wissenschaft.de: Wie beurteilt die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech den Stellenwert der Technologie in Deutschland, Herr Prof. Hüttl?
Reinhard Hüttl: Wir haben zwei Strömungen: Zum einen sind die Deutschen gegenüber Technologien mit unmittelbarem persönlichen Nutzen sehr aufgeschlossen. Andererseits registrieren wir in Deutschland eine wachsende Zurückhaltung gegenüber neuen Technologien und technischen Großprojekten, deren Nutzen nicht unmittelbar ist. Manchmal sind die Signale sogar widersprüchlich – wenn beispielsweise ein teils sorgloser Umgang mit Daten im Internet neben einer recht stark ausgeprägten Sensibilität in diesem Bereich steht. Stärker als in vielen anderen Ländern sehen die Menschen in Deutschland mögliche Nachteile, Risiken oder sogar Gefahren. Bekannteste Beispiele sind Kernenergie, Gen- und Biotechnologie, aber auch Projekte wie Stuttgart 21 oder das Hydraulic Fracturing, das Fracking. Der gesellschaftliche Widerstand hat beim Fracking dazu geführt, dass bereits die wissenschaftliche Erforschung weitgehend ausgesetzt ist. Damit schränken wir Handlungsoptionen ein, bevor sie näher untersucht sind.
Zum Fracking hat acatech im Mai 2015 ein Positionspapier vorgelegt, in dem darauf verwiesen wird, dass durch Testprojekte Erfahrungen gesammelt und Risiken besser beurteilt werden könnten. Die Bundesregierung hat sich dagegen von dieser Technologie weitgehend distanziert. Offensichtlich hat Ihre Studie nicht gefruchtet.
Die politische Entscheidung steht noch aus. Jedenfalls gingen vor sechs Jahren Bilder des brennenden Wasserhahns durch alle Medien und wurden zum Symbol der Fracking-Risiken. Die US-Dokumentation wurde sogar für einen Oskar nominiert. Hierzu haben wir die Forschung detailliert gesichtet. Wir konnten wissenschaftlich belegen, dass diese brennenden Wasserhähne nicht auf Fracking-Erdgas beruhten. Tatsächlich handelte es sich um Gase, die in Moor- und Torfgebieten natürlicherweise auftreten. Mehr noch, es stellte sich heraus, dass das US-Filmteam um die natürliche Ursache hinter dem Phänomen “brennender Wasserhahn” wusste. Auch die ARD-Sendung Panorama hatte zunächst über die brennenden Wasserhähne als Fracking-Risiko berichtet, dann aber für eine spätere Sendung mit uns zusammengearbeitet und die Ursache der brennenden Wasserhähne richtiggestellt. Doch wenn solche Bilder einmal in der Welt sind, bekommen sie eine Eigendynamik. Dafür sorgt schon das Internet. Und irgendwann paust sich das bis in die Politik durch, sodass selbst Forschung zum Hydraulic Fracturing nicht mehr gewünscht ist.
Gegenwärtig gibt es fossile Brennstoffe im Übermaß. Und sie sind kostengünstiger denn je. Warum also sollte die Politik mit Fracking ein neues Fass aufmachen?
Wir decken gegenwärtig elf Prozent unseres Erdgasbedarfs aus heimischen Quellen. Nach einer aktuellen Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe könnten wir diesen Anteil mittels Fracking über 100 Jahre halten – also durch eine Technologie, die bei der Förderung von Tight-Gas in den vergangenen Jahrzehnten allein in Deutschland mehr als 300 Mal ohne Probleme eingesetzt wurde. Verzichten wir darauf, sind die heimischen Gasquellen vermutlich schon in zehn Jahren erschöpft. Dann wäre Deutschland vollständig abhängig von Gasimporten aus dem Ausland. Doch letztlich geht es hier um mehr als um Fracking, nämlich um die wirtschaftliche Nutzung des unterirdischen Raumes. Wie kann eine Gesellschaft, in der schon die Erforschung des Fracking so schwer möglich ist, jemals zu einer Entscheidung über ein atomares Endlager finden?






