Mohammed Ahmad führte seit 1881 den Aufstand gegen die ägyptische Herrschaft im Sudan an (zeitgenössischer Holzstich). · Foto: akg-images
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers Mohammed Ahmad, der sich selbst zum von Gott geleiteten Mahdi erklärt hatte. Was folgte, war ein Aufstand, der Khartum zu Fall brachte und auch in London Panik auslöste.
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“Allah wird einen Propheten senden, der das von Mohammed begonnene Werk vollenden soll“: So spricht, in Karl Mays Roman „Der Mahdi“ („Gesammelte Werke“, Bd. 17), ein frömmelnder Derwisch namens Mohammed Ahmad (im Buch Achmed). Bei ihm handelt es sich um eine historische Figur; auch der Titel ist echt, er findet sich in der islamischen Überlieferung. Wörtlich übersetzt bedeutet al-mahdi „der Geleitete“: Ein von Gott gesandter Stellvertreter des Propheten würde alle Gläubigen wieder auf den rechten Weg führen. Anschließend sollte dieser, wie von May zutreffend geschildert, „Mekka nehmen und endlich nach Stambul [Istanbul] ziehen, um den Sultan abzusetzen und sich als den wahren Beherrscher der Gläubigen ausrufen zu lassen“.
Die restliche Handlung hat May erfunden: Im Roman, der zwischen 1877 und 1879 im Sudan spielt, rettet der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi dem künftigen Mahdi Mohammed Ahmad das Leben, erntet aber nur Undank. Bis zur Jahrhundertwende hatte May weder Ägypten noch den Sudan besucht. Beide Nilländer waren seinerzeit Teil des Osmanischen Reichs, regiert von einem Vizekönig, der später den Titel Khedive trug.
Der Sudan im Zeitalter des Imperialismus
Als „Der Mahdi“ 1891 erschien, war Mohammed Ahmad bereits tot. Ein Jahr darauf wurde Ägypten britische Kolonie. Im Sudan bestand das Mahdi-Reich indes weiter. Sämtliche Bemühungen, ihm den Garaus zu machen, schlugen fehl. Solch hartnäckige Resilienz blieb selbst dem fernen Europa nicht verborgen: Die zweifelhafte Popularität des Mahdi wirkte sich positiv auf die Verkaufszahlen von Mays Roman aus. Im Folgeband der „Gesammelten Werke“ bekam Mohammed Ahmad noch einen Kurzauftritt.
Im kolonial beherrschten Afrika besaß das Mahdi-Reich, auch Kalifat genannt, neben dem ebenfalls unabhängigen Äthiopien ein Alleinstellungsmerkmal. Mohammed Ahmad schlug Kapital aus der desaströsen Lage im politisch und wirtschaftlich ramponierten Sudan, begleitet von einer religiös-chiliastischen Heilserwartung. In Zeiten von Armut und Unterdrückung wuchs im Volk die Sehnsucht nach einem Erlöser, der alles wieder ins Lot rücken würde.
Die Herrschaft sowohl des osmanischen Sultans als auch des ägyptischen Statthalters empfand man im strenggläubigen Sudan als dekadent. Hinzu kam die Bedrohung durch das Christentum: Von Westen streckten die Franzosen, von Norden die Briten ihre Fühler aus. Zudem waren die Regierungen in Paris und London im Besitz des ökonomisch wie strategisch wichtigen Suezkanals, der das Mittelmeer via Rotes Meer mit dem Indischen Ozean verband und Schiffen aus Asien auf dem Weg nach Europa die Route um Afrikas Südspitze ersparte. Ein expandierendes Reich am Nil, dessen Ziel die Eroberung Mekkas war, musste zwangsläufig mit den Interessen der Europäer kollidieren.
