Auf dem Weg abgesoffen
Solche typisch etruskischen Amphoren wurden später auf vielen gesunkenen Schiffen gefunden, die sich offensichtlich von Italien aus in Richtung Südfrankreich aufgemacht hatten. Die gängige Schlussfolgerung daraus: Die Etrusker exportierten ihren Wein, und die Kelten beziehungsweise Gallier im heutigen Frankreich gehörten zu den dankbaren Abnehmern. Doch wann geschah das? Und wann folgte dann die lokale Weinproduktion in Frankreich?
Um das zu beantworten, unter suchten Patrick McGovern von der University of Pennsylvania und seine Kollegen drei gut erhaltene etruskische Amphoren, die noch Originalrückstände des ursprünglichen Inhalts enthielten, ebenso wie eine alte Presse aus Kalkstein. Die Stücke stammen aus Händlerquartieren in Lattara, einer antiken Hafenstadt an der französischen Mittelmeerküste, deren Lage etwa mit der heutigen Stadt Lattes übereinstimmte. Die Amphoren wurden in den Jahren 500 bis 475 vor Christus hergestellt, die Weinpresse ist etwa auf das Jahr 425 bis 400 vor Christus datiert und damit etwas jünger.
Verräterischer chemischer Fingerabdruck
In allen Amphoren fanden sich Weinsäure und Tartrate, die Salze dieser Säure, berichtet das Team. Diese Moleküle gelten als typisch für europäische Trauben und Wein aus dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Gleichzeitig entdeckten die Wissenschaftler Harz aus Kiefern, vermutlich Pinien, und Überreste von Kräutern, darunter Rosmarin, Basilikum und/oder Thymian Varianten also, die in Mittelitalien heimisch sind. Vermutlich dienten diese Zusätze als Geschmacksträger ebenso wie als Konservierungsmittel und, möglicherweise, sogar zu medizinischen Zwecken, sagen die Forscher. Diese Funde seien daher ein klares Indiz dafür, dass der Wein aus den Amphoren tatsächlich aus Italien stammte und es offenbar ab dem 6. Jahrhundert vor Christus einen regen Import nach Frankreich gab.
Dass bereits kurz darauf die Eigenproduktion des immer beliebter werdenden Getränks an der französischen Mittelmeerküste startete, verrieten Rückstände auf der Kalksteinpresse. Bisher sei unklar gewesen, wofür genau sie verwendet wurde, ob beispielsweise zum Pressen von Öl oder eben für die Weinherstellung, erläutert das Team. Der Stein enthält jedoch ebenso wie die Amphoren Weinsäure und Tartrate, wie die chemischen Analysen zeigten. Zudem entdeckten die Forscher rund um die Fundstelle Tausende von Traubenkernen, -stielen und sogar -schalen, die ebenfalls nahelegen, dass es sich um eine Weinpresse handelte. Wie sie funktionierte, zeigen zeitgenössische Darstellungen auf griechischen Vasen: Die Körbe mit den Trauben wurden oben auf den Stein gestellt und dort gestampft, so dass die Vertiefung im Stein den Saft auffangen und ableiten konnte.
Erst im Mittelalter Klasse statt Masse
Mit der römischen Eroberung verbreitete sich die gallische Weinkultur später dann an Rhone und Rhein entlang ins Innere des Landes und ins restliche Europa. Die Verfeinerung und Veredelung des Getränks, für die Frankreich heute berühmt ist, erfolgte jedoch erst viele Jahrhunderte später. Zusammenfassend könne man sagen, dass der Weinbau eigentlich immer nach dem gleichen Prinzip weitergegeben wurde, kommentiert McGovern: “Erst galt es, die Herrschenden zu verführen, die sich den Import leisten konnten und den Wein öffentlichkeitswirksam konsumierten. Als nächstes wurden dann ausländische Experten angeworben, um Wein vor Ort anzupflanzen und die lokale Verarbeitungsindustrie zu etablieren. Mit der Zeit durchdringt der Wein dann größere Bevölkerungsschichten und wird schließlich ins soziale und religiöse Leben integriert.”
Der Wissenschaftler ist zudem überzeugt: Wohin der Wein ging, dorthin folgten auch andere kulturelle Elemente, nicht nur Technologien, sondern auch soziale und religiöse Gewohnheiten. Häufig verdrängte der Traubensaft dabei sogar andere alkoholische Getränke mit einer langen Geschichte. Im Fall der europäischen Kelten war das wohl ein Mischgetränk aus Honig, Weizen oder Gerste und Früchten wie Preiselbeeren oder Äpfeln sowie heimischen Kräutern.





