-Staatler durch die besondere Ausprägung eines Gens auf, nach der man im Rest der Welt vergeblich sucht. „Das sind Indizien, die für eine einzige Einwanderungswelle sprechen”, sagt der Berner Biologe Laurent Escoffier. Nicht zuletzt führen die genetischen Spuren nach Sibirien, in jenes Gebiet, durch das die Clovis-Menschen kamen. Dass ihnen ein Meteorit zum Verhängnis wurde, glaubt der Geoarchäologe Waters nicht: „Schließlich nahmen Zahl und Größe der prähistorischen Siedlungen in den folgenden Jahrhunderten stark zu.” Er geht davon aus, dass sich die Clovis-Leute an veränderte Klimabedingungen angepasst haben – und sich ihre Spur deshalb verliert. ■
von Bettina Gartner
Wo die ersten Amerikaner wohnten
Über einen eisfreien Korridor im Norden wanderten die ersten Siedler in den amerikanischen Kontinent ein und breiteten sich aus – lautet eine Theorie. Andere Forscher sind überzeugt, dass der Clovis-Clan übers Wasser kam und erst später gen Norden wanderte.





