Die Fundstätten im Braunkohlentagebau von Schöningen in Niedersachsen ist schon seit Anfang der 1990er Jahre für ihre reichen und ungewöhnlich gut erhaltenen altsteinzeitlichen Funde bekannt. Rund zehn Meter unter der Oberfläche haben Archäologen die Überreste einer frühmenschlichen Lagerstätte mit zahlreichen, teils bearbeiteten Tierknochen, einigen Steinwerkzeugen und mehreren Holzwaffen entdeckt. Die Überreste stammen aus der Zeit vor rund 300.000 Jahre und stammen höchstwahrscheinlich vom Homo heidelbergensis, einem Frühmenschen, der zwischen dem Homo erectus und dem Neandertaler steht. Für großes Aufsehen sorgte im Jahr 1994 die Entdeckung von mehreren hölzernen Speeren – den ältesten Jagdwaffen der Welt.

Neuer Fund im “Speer-Horizont” von Schöningen
In der gleichen Fundschicht wurde damals ein etwas kürzerer Holzstab entdeckt, der an beiden Enden zugespitzt schien. Sein Zweck blieb allerdings offen. “Verschiedene Hypothesen wurden für die Funktion dieses Stocks vorgeschlagen, darunter die Nutzung als Wurfstock, als Grabstock, als Rindenschäler oder als Kinderspeer”, erklären Nicholas Conard und seine Kollegen von der Universität Tübingen. Doch weil Gebrauchsspuren fehlten, ließ sich nicht feststellen, wozu dieser Holzstab diente. Nun jedoch haben die Forscher ein weiteres Exemplar in Schöningen entdeckt. Auch dieses stammt aus dem rund 300.000 Jahre alten “Speer-Horizont” und damit aus der Zeit des Homo heidelbergensis. Der Stock ist 64,5 Zentimeter lang und besteht aus Fichtenholz. Er ist an beiden Enden leicht zugespitzt und etwas asymmetrisch geformt: Eine Seite ist leicht gebogen, die andere flacher. “Damit gleichen seine Merkmale denen des 1994 entdeckten Holzartefakts”, berichten die Archäologen.
Nähere Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Stab nicht um ein natürlich gewachsenes Holzstück handelt, sondern dass er gezielt hergestellt wurde. “Spuren auf seiner Oberfläche belegen, dass die Frühmenschen Steinwerkzeuge verwendeten, um diesen Fund zurechtzuschneiden und zu bearbeiten”, berichten Conard und seine Kollegen. So sind 21 Stellen zu erkennen, an denen Seitenzweige entfernt wurden, zudem wurde die Oberfläche des Holzes geglättet. Das Entscheidende jedoch: Im Gegensatz zum früheren Holzstock weist dieser Fund zahlreiche Gebrauchsspuren auf. Unter diesen sind Macken und Stoßspuren, die sich über den gesamten Mittelteil des Holzstocks verteilen. An den Enden gibt es dagegen keine Abnutzungsmerkmale. Nach Ansicht der Archäologen spricht dies dagegen, dass es sich um einen Grabstock oder eine Art Keule handelt.





