Der Stammbaum des Menschen ähnelt eher einem Busch als einem Baum mit klar erkennbarem Stamm. Denn in vielen Phasen der Menschheitsgeschichte existierten verschiedene Homininenarten zeitgleich und teilweise im selben Gebiet nebeneinander. Dies galt auch für unseren Vorfahren, den Frühmenschen Homo erectus, wie unter anderem Funde vom Turkanasee in Kenia belegen. In Gesteinsschichten der Fundstätte Koobi Fora haben Paläoanthropologen schon vor Jahrzehnten Knochen verschiedener Vor- und Frühmenschen entdeckt.
Fußspuren unseres Vorfahren Homo erectus und des Vormenschen Paranthropus boisei belegen zudem, dass diese beiden Homininen vor 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren dort gemeinsam vorkamen. „Der Fund von in derselben Fundschicht auftretenden Fußspuren beider Homininenarten lieferte den ersten direkten Beleg dafür, dass diese beiden Spezies in derselben Landschaft koexistierten“, berichten Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh und seine Kollegen. Das wirft die Frage auf, ob und wie sich Homo erectus und Paranthropus im Verhalten, den Fähigkeiten oder den genutzten Ressourcen unterschieden.
Einige Paläoanthropologen vermuten, dass der Vormensch deutlich kleiner war als unser Vorfahr Homo erectus und sich auch in seinen Nahrungsvorlieben unterschieden haben könnte. „Aber wegen der wenigen eindeutig zugeordneten Skelett-Fossilien wissen wir relativ wenig über mögliche Unterschiede in Fortbewegung oder Körpergrößen zwischen Homo erectus und Paranthropus boisei“, erklären Hatala und seine Kollegen.

Blick über die neu freigelegten Fußspuren in Koobi Fora. — © Kay Behrensmeyer/ Smithsonian
Urtümlicher Gang, aber schon 1,80 Meter groß
Doch jetzt haben die Forschenden in Koobi Fora weitere Fußabdrücke des Paranthropus boisei entdeckt. Die 1,43 Millionen Jahre alten Spuren stammen von acht verschiedenen Individuen dieses Vormenschen, die damals gemeinsam unterwegs waren. „Die Abdrücke wurden im Sediment am wenige Zentimeter tief überspülten Ufer eines Urzeitsees hinterlassen“, berichtet das Team. Die Form der Abdrücke legt nahe, dass der Paranthropus noch keinen modernen Gang besaß. Ähnlich wie die älteren Vormenschen der Gattung Australopithecus hatte auch Paranthropus boisei noch einen sehr flachen Spann und rollte den Fuß stark über den großen Zeh ab. „Dies deutet darauf hin, dass sich die Anatomie und Funktion der Zehenballen bei Homo erectus und Paranthropus boisei deutlich unterschieden“, erklären Hatala und seine Kollegen.
Unerwartet war jedoch, was die Fußabdrücke über die Statur des Vormenschen verrieten: „Die Größe der Fußabdrücke deutet auf menschenähnliche Körpermaße hin, mit einer Körpergröße von bis zu 1,80 Metern und einem Gewicht von etwa 75 Kilogramm“, sagt Hatala. Frühere Studien hatten das mittlere Körpergewicht des Paranthropus boisei dagegen auf nur 30 bis 55 Kilogramm und die Körpergröße auf 130 bis 162 Zentimeter geschätzt. Damit waren die Spurenmacher aus Koobi fora größer als angenommen. Unser Vorfahr Homo erectus und der Vormensch Paranthropus boisei kamen demnach vor 1,4 Millionen Jahren nicht nur gemeinsam am Ufer eines urzeitlichen Sees vor. Sie könnten auch ungefähr gleich groß gewesen sein.
Wie koexistierten die beiden Homininenarten?
Das wirft die Frage auf, ob die beiden Homininen direkte Konkurrenten um Nahrung und andere Ressourcen waren oder ob jede Art ihre eigene Nische besetzte. Hatala und sein Team vermuten, dass die fruchtbaren Ufer des Sees ausreichend Nahrungsressourcen für beide Arten geliefert haben. Möglicherweise sammelten sowohl Homo erectus als auch Paranthropus Wasserpflanzen, Schilf und Gräser am Seeufer und könnten auch gefischt haben. „Aber archäologische und paläontologische Daten stützen die Annahme, dass Homo erectus auf der Suche nach Nahrung größere Distanzen zurücklegte und ein breiteres Nahrungsspektrum besaß“, erklären die Forschenden. Der Vormensch Paranthropus boisei hatte dagegen ein kleineres Territorium und blieb eher am Seeufer.
Angesichts der Größe der Abdrücke vermuten Hatala und seine Kollegen zudem, dass die Fußspuren von männlichen Vertretern dieses Vormenschen stammen. Dies wirft auch neues Licht auf das Sozialverhalten dieser Art: „Dass acht überwiegend erwachsene männliche Individuen von Paranthropus boisei hier gemeinsam als Gruppe unterwegs waren – ohne Frauen oder Kinder – deutet auf eine komplexe Sozialstruktur dieser Art hin“, sagt Co-Autor Neil Roach von der Harvard University.
Die Paläoanthropologen wollen noch in diesem Jahr nach Kenia zurückkehren, um die Forschung an den Fußspuren fortzusetzen. „Jede Fundstelle ist eine Momentaufnahme unserer Vergangenheit. Gemeinsam ergeben sie nach und nach ein Fotoalbum, das unterschiedliche Einblicke in die Anatomie, Fortbewegung, das Verhalten und die Umweltbedingungen von Homininen im frühen Pleistozän ermöglicht“, sagt Hatala.
Quelle: Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Smithsonian Institution; Fachartikel: Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2530996123