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1883 kam es zu heftigen Kämpfen zwischen ägyptischen Truppen und den Anhängern des Mahdi. Diese zeitgenössische Illustration aus der britischen Wochenzeitung „The Graphic“ zeigt die Schlacht von Assalia am 29. April 1883. · Foto: Bridgeman Images / Look and Learn / Illustrated Papers Collection
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war der Sudan von fremden Einflüssen unberührt geblieben. Erst 1821 gelang es dem ägyptischen Vizekönig, das Gebiet zu unterwerfen und somit dem Osmanischen Reich einzuverleiben. In der Folge änderte sich das Leben im Sudan radikal: Die Beamten des Vizekönigs, von den Einheimischen verächtlich unter dem Begriff „Türken“ subsumiert, machten aus dem Land eine Art Selbstbedienungsladen. Zwar beriefen sie sich auf den Koran als höchstes Gesetz, doch hatten sie in Wirklichkeit ein System von Ausbeutung, Korruption und Vetternwirtschaft errichtet. Deshalb verlor ihre Herrschaft in den Augen der Sudanesen jede Legitimität.
Steuern, Schulden und Unmut: wie Ägyptens Krise den Aufstand befeuerte
Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 setzte der Niedergang Ägyptens ein. Die Hauptschuld trug der verschwenderische Regierungsstil Ismail Paschas. Zwar konnte der inzwischen mit dem vererbbaren Titel eines Khedive ausgestattete Vasall recht unabhängig von der Hohen Pforte regieren; dafür weigerte man sich in Istanbul, für Ägyptens Schulden geradezustehen. Diese hatten ein beängstigendes Ausmaß angenommen.
Um den drohenden Bankrott abzuwenden, musste Ismail seine Anteile am Kanal an Großbritannien verkaufen. Zu allem Überfluss rüstete er eine militärische Expedition gegen das christliche Äthiopien aus, die kläglich scheiterte und ein weiteres Loch in die Staatskasse riss. Aus Verzweiflung ersann der Khedive immer neue Steuern, insgesamt mehr als 40, die er mit Vorliebe im Sudan eintrieb.
Als weitaus schlimmer als die Steuerwillkür empfanden viele Untertanen das vom Khediven verfügte Verbot des Sklavenhandels, der im Koran nicht untersagt war. Die Maßnahme geschah keineswegs aus humanitären Beweggründen, vielmehr schielte Ismail, sich als moralisch integer gerierend, auf das Wohlwollen der europäischen Mächte. Sudanesische Bauern, die früher ihre Steuern mit Sklaven abgegolten hatten – oft auch mit Familienangehörigen, die sie für verschiedene Dienste abstellten –, mussten nun in Naturalien oder Vieh bezahlen, wozu sie kaum mehr in der Lage waren.
Noch allerdings hatte Ismail nicht alle Register gezogen. Schon seit Langem trachteten die Briten danach, die Schwäche des Sultans zu nutzen. Dem „kranken Mann am Bosporus“, so die gängige Metapher für das Osmanische Reich, war seine eigene Größe über den Kopf gewachsen; von den bis dahin beherrschten Ländern bröckelte ihm nun eins nach dem anderen weg. Jetzt öffnete sich für London eine Tür im Sudan: Um den Sklavenhandel zum Erliegen zu bringen, erkor der Khedive den britischen Offizier Charles George Gordon zum Generalgouverneur.
Charles George Gordon in der Uniform des ägyptischen Generalgouverneurs des Sudan (Farblithographie aus den „Illustrated London News“ vom 22. März 1884). · Foto: akg-images / De Agostini Picture Lib. / G. Dagli Orti
In Unkenntnis der Verhältnisse setzte Gordon auf eine harte Linie, doch das Verbot des Sklavenhandels brach der sudanesischen Wirtschaft das Rückgrat. Bauern wie Händler verarmten zusehends. Auf britischen Druck hin musste der Khedive, der allein an Zinsen eine Schuld von zwei Millionen Pfund Sterling angehäuft hatte, zugunsten seines Sohnes Tewfik abdanken.
