Ihr Film „Verborgene Welten in 3D – Die Höhlen der Toten” hat mehrere Preise gewonnen und viel Medienecho erzeugt. Fällt es Ihnen da schwer, wieder an den Schreibtisch zurückzukehren, Herr Huber?
Das war ein toller Ausflug in die Filmindustrie. Bei den Festspielen in Cannes haben wir zwei Preise bekommen: für den besten Einsatz von 3D-Technik und für die beste Abenteuerdokumentation. Die eigens für den Film entwickelte Kamera hat in Los Angeles den „New Product Award” bekommen. Meine Kollegen und ich haben den Film selbst vorbereitet, gedreht und nachbereitet. Das war ein toller Prozess. Die Rückkehr an den Schreibtisch fällt mir leider immer schwer. Ich bin ein praktischer Mensch.
Was ist Ihre Motivation, mit Ihrer Arbeit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Wir Archäologen kreieren ja das Bild der Vergangenheit. Damit haben wir auch die Verantwortung, den Menschen einen Zugang dazu zu verschaffen. Sie sehen in unserem Fall, dass es unter Wasser nicht nur schön ist, sondern dass da auch 10 000 Jahre alte Knochen vom Riesenfaultier liegen und die Maya dort geopfert haben. Ich schreibe auch gerne für ein Tauchmagazin und erreiche damit über 10 000 Leser. Das wertet meine Arbeit zusätzlich auf.
Werden Sie von Kollegen dafür bewundert, belächelt, beneidet?
Die wenigsten haben vermutlich den Mumm, mir zu sagen: „Du stehst zu viel in der Zeitung!”. Aber ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass auch viele Kollegen wichtige und spannende Arbeit leisten. Sie haben aber zum Teil keine Lust, in die Öffentlichkeit zu gehen.
Lässt sich mit einem solchen Film Geld verdienen?
Das müssen Sie die Produktionsfirma fragen. Wir Taucher haben ein Gehalt für 18 Drehtage bekommen, aber wir sind nicht am Gewinn beteiligt. Doch wir haben Blut geleckt. Dadurch, dass wir zusammen so gut funktionieren, können wir unter Wasser effektiv arbeiten. Aus diesem Grund haben wir „Submaris” gegründet, ein Dienstleistungsunternehmen für Wissenschaft und Medien. Wir machen alles, was im wissenschaftlichen Bereich unter Wasser anfällt – wie Wartungen und Fotos, Geräte installieren, Proben nehmen – und stehen eben auch für Medienproduktionen zur Verfügung. Die Kollegen haben schon für eine „Tatort”-Folge unter Wasser gedreht.
Für viele ist das Tauchen in einer Höhle eine beklemmende Vorstellung. Kommt bei Ihnen nie Panik auf?
Nein, Panik ist fehl am Platz.
Und wenn die Luft mal knapp wird?
Die Luft wird nicht knapp. Wir tauchen ein Drittel unserer Luft leer, dann drehen wir um, egal was kommt. So haben wir noch zwei Drittel für den Rückweg beziehungsweise als Reserve. Zudem sind wir in der Regel zu viert und haben alles mehrfach dabei: jeder drei Lampen, zwei Flaschen, zwei Atemregler, zwei Tauchcomputer, zwei Masken. Natürlich gibt es Situationen, in denen man Herzklopfen hat. So eine Höhle ist wie ein Schweizer Käse, man kann in alle Richtungen abbiegen. Durch den Schattenwurf unserer Lampen sieht die Höhle beim Zurücktauchen anders aus als auf dem Hinweg. Ich hatte schon mal das Gefühl, dass wir den Abzweig zum Ausgang verpasst haben. Dann war aber doch alles richtig. Es gab keine Situation, in der es gefährlich wurde.
Sie haben in den Höhlen viele Funde gemacht. Was passiert damit?
Einige wenige Funde haben wir in Absprache mit der staatlichen Behörde in Mexiko geborgen. Aus einer Höhle haben Kollegen ein 10 000 Jahre altes Skelett hoch geholt, weil man das auf dem Tisch des Anthropologen besser studieren kann. Außerdem haben wir von einer prähistorischen Feuerstelle eine Probe der Holzkohle genommen und ein Stück Knochen für die Datierung. In der Regel bleiben die Funde aber unten. Das ist in der Unterwasserarchäologie meist so. Wir holen auch kaum ein Schiffswrack hoch. Solange Umwelteinflüsse und andere Taucher die Funde nicht stören, sind sie unten am besten aufgehoben. 95 Prozent der Taucher verhalten sich richtig, aber es gibt immer ein paar Chaoten, die etwas mitnehmen für die heimische Vitrine oder zum Verkauf.
Sind Schatzgräber unter Wasser ein Problem?
