Zu Lebzeiten war Yes ein zufriedener Hauskater. Wahrscheinlich floss mehr oder weniger Siamesenblut durch seine Adern, erkennbar an dem kurzen, hellen Fell, den dunklen Pfoten und der schwarzen Schnauze. Wenn sein zweibeiniger Dosenöffner tagsüber zur University of Western Ontario fuhr, um dort Anthropologie zu studieren, döste Yes friedlich in der Sonne oder beobachtete die Vögel in den Bäumen. Und wenn sein Herrchen nach Hause kam und pflichtschuldig die Futterdose in den Napf geleert hatte, wurde anschließend gespielt und gekuschelt. Alles in allem: Ein wunderbares Katzenleben. Doch 2003 ging es Yes zunehmend schlechter, und wenig später starb der Kater an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Doch der Tod war erst der Anfang von Yes’ wirklicher Karriere.
Leben wie ein toter ägypter
Der trauernde Besitzer packte den toten Kater ein, fuhr an die Uni und brachte ihn zu Andrew Nelson. Dort war das verstorbene Tier in guten Händen: Der Anthropologieprofessor balsamierte Yes nach allen Regeln der ägyptischen Kunst ein und machte aus dem Kater eine Mumie. Seitdem dient Yes der Wissenschaft. „Wir wollten an ihm klären, ob ägyptische Mumifizierungstechniken zu Veränderungen im Gewebe führen, die wir dann fälschlicherweise für Krankheiten halten”, erläutert Andrew Wade, der sich seit 2006 gemeinsam mit seinem Doktorvater Andrew Nelson um die Mumienkatze kümmert.
Vor allem die Knochen interessierten die Forscher. Der Grund: Bei der Mumie von Ramses II. (etwa 1303 bis 1213 v.Chr.) erscheinen die Rückenwirbel auf den Röntgenaufnahmen verdichtet. Deshalb vermuten einige Anthropologen, dass der Pharao zu Lebzeiten an Morbus Bechterew litt, einer rheumatischen Erkrankung der Gelenke. Yes sollte klären: Hat die Mumifizierung dem königlichen Rückgrat zugesetzt, oder litt der große Ramses tatsächlich zu Lebzeiten an schweren Rückenproblemen?
Um Yes’ Zustand nach dem Tod zu dokumentieren, kam der Kater in den Computertomografen. Danach erhielt er genau jene Behandlung, die auch ein verstorbener Pharao genoss – soweit sie bekannt ist. Zwar berichten die Geschichtsschreiber Herodot und Diodorus Siculus sehr detailliert, wie die Einbalsamierer einen Leichnam mumifizierten – doch dass findige Ägypter den beiden Griechen vielleicht nicht immer die Wahrheit erzählt haben, vermuten Wissenschaftler schon lange.
Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Gehirn. Wer erinnert sich nicht an die gruseligen Schilderungen in Büchern über das alte Ägypten – wie die Einbalsamierer das Gehirn mit einem gebogenen Draht durch die Nase herausziehen. Wenn das tatsächlich gängige Praxis war, warum haben dann viele Mumien ihr Hirn noch im Kopf? Nelson jedenfalls ließ Yes’ Schnuppernäschen heil und sein Gehirn im Katzenschädel.
möglichst originalgetreu
„Als Vorlage für die Mumifizierung diente nicht Herodot, sondern die spärlichen ägyptischen Quellen, die wir kennen”, erklärt Wade. Das sind genau zwei: der Papyrus Boulaq 3 im Ägyptischen Museum von Kairo und der Papyrus 5158 im Louvre. Die Schriftstücke stammen zwar erst aus römischer Zeit, sind aber vermutlich Abschriften von ein und demselben älteren Text. Doch wer auch immer ihn verfasst hat – er interessierte sich weniger für blutige Details als vielmehr für rituelle Handlungen. Statt einer Erklärung, wie das Gehirn zu entfernen sei, finden sich darin Gebetsformeln, die Priester während der Einbalsamierung aufsagen sollten.
Aus Mangel an Schriftquellen verließ sich Nelson also auch auf seine eigenen Beobachtungen. Der Mumienexperte hat in seinem Forscherleben schon so einiges an Mensch und Tier untersucht, was für die Ewigkeit konserviert wurde. Zunächst entfernte er Yes alle Organe, bis auf Hirn und Herz. Dann wurde der Kater 70 Tage lang in Natron getrocknet. Das Salz ist der Schlüssel für eine gelungene Mumifizierung – es entzieht dem Gewebe nach und nach das Wasser. Die Ägypter holten ihr Natron aus der Sketischen Wüste. Die dort natürlich vorkommende Mischung aus Natriumchlorid (NaCl), Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3) und Natriumcarbonat (Na2CO3) eignet sich hervorragend für die Entwässerung. Der Tote wurde auf die Salzmischung gebettet und dann vollständig damit bedeckt. Nach wenigen Wochen steckte kaum noch Wasser in den Zellen, das heißt das Fleisch konnte nicht mehr faulen.