Gordon sah seine Mission als beendet an und kehrte nach England zurück, mit nagendem Zweifel: „Alle Welt wünscht, dass Ägypten“, schrieb er, den Sudan stillschweigend einbeziehend, „seine Sklaven aufgibt. Aber das Land kann ohne sie nicht existieren. Sie sind ihm durchaus vonnöten.“
Ein charismatischer Prediger schart Anhänger um sich
Tewfik bekam die Probleme nicht in den Griff. Eine Offiziersrevolte konnte er mit Mühe niederhalten, wenn auch nur mit britischer Militärhilfe. Dies wiederum entfachte in der verelendenden Bevölkerung neue Hoffnung, die Tage des Vizekönigreichs seien gezählt. Übernähmen die Briten erst einmal das Ruder, frohlockte man weiter, stießen sie im frommen Sudan auf noch größeren Hass als zuvor der Khedive. In diese Gemengelage wuchs der künftige Mahdi hinein.
Mohammed Ahmad wurde am 12. August 1844 auf der Nilinsel Labab geboren. Sein Vater, ein Bootsbauer, schickte ihn auf eine Koranschule. Mit 17 schloss er sich einem Sufi-Orden an. Der Lebenszweck eines Sufi – wörtlich übersetzt „der in eine Baumwollkutte Gekleidete“ – besteht in der Suche nach Gott, dem er sich durch die Entsagung aller irdischen Genüsse immer weiter nähert. Später zog Mohammed Ahmad durchs Land, um ein Leben in religiöser Reinheit und Askese zu predigen.
Am Ende seiner Wanderungen ließ er sich auf der Insel Aba im Weißen Nil nieder und baute dort ein religiöses Zentrum auf. Sein frommer Ruf verbreitete sich rasch. Vor allem die Angehörigen der ärmeren Bevölkerungsschichten verbanden ihren Glauben an den Anbruch eines neuen Zeitalters mit seiner Person.
Der selbst ernannte Mahdi im Kreis seiner treuen Gefolgschaft (Stich, 1883). · Foto: Bridgeman Images / Chris Hellier. All rights reserved 2026
Endgültig berühmt machte ihn ein Initiationserlebnis: Ein Sufi namens Abdullah war auf seiner Suche nach dem ersehnten Erlöser schließlich in Aba eingetroffen. Dort lernte er Mohammed Ahmad kennen und schloss Freundschaft mit ihm. Nach einiger Zeit gelangte Abdullah zu dem Schluss, den so lange gesuchten Mahdi vor sich zu haben, und verkündete die Neuigkeit, die nun unter all den Eiferern und Beflissenen die Runde machte.
Mohammed Ahmad gewann schließlich selbst die Überzeugung, der von Gott Erwählte zu sein. Am 29. Juni 1881 erklärte er sich auf der längst zum Pilgerziel gewordenen Insel Aba öffentlich zum Mahdi. Seine Anhänger forderte er auf, ihm den Treueschwur zu leisten und mit ihm nach Norden aufzubrechen. Der gemeinsame Auszug war der Hedschra des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina anno 622 nachempfunden – neben der Geburtsstunde der neuen Religion zugleich der Beginn der islamischen Zeitrechnung.
Die Hedschra der Mahdisten begann im Fastenmonat Ramadan. Sie war kein spontanes Ereignis, sondern sorgfältig geplant. Mit dem Einsetzen der Regenzeit schienen große Truppenbewegungen der Ägypter gegen den Vormarsch des Mahdi unmöglich. Mohammed Ahmads Ziel war die sudanesische Hauptstadt Khartum. Er hoffte, dort – ähnlich wie Mohammed in Medina – einen islamischen Staat zu gründen.
Die Eroberung von El Obeid: Der Mahdi konsolidiert seine Macht
Ein erstes größeres Hindernis unterwegs war die Hauptstadt der Provinz Kordofan, El Obeid. Der Versuch, die Festung im Sturm zu nehmen, scheiterte. Es folgte eine viermonatige Belagerung, an deren Ende die Garnison am 19. Januar 1883 kapitulierte. Mohammed Ahmad erwies sich als kluger Heerführer, der aus früheren Fehlern gelernt hatte.
