Wikinger galten lange als gefürchtete Plünderer und Räuber, davon zeugt der ihnen verliehene Name: „Wikinger“ leitet sich vom skandinavischen Begriff für Pirat ab. Doch in Wirklichkeit war die Wikingerkultur weit mehr als das: In der Zeit von etwa 800 bis 1050 umfasste sie Siedlungen, Handelszentren und weitreichende Handelsrouten. Die „Nordmänner“ haben damit die Geschichte Europas entscheidend mitgeprägt. Von ihrer Handelstätigkeit und ihrer Kultur zeugen noch heute Reste ihrer Gräber, Siedlungen und Handelsstützpunkte.
„Größte Überraschung meines Lebens“
Ein ganz besonderer Wikinger-Fund ist jetzt bei der Neugestaltung eines Gartens in der Stadt Rebild auf der dänischen Halbinsel Jütland ans Licht gekommen. „Es sollte eigentlich nur ein paar Stunden harte Gartenarbeit bedeuten, doch es entwickelte sich zur größten Überraschung meines Lebens“, berichtet der Finder des Schatzes, der anonym bleiben möchte. Beim Umgraben des Erdreichs stieß er auf einen Widerstand, etwas, das beim Auftreffen der Grabegabel ein seltsames Geräusch von sich gab.
„Zuerst dachte ich, es handele sich um altes Eisen, Zaundraht oder Scherben, doch als ich anfing, mit den Händen zu graben, holte ich plötzlich ein Metallobjekt nach dem anderen aus der Erde“, so der Finder weiter. „Nach kurzer, vorsichtiger Arbeit erkannte ich, dass es sich um Schmuckstücke, Münzen und Silberbarren handelte.“ Ein Teil dieser Fundstücke lag in einem Tongefäß, der Rest war daneben verteilt. Inzwischen haben Archäologen um Torben Sarauw von den Museen Nordjütlands den Fund geborgen und untersucht.
700 Objekte mit insgesamt 18,5 Kilogramm Silber
Der Zufallsfund hat sich als spektakuläre und einzigartige Entdeckung entpuppt. Denn es handelt sich um den bisher größten Silberschatz aus der Wikingerzeit, der jemals in Dänemark gefunden worden ist. „Es ist, als hätte man einen Tresor aus der Wikingerzeit gefunden“, sagt Sarauw. „Dies ist eine Entdeckung von großer Bedeutung für unser Verständnis der Wikingerzeit in Dänemark.“ Der Hortfund stammt aus dem 10. Jahrhundert und umfasst rund 700 einzelne Silberobjekte, darunter zahlreiche Silberbarren und gehackte Silberstücke verschiedener Größen, außerdem silberne Armreifen, 47 Silbermünzen sowie Münzfragmente. Insgesamt wiegt der Silberschatz 18,5 Kilogramm - dreimal mehr als der umfangreichste zuvor bekannte Silberhort der Wikingerära.

Der Hortfund enthält sowohl arabische als auch angelsächsische Münzen, was von den weitreichenden Beziehungen der Wikinger zeugt. — © Nordjyske Museer
Spannend ist der Silberschatz vor allem deshalb, weil er zum großen Teil aus Barren, Schmuck und Hacksilber besteht. „Damit liefert der Hort Aufschluss über die wirtschaftlichen Gepflogenheiten der Wikingerzeit“, erklärt der Archäologe. Denn Barren und zerhackte Silberstücke waren damals Teil eines strukturierten, gewichtsbasierten Wertesystems. Sie dienten als Zahlungsmittel und Wertanlage. Auch die Silberobjekte im neu entdeckten Fund lassen sich bestimmten Gewichtsklassen zuordnen.
Dies deutet darauf hin, dass es sich bei dem Silber nicht bloß um eine willkürliche Ansammlung handelte, sondern um einen sorgfältig organisierten und beträchtlichen Vermögensbestand. „Der Hort veranschaulicht dadurch, welche Rolle Silber in der Wikingerzeit als Vermögenswert und Zahlungsmittel spielte“, erklärt Sarauw. Interessant auch: Auf einem Silberbarren ist in Runen der Begriff „Hutu“ eingeritzt, was als Name, Eigentumsmarkierung oder andere Art der Kennzeichnung gedeutet werden könnte.

Ein Silberbarren trägt eingeritzte Runen. Sie könnten einen Namen, eine Eigentumsmarkierung oder eine sonstige Kennzeichnung darstellen. — © Nordjyske Museer
Münzen aus dem angelsächsischen und arabischen Raum
Neue Einblicke liefern auch die 47 Münzen des neuen Silberschatzes. Denn unter ihnen sind sowohl angelsächsische Silbermünzen als auch arabische Dirhams. Dies zeuge davon, wie eng Dänemark während der Wikingerzeit mit weiten Teilen Europas und Regionen weit im Osten vernetzt war: „Das ist das Faszinierende an diesem Fund: Das Silber wurde zwar in Rebild versteckt, die Münzen offenbaren aber Verbindungen zur islamischen Welt im Osten und zu England im Westen“, sagt der Archäologe. Dies bestätigt, dass die Wikinger damals Waren und Wertobjekte über große Entfernungen hinweg handelten und transportierten.
Die aus Großbritannien stammenden Silbermünzen liefern zudem einen wichtigen zeitlichen Anhaltspunkt für das Alter des Silberschatzes. Denn sie wurden während der Regierungszeit von König Eduard dem Älteren (899–924) geprägt und können demnach erst danach nach Dänemark gelangt und versteckt worden sein. Die arabischen Silbermünzen tragen Inschriften, die für Hortfunde des 10. Jahrhunderts typisch sind, wie die Forschenden berichten. Auch der Wert der Dirhams wurde – ähnlich wie bei den Barren und den Hackstücken - maßgeblich durch das Gewicht und die Reinheit des Silbers bestimmt. Das erklärt, warum auch zerhackte Münzen im Hort enthalten sind.
Fund ist kein Einzelfall für Nordjütland
Wem der Silberschatz einst gehörte und ob er einst in der Nähe einer Wikingersiedlung, an einer Reiseroute oder an einem abgelegenen Ort vergraben wurde, ist ungeklärt. Auch der ursprüngliche Kontext dieses Hortfunds lässt sich nicht mehr feststellen, wie der Archäologe erklärt. Denn das Gebiet um den Fundort ist von modernen Wohnhäusern überbaut. Daher ist es nicht möglich, dort eine umfassende archäologische Untersuchung durchzuführen.
Klar ist jedoch: Ein Einzelfall ist der Silberschatz nicht. Denn in diesem Teil Jütlands haben Archäologen schon mehrere Schätze aus der Wikingerzeit entdeckt. Einer davon wurde 1971 in unmittelbarer Nähe von Rebild entdeckt und umfasste rund vier Kilogramm Silberbarren, zerstückeltem Schmuck und kleinere Silberstücke. Bei einem weiteren Hortfund in der Region kamen sechs goldene Armreifen zutage. „Wir haben es hier mit einer Region zu tun, die immer wieder spektakuläre Funde aus der Wikingerzeit hervorbringt“, sagt Sarauw. „Der neue Silberhort belegt, dass das Gebiet um Rebild keine abgelegene Randzone war, sondern Teil weitverzweigter wirtschaftlicher und kultureller Netzwerke der Wikingerzeit.“
Quelle: Nordjyske Museer (North Jutland Museums)





