Ob als Jagdbeute, Gefährte oder Nutztier: Die enge Beziehung von Mensch und Tier reicht Jahrtausende zurück. Schon in der Altsteinzeit spielten Tiere wahrscheinlich eine wichtige Rolle im Naturglauben der Menschen, beispielsweise als Totemtiere, Schutzgeister oder Repräsentanten des Göttlichen. Von der großen Bedeutung der Tiere zeugen unter anderem Felsmalereien und Höhlenbilder, die bis zu 50.000 Jahre alt sind. Allerdings: Meist sind in diesen Darstellungen nur Tiere zu sehen.

Der Wandel begann mit der Natufien-Kultur
“Paläolithische Repräsentationen von Tier-Mensch-Interaktionen sind extrem selten”, erklären Laurent Davin von der Hebräischen Universität Jerusalem und seine Kollegen. “Es gibt nur eine Handvoll gemalte oder in den Fels geritzte Beispiele, größtenteils aus dem oberen Paläolithikum in Europa.” Diese wenigen Abbildungen zeigen zudem meist Jagdszenen. Erst mit dem Beginn der Jungsteinzeit änderte sich dies deutlich. “Zu dieser Zeit erscheinen Darstellungen einer breiten Palette von Mensch-Tier-Interaktionen, von denen viele als Beleg für schamanistische Praktiken und eine animistische Weltsicht gelten”, erklären die Forschenden. Das lege nahe, dass sich mit dem Aufkommen der ersten neolithischen Gemeinschaften auch der Symbolismus und die Wahrnehmung der Umwelt änderte.
Eine kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Figur liefert nun neue Hinweise dazu, wo und wann dieser Wandel begann. Entdeckt haben sie Davin und sein Team in der Fundstätte Ein Gev II am See Genezareth in Israel. In ihr sind Relikte einer rund 12.000 Jahre alten Siedlung der Natufien-Kultur erhalten. Diese gilt als Vorstufe zu den ersten Bauern. Die Menschen dieser Kultur beackerten noch keine Felder, säten aber beispielsweise schon die Samen wilder Getreide aus. Bei Ausgrabungen in der Natufien-Siedlung fanden die Archäologen die nur rund 3,7 Zentimeter hohe Figur im Füllmaterial einer halbkreisförmigen Steinmauer, die Gräber und zeremoniell abgelegte Objekte umgab. Die Skulptur besteht aus gebranntem Ton und zeigt eine leicht gebückt stehende Frau, auf deren Rücken eine Gans sitzt. Reste von rotem Ocker deuten darauf hin, dass diese Figur einst farbig bemalt war.
“Auf mehreren Ebenen außergewöhnlich”
„Diese Entdeckung ist auf mehreren Ebenen außergewöhnlich“, sagt Davin. „Es handelt sich nicht nur um die weltweit früheste Figur, die eine Interaktion zwischen Mensch und Tier darstellt, sondern auch um die früheste naturalistische Darstellung einer Frau, die in Südwestasien gefunden wurde.“ Besonders ist zudem das Motiv: Anders als frühere Darstellungen zeigt die Skulptur keine Jagdszene, sondern eine wahrscheinlich mythische Begegnung im Sinne animistischer Vorstellungen. Denn aus anderen Tierabbildungen der Natufien-Kultur geht hervor, dass Vögel und im Speziellen Gänse eine wichtige Rolle für diese Menschen spielten. So wurden die Federn der Vögel für Dekorationen verwendet und bestimmte Knochen zu Schmuck verarbeitet.