Auch für Yes mischte Nelson die Salzbestandteile in genau jenem Verhältnis, wie es in der Sketischen Wüste vorkommt. Am Ende wickelte er das Tier in Leinenbandagen und malte ihm ein freundliches Katzengesicht auf die Mumienwickel, „um sein Aussehen als Katze wieder herzustellen”, erklärt Wade. „Denn das war bei Tiermumien so üblich.”
königliches jenseits
Als nächstes lag Yes zwei Monate lang in seiner Aufbewahrungsbox im bioarchäologischen Labor der University of Western Ontario. Dort sollte es ihm ähnlich ergehen wie den Pharaonen: „Wir halten das Raumklima ziemlich gleichmäßig trocken und kühl – ganz wie in einem unterirdischen Grab”, berichtet Wade.
Dann folgte der erste Check: Hatten sich die Knochen und Muskeln von Yes seit seinem Tod verändert? Nelson und Wade nutzten alle modernen Methoden, die ihnen zur Verfügung standen. Mithilfe der Mikrotomografie bildeten sie sein Inneres bis zu Pixelgröße im Mikrometerbereich ab und schoben ihn in den Kernspintomografen. Yes wurde eingehender durchleuchtet als wohl jede andere lebende oder tote Katze bisher.
Und das Ergebnis? Die Bilder sahen ganz anders aus als jene vor acht Wochen. „Wir konnten beobachten, dass die Muskeln ihr Wasser verloren hatten, stark geschrumpft und etwas dichter geworden waren”, berichtet Wade. Das Fett hingegen war weitgehend unverändert.” Die Fettschicht aus all dem Dosenfutter, das Yes zu Lebzeiten bekommen hatte, war unvergänglich.
Während sich das Muskelgewebe verdichtet hatte, waren die Knochen gleich geblieben. „Mit dieser Erkenntnis fällt es uns leichter, verändertes Knochengewebe in Mumien eindeutig als Krankheit zu diagnostizieren”, freut sich der Anthropologe. So half ein kanadischer Hauskater, Licht in das Leben eines seit mehr als 3000 Jahren verstorbenen Pharaos zu bringen: Es könnte also durchaus sein, dass Ramses II. an Morbus Bechterew litt.
Auch in Yes’ Gehirn zeigten sich große Veränderungen: Es „ verschwand”. Wie das Muskelgewebe schrumpfte die graue Masse stark und sank zum Boden der Schädelhöhle. Viele Forscher gehen davon aus, dass die Einbalsamierer das Gehirn herausgepfriemelt hatten – und suchen auf ihren Mumien-Scans erst gar nicht danach. Dabei könnten sie die verschrumpelte Masse leicht übersehen. Das würde erklären, warum bei einigen scheinbar hirnlosen Mumien die Nasenöffnung noch auffallend intakt ist.
Die Ergebnisse passen nahtlos zu einer Studie, die Nelson und Wade Anfang 2013 veröffentlichten. Sie wollten wissen, wie stark sich die Beschreibungen von Herodot und Diodorus Siculus vom alltäglichen Handwerk der ägyptischen Einbalsamierer unterscheiden. Dazu prüften sie über 150 Mumien auf Herz und Hirn. Anders als bei den Griechen beschrieben, lag das Herz nur bei etwa einem Viertel der Toten noch dort, wo es hingehörte, und ein Fünftel der Mumien hatte noch ein Gehirn im Kopf. Es zu entfernen, scheint also nicht die Regel gewesen zu sein.
In den folgenden acht Jahren nahmen Nelson und Wade den Kater immer wieder aus seiner Kiste und untersuchten ihn. Hatte sich sein Gewebe weiter verformt? Wade schüttelt den Kopf. „Der mumifizierte Körper verändert sich ziemlich schnell innerhalb weniger Monate – danach bleibt alles, wie es ist.”
Ein menschenbein als mumie
Ähnliches hat auch Frank Rühli festgestellt. Der Mediziner vom Zentrum für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich leitet das „Swiss Mummy Project”. Vor drei Jahren mumifizierte sein Team ein menschliches Bein – mit derselben Intention wie Nelson und Wade: „Wir wollten an frischem menschlichem Gewebe die Mumifizierung nachstellen und mit neuen Techniken untersuchen, was genau dabei passiert.”
