Überraschende Merkmal-Mischung
Die Fossilien lagen in einer etwa 90 Meter vom Höhleneingang entfernten Kammer, die nur über einen schmalen Gang zugänglich war. Bisher gibt es noch keine genaue Datierung der Funde. Die Anthropologen vermuten aber, dass sie mehr als zwei Millionen Jahre alt sein könnten. Sie ordnen Homo naledi im unteren Bereich des menschlichen Stammbaums ein: “Homo naledi ähnelt den frühesten Vertretern unserer Gattung, zeigt aber auch einige überraschend menschenähnliche Eigenschaften, die ihm seinen Platz innerhalb der Gattung Homo sichern”, sagt Co-Autor John Hawks von der University of Wisconsin in Madison. Es handelte sich offenbar um ein ausgesprochen zierliches Wesen: Den Schätzungen zufolge wurde Homo naledi nur 1,50 Meter groß und wog rund 45 Kilogramm. In seinem Köpfchen besaß er ein Gehirn von der Größe einer Orange.
In einigen Merkmalen ähnelte er bereits bekannten frühen Vertretern der Gattung Homo: Die Zähne und der Schädel des Homo naledi ähneln denen des Homo habilis. Seine Schultern wirken jedoch urtümlicher und gleichen eher denen von Menschenaffen. Auch die Hände des neuen Frühmenschen waren ungewöhnlich: “Überraschenderweise sind die Finger von Homo naledi stärker gebogen als die der meisten anderen frühen Homininen, berichtet Co-Autor Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Ihm zufolge deutet dies darauf hin, dass er ein guter Kletterer war, aber die Handform spricht ebenso dafür, dass Homo naledi bereits Werkzeuge benutzt haben könnte. Erstaunlich modern sind auch die Beine und Füße, zeigten die Untersuchungen: Sie ähneln stark denen des modernen Menschen. “Die Kombination der anatomischen Eigenschaften von Homo naledi unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten”, resümiert Berger.
Wurden sie bestattet?
Doch die Begeisterung der Forscher rundet noch ein weiterer Aspekt ab: Die Lage der Skelette. Nichts deutet nämlich darauf hin, dass Tiere oder natürliche Prozesse die Skelette in die Kammer transportiert haben könnten. “Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen: beispielsweise ein Massensterben, ein unbekanntes Raubtier, der Transport von einem anderen Ort in die Kammer durch Wasser oder der Unfalltod in einer Todesfalle”, sagt Berger. “Nachdem wir alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hatten, blieb uns als plausibelste Variante nur die gezielte Ablegung der Toten durch Homo naledi.” Hawks ergänzt: “Solch eine Situation ist im Fossilbericht des Menschen einmalig”.
Die Forscher hoffen nun auf weitere Entdeckungen in der Rising Star Höhle, die mehr Licht in die Fragen rund um den neuen Frühmenschen bringen könnten. “Diese Kammer hat noch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben”, sagt Berger. “Es befinden sich dort unten möglicherweise noch hunderte, wenn nicht sogar tausende Überreste von Homo naledi”, so der Anthropologe.





