Am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit erlebten die Kulturen Europas einen tiefgreifenden Wandel. Im Osten Europas beeinflussten die aus den eurasischen Steppengebieten einwandernden Jamnaja den Lebensstil und die Kulturtechniken der dort ansässigen Bauern. Eine zweite Welle der Veränderung ging vor rund 4700 Jahren von der Iberischen Halbinsel aus: Die sogenannte Glockenbecherkultur, gekennzeichnet durch typisch bauchige Keramik, Kupferdolche, Pfeilspitzen aus Feuerstein und eine Bestattung ihrer Toten in Steinkisten, verbreitete sich von dort über weite Teile West- und Mitteleuropas. Vor 4400 Jahren erreichte diese Kultur auch die Britischen Inseln, wo sie besonders lange bestehen blieb. Doch eines war bisher unklar: “Eine große Debatte in der Archäologie drehte sich um die Frage, ob sich die Glockenbecherkultur durch die Migration der Menschen ausbreitete, durch eine bloße Weitergabe der Kultur oder vielleicht durch beides”, erklären David Reich von der Harvard University in Boston und seine Kollegen.
Abgucken von den Iberern
Um diese Streitfrage zu klären, hat das internationale Forscherteam die bisher umfangreichste Analyse des Erbguts prähistorischer Menschen durchgeführt. Die Wissenschaftler nahmen Knochenproben von 400 Skeletten aus der Jungsteinzeit, der Kupferzeit und der Bronzezeit, die in ganz unterschiedlichen Regionen Europas gefunden worden waren. Unter den Toten waren 226 Angehörige der Glockenbecherkultur und 174 Vertreter anderer damals vorkommender Populationen. Um zu klären, ob Menschen oder bloßes “Abgucken” die Glockenbecherkultur über Europa verbreiteten, verglichen die Forscher sowohl die DNA des Y-Chromosoms als auch das in den Mitochondrien vorliegende Erbgut. Weil das Y-Chromosom nur von Vätern an ihre Söhne weitergegeben wird und die Mitochondrien nur von Müttern an ihre Kinder, erlaubte ihnen dies, die Abstammungsverhältnisse der Glockenbecher-Menschen und damit auch ihre Wanderungsbewegungen zu rekonstruieren.
Das überraschende Ergebnis: Die Glockenbecherkultur breitete sich in zwei Schritten auf jeweils unterschiedliche Weise aus, wie die Forscher herausfanden. Der erste Schritt erfolgte bei der Ausbreitung der Kultur über die Iberische Halbinsel hinaus: Der DNA-Vergleich ergab, dass die Vertreter der Glockenbecherkultur aus Frankreich und Mitteleuropa genetisch gesehen ganz anderen Populationen angehörten als die Iberer. Sie müssen demnach die Kultur übernommen haben, ohne dass sie selbst oder ihre Vorfahren von der Iberischen Halbinsel eingewandert wären. “Die Verbreitung der Glockenbecherkultur von der Iberischen Halbinsel nach Resteuropa ist das erste Beispiel für eine Kultur, die als Idee übertragen wurde”, erklärt Koautor Carles Lalueza-Fox von der Pompeu Fabra Universität in Barcelona. “Offenbar war diese Kultur mit hohem sozialen Prestige verbunden, weshalb andere Populationen sie übernahmen.”