Dem Bein erging es wie Yes: „Das Entscheidende geschieht in den ersten Wochen.” Anfangs untersuchte Rühli das Bein täglich, nahm es aus dem Salzbad und schob es in den Computer- und Kernspintomografen. Als sich immer weniger veränderte, kam es seltener in die Röhre. Doch der Segen der Technik wurde zum Fluch des noch wasserhaltigen Mumienbeins. „Die Kernspintomografie erhitzte das Gewebe leicht”, erklärt Rühli, „und dadurch faulte es.” Dennoch: „Wir haben sehr viel gelernt”.
Ein Ergebnis hat die Forscher auf jeden Fall weiter gebracht: Beim Mumifizierungsprozess zerfällt zwar die DNA, und es wird schwierig, sie zu entziffern. „Aber bis zum Schluss haben wir sehr lange Fragmente gefunden.” Damit wuchs bei Rühli die Zuversicht, dass in vielen alten Mumien noch genügend genetisches Material steckt, um mehr über die Menschen von damals zu erfahren.
Nelson, Wade und Rühli waren nicht die Ersten, die auf die Idee kamen, mit Mumien zu experimentieren. Im Grunde führen sie fort, was Bob Brier 1994 begonnen hat. Der Ägyptologe untersuchte Tutanchamun, Ramses II., Lenin, Eva Perón alias Evita und mehrere Angehörige des Medici-Clans. Doch nicht nur das: Er war auch der Erste, der mit altägyptischen Methoden einen Menschen mumifizierte. Der unbekannte Tote hatte in seinem Testament verfügt, dass sein Körper nach dem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung stehen sollte. Heute wird an ihm nicht mehr geforscht. Die Mumie liegt als Ausstellungsstück im San Diego Museum of Man.
totenruhe für den kater
Warum dann einen Versuch wiederholen, den Brier schon an einem ganzen Menschen erprobt hat? „Briers Arbeit war wegweisend”, erklärt Rühli, „aber die technischen Möglichkeiten waren damals noch nicht so ausgereift wie heute.” Detaillierte Bilder, wie sie vom Züricher Bein oder von Hauskater Yes existieren, waren Mitte der 1990er-Jahre noch undenkbar.
Wie Briers Mumie findet nun auch Yes die Totenruhe. „Nach den letzten Scans”, sagt Wade, „haben wir den Kater seinem Besitzer zurückgegeben.” ■
ANGELIKA FRANZ war schon als Kind von Mumien fasziniert – seit ihr Großvater sie mit in eine Tutanchamun-Ausstellung nahm.
von Angelika Franz
Kompakt
· Mumienforscher haben untersucht, ob sich durch die altägyptischen Balsa- mierungstechniken Knochen und Gewebe von Toten nachträglich verformen.
· Dafür mumifizierten sie einen Kater und ein menschliches Bein – mit dem Ergebnis, dass sich das Weichteilgewebe sehr wohl verändert, die Knochen aber nicht.
LESEN
Über Mumifizierungspraktiken: Andrew D. Wade, Andrew J. Nelson Radiological Evaluation of the Evisceration Tradition in Ancient Egyptian Mummies HOMO – Journal of Comparative Human Biology 64, 2013, S. 1–28
Zu Briers Mumifizierungsversuch: Bob Brier Egyptian Mummies – Unraveling the Secrets of an Ancient Art Harper Perennial, New York 1996, € 12,99
Andrew Nelson
„Mich fasziniert an der Anthropologie vor allem eines: die Menschen der Vergangenheit zu verstehen und dieses Wissen mit den Menschen der Gegenwart zu teilen.” Bereits als 18-Jährigen zog die Archäologie Andrew Nelson (*1960) in den Bann. Der Kanadier begann Anthropologie und Biologie zu studieren – und schuftete nebenbei fürs liebe Geld auf den Ölfeldern von Alberta. Kurz vor seiner Promotion 1995 über die Körpergröße von Menschenartigen und den Auswirkungen der Größe auf das Skelett bot ihm die University of Western Ontario eine Professur an – er nahm an und blieb. Mit seinen Röntgenanalysen ägyptischer Mumien hat Nelson seither die Forscherwelt immer wieder verblüfft. Und auch neuzeitliche Rätsel gelöst: 2011 gelang es ihm, anhand eines CTs die Leiche eines im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten zu identifizieren.