Ursprünglich hatte er geplant, auf Feuerwaffen zu verzichten, da diese seinem Vorbild Mohammed nicht zur Verfügung gestanden hatten. Nachdem er vor El Obeid ein ägyptisches Entsatzheer in einen Hinterhalt locken konnte, benutzte er fortan nicht nur dessen moderne Gewehre, sondern nahm auch die gut ausgebildeten Soldaten in seine Reihen auf. Dies erhöhte die Schlagkraft der eigenen Truppe ungemein.
Im November 1883 wurde die Armee von William Hicks bei El Obeid von den Truppen des Mahdi nahezu vollständig vernichtet (Darstellung aus der französischen Wochenzeitung „L’Illustration“). · Foto: akg-images / De Agostini / Biblioteca Ambrosiana
Ähnlich verfuhr der Mahdi mit den in El Obeid erbeuteten Waffen und ihren Trägern. Auch die dort gehorteten Steuergelder fielen ihm in die Hände und besserten seine Kriegskasse auf. Mohammed Ahmad widerstand der Verlockung, sofort weiter Richtung Khartum zu ziehen, musste er doch damit rechnen, dass der Khedive Tewfik ihm unterwegs mit einer Armee auflauern würde. Daher sollte fürs Erste El Obeid das neue Hauptquartier der Mahdisten bilden.
Durch seine Spione war Tewfik zwar im Bilde, auf Höhe des Geschehens war er dennoch nicht. Warnungen seiner Militärexperten ignorierend, bereitete er einen Feldzug auf El Obeid vor. Die Zeit saß ihm im Nacken. Die Misswirtschaft hatte er nicht zu beseitigen vermocht, in der Hauptstadt rumorte es. Tewfik benötigte dringend einen Prestigeerfolg.
In aller Eile hob er ein Heer aus. Mit dem Oberbefehl betraute er einen bereits pensionierten britischen General: William Hicks, der sich zwar in Indien viele Meriten erworben hatte, den Sudan jedoch nicht aus eigener Erfahrung kannte.
Hicks verfügte immerhin über 20 Kanonen und rund 8000 gut ausgerüstete Soldaten. Sachkundig geführt hätten sie den Mahdi sehr wohl besiegen können, doch machte ihnen im heißen Kordofan der Wassermangel zu schaffen. Die schwerfällige Armee kam nur langsam voran; darunter litt die Disziplin. Hicks stritt mit seinen ägyptischen Offizieren, von denen einige ohnehin mehr Sympathien für die Mahdisten als für die christlichen Briten hatten.
Stets über die Bewegungen des Feindes informiert, zog Mohammed Ahmad Hicks entgegen. Als die erschöpften Briten und Ägypter in einem Wald ihr Lager aufschlugen, sahen sie sich von mahdistischen Reitern umzingelt. Ein Entkommen war nicht mehr möglich, der Einsatz von Kanonen inmitten der Bäume illusorisch. Hicks’ Armee wurde komplett aufgerieben. Er selbst und seine europäischen Offiziere fielen, nur etwa 100 Soldaten überlebten die Schlacht.
Wettlauf gegen die Zeit: Die zeitgenössische Illustration zeigt, unter welchen Anstrengungen das britische Entsatzheer zur Rettung von Gordon die Schiffe auf dem Nil flussaufwärts ziehen musste. · Foto: Bridgeman Images / Look and Learn / Illustrated Papers Collection
Sein Sieg über die Armee einer europäischen Großmacht machte den Mahdi in der gesamten arabischen Welt auf einen Schlag berühmt. Von Marokko bis Mekka trafen Bewunderer in El Obeid ein. Der Mahdi empfing sie mit einer Vision: „So, wie Du in El Obeid gepredigt hast, so wirst Du auch in Khartum predigen“, habe ihm der Prophet offenbart, und nach Mekka und Medina werde er „in der Moschee von Kairo“ und schließlich „auch in Jerusalem predigen“.