Klar, Kultur muss für jeden zugänglich sein – und darf nicht käuflich sein. Wobei ich mich manchmal frage: Wenn ich auf einem Schiffswrack 80 000 Ming-Vasen finde, ist es dann sinnvoll, sie alle ins Museum zu stellen? Manche Kollegen sagen, sie zeigen lieber 50 000 Vasen und verkaufen die anderen, um die Grabung, eine Publikation oder eine Ausstellung zu refinanzieren. Das darf man in Archäologenkreisen nicht laut sagen, aber ich finde diese Überlegung zumindest bedenkenswert. Natürlich muss alles sorgfältig katalogisiert und der Verbleib festgestellt werden.
Bringt chronischer Geldmangel manche auf solche Ideen?
Ja, das Geld ist immer knapp. Andererseits muss man sagen: Archäologie ist eine Luxuswissenschaft. Es ist letztlich nicht weltbewegend, ob wir das 17. Wikingerschiff finden. Da sind Krebs- oder Umweltforschung wichtiger.
Hinkt die Unterwasserarchäologie der Landarchäologie hinterher?
Man weiß an Land häufig aus Überlieferungen, wo historische Stätten liegen. Und man kann acht bis zehn Stunden pro Tag graben. Taucher können immer nur ein oder zwei Stunden unten bleiben – und sie müssen ein Objekt erst einmal finden. Wie lange hat es gedauert, bis Robert Ballard die Titanic gefunden hat, obwohl man ziemlich genau wusste, wo sie untergegangen ist! Es geht alles langsamer, ist aufwendiger und teurer.
Funktionieren unter Wasser die gleichen Methoden wie an Land?
Prinzipiell versuchen wir, mit den gleichen Techniken genauso präzise zu sein. Aber in der Realität haben wir das Medium Wasser. Die Wellen hauen einen hin und hier, es ist kalt und dunkel, wir haben dicke Handschuhe an und einen Atemregler im Mund, der das Kommunizieren erschwert. Wir sitzen zwar immer noch, genauso wie die Landarchäologen, häufig mit dem Zeichenrahmen da. Die Zeiten sind aber bald vorbei. Die hochauflösende Foto- und Kameratechnik wird immer besser, sodass Unterwasserfundstellen in 3D dokumentiert werden können.
Machen Tauchroboter den Unterwasserarchäologen Konkurrenz?
Obwohl die Technik besser wird, gibt es auch immer mehr Einsätze von Forschungstauchern. Denn man kann zwei Hände, zwei Augen und ein Gehirn nicht ersetzen. Ein ROV (Remotely Operated Vehicle; zu Deutsch: ferngesteuertes Fahrzeug) ist nicht so feinmotorisch, Holzkohle würde damit zerbröseln. Und in die mexikanischen Höhlen könnte man einen ROV nicht hineinschicken, denn sein Kabel würde irgendwo hängen bleiben. ROVs werden vor allem in der Tiefseeforschung eingesetzt.
Gibt es Fundstellen, an denen beides zum Einsatz kommt?
Ja, zum Beispiel bei der „Mars”. Das ist das spannendste Wrack, das es derzeit in Europa gibt. 20 Jahre hat ein Kollege danach gesucht. Als die Mars 1564 vor Schweden sank, war sie das größte Kriegsschiff – mit 800 Mann an Bord, 100 Bronzekanonen und einer Kriegskasse in Form von mehreren Tausend Silbermünzen. Da das Wasser dort unten sauerstoffarm ist und es aufgrund des niedrigen Salzgehalts keine Schiffsbohrmuschel gibt, ist das Schiff sehr gut erhalten. Die Schwierigkeit: Das Wrack liegt in 75 Meter Tiefe, was die Arbeit extrem aufwendig macht. Da wurde ein ROV eingesetzt. Ich selbst war letzten Juli dort: Ich konnte nur 25 Minuten unten bleiben, denn das Hochkommen dauert allein 80 Minuten. Man nimmt viel Stickstoff auf, den man wieder abgeben muss, deshalb steigt man extrem langsam auf.
Was macht man in dieser Zeit?
Mittlerweile gibt es Tauchcomputer, mit denen man Tetris spielen kann. Oder man schaut seine Bilder durch. Im Endeffekt ist das aber eine langweilige Zeit.
Wird es noch Entdeckungen geben, die Geschichte schreiben werden?
Das klingt natürlich hochtrabend. Aber die Mars ist ein gutes Beispiel. Man wird sicher die nächsten 20 bis 30 Jahre daran forschen. Wir bekommen dadurch Einblicke in ein schwedisches Kriegsschiff des 16. Jahrhunderts und ergänzen unser Wissen über die Entwicklung des Kriegsschiffbaus. Die Unesco schätzt, dass es weltweit drei Millionen Schiffswracks gibt. Die Ostsee soll mit über 100 000 Schiffen das wrackreichste Gewässer sein. Da ist also noch viel zu entdecken. •
Das Gespräch führte Cornelia Varwig





