Um mehr über das Zusammenleben von Hunnen und lokaler Bevölkerung im Donaugebiet herauszufinden, haben die Forscher nun menschliche Überreste aus fünf spätantiken Gräberfeldern im heutigen Ungarn analysiert. Für ihre Studie untersuchten sie die Schädel und Zähne der Toten sowie die Grabbeigaben und entnahmen Proben mehrerer Zähne und Knochen. Durch Isotopenanalysen dieses Materials gewannen sie einen Einblick in die Herkunft, Lebensweise und Ernährung der Toten. “Die Verhältnisse der Stickstoff-Isotope erlauben es, den relativen Anteil tierischer Proteine an der Ernährung zu bestimmen “, erklären die Wissenschaftler. “Strontium- und Sauerstoff-Isotope werden genutzt, um zu bestimmen, ob ein Individuum dort aufgewachsen ist, wo es beerdigt wurde oder nicht.”
Voneinander lernen statt kämpfen
Die Analysen enthüllten Überraschendes: “Es gibt keinerlei Hinweise auf große soziale Störungen oder wirtschaftliche Not”, berichten Hakenbeck und ihre Kollegen. “Die Gräber waren alle wohlkonstruiert und gut ausgestattet.” In allen Gräberfeldern stießen die Forscher auf Hinweise beider Lebensweisen – der halbnomadischen der Hunnen und der sesshaft-bäuerlichen der örtlichen Bevölkerung. Dies war unter anderem an Grabbeigaben sowohl weströmischer als auch zentralasiatischer Herkunft erkennbar. Den Isotopenanalysen zufolge waren einige Tote zudem nicht lokaler Herkunft und daher wahrscheinlich Hunnen. Dennoch lagen ihre Gräber weder isoliert von denen der lokalen Bevölkerung noch sahen sie deutlich anders aus, wie die Forscher berichten. “Diese Belege sprechen dafür, dass die aus Zentralasien neuankommenden Gruppen oder Individuen keine Außenseiter waren, sondern Teil des gemischten Umfelds im spätantiken Pannonien”, sagen die Wissenschaftler.
Diese Integration und Durchmischung von Hunnen und lokalen Bauern zeigte sich auch im Speiseplan der Bevölkerung: Einige der Toten hatten während ihrer Lebenszeit ihre Ernährung umgestellt. Zunächst dominierten Fleisch und Hirse, wie bei den nomadischen Hunnen üblich. Dann jedoch nahm der Fleischanteil ab und Getreide und Gemüse machten einen größeren Anteil des Speiseplans aus. Insgesamt lagen die Isotopenwerte aller Toten zwischen denen von damaligen Bewohnern Mitteleuropas und von zentralasiatischen Nomaden, wie die Forscher berichten. Dies spreche dafür, dass sich an der Donau die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten von Bauern und Nomaden aneinander angeglichen hatten. “Es ist wahrscheinlich, dass die Gruppen und Individuen zwischen den Lebensweisen wechselten, und dies oft sehr schnell”, berichten Hakenbeck und ihre Kollegen. “Nomadische Viehzüchter wurden zu Bauern und Bauern wurden zu Viehzüchtern.” Sogar die Sitte der Schädeldeformation übernahmen einige Bauern offenbar von ihren hunnischen Nachbarn, wie die Grabfunde belegen.