Der Mahdi wird zur Gefahr für das Empire
Vorerst zog es den Mahdi nach Khartum. Der Khedive war zu schwach, seine Offiziere zu unentschlossen, um ihm militärisch Paroli zu bieten – blieben die Briten: Premier William Gladstone befürwortete den geordneten Rückzug aus dem Sudan.
Doch plötzlich setzte in der britischen Öffentlichkeit ein Meinungsumschwung ein, befeuert durch einen Zeitungsartikel: „Nicht der Mahdi ist die eigentliche Gefahr“, sagte ausgerechnet Gordon am 9. Januar 1884 in der „Pall Mall Gazette“ und warnte vor „der Wirkung, die das Schauspiel einer erfolgreichen mohammedanischen Macht … auf die Menschen ausübt, die man beherrschen will“. Sein Appell endete mit dem Schreckensszenario einer „arabischen Welt, die binnen Kurzem zu beiden Seiten des Roten Meeres in Flammen steht.“
Viele Briten erblickten in Gordon nicht weniger als den Retter des christlichen Abendlands. Doch seine Mission blieb vage. Genau besehen, kämpfte der britische Offizier für die imperialistischen Interessen einer fremden Kolonialmacht. Die Mission des Mahdi war im Vergleich viel handfester, mit einem konkreten Nutzen für die Einheimischen.
Am 15. Februar 1884 traf Gordon, erneut zum Generalgouverneur ernannt, in Khartum ein; rechtzeitig vor der Streitmacht des Mahdi. Obwohl er über keine britischen Truppen verfügte, telegraphierte er voller Zuversicht nach London, den Mahdi bald besiegen zu können. Es war Gordons letztes Telegramm, denn Mohammed Ahmad ließ kurz darauf den Draht von Khartum nach Kairo kappen. Dann begann er mit der Belagerung.
Am 26. Januar 1885 stürmten die Kämpfer des Mahdi den Palast in Khartum. Das Gemälde (1893) zeigt Generalgouverneur Gordon kurz vor seinem Tod. · Foto: akg-images / Heritage-Images / The Print Collector
Gordon saß in der Falle. Vom Roten Meer abgeschnitten, ohne eine realistische Chance, die Nilblockaden stromauf wie -ab zu überwinden, blieb ihm nur auszuharren, bis ein britisches Entsatzheer eintreffen würde. Sämtliche Ausbruchsversuche scheiterten. Ein Versuch, Hilfe wenigstens aus Kairo herbeizuholen, schlug ebenfalls fehl: Ein gepanzerter Dampfer mit dem britischen und französischen Konsul an Bord lief auf einen Felsen auf. Alle Passagiere wurden von den rabiaten Anrainern massakriert.
Für Gordon kam schließlich jede Hilfe zu spät. Ende Dezember zog sich der Belagerungsring immer enger um die Stadt. Mohammed Ahmad sandte einen Brief „an Gordon Pascha, möge Allah ihn schützen!“ Darin bot er an: „Wenn Du bereit bist, Dich uns anzuschließen, wird es zu Deinem Segen sein. Wenn Du aber nach England zurück willst, so werden wir Dich dorthin schicken, ohne einen Piaster zu verlangen.“
Gordon lehnte ab. Nach zehnmonatiger Belagerung fiel Khartum. Obwohl der Mahdi seinen Anhängern befohlen hatte, Gordon zu schonen, starb dieser im Kampf, den Revolver in der Hand. Am letzten Januartag des Jahres 1885 sprach Mohammed Ahmad das Freitagsgebet in der Moschee von Khartum.
Der Sudan wurde islamisches Kalifat, Oberhaupt des neuen Gemeinwesens war der Mahdi selbst. Ihm schworen seine Anhänger Gehorsam und gelobten, weder zu stehlen noch Ehebruch zu begehen oder falsches Zeugnis abzulegen – laut Mohammed Ahmad die Hauptgründe, die zu einer korrupten, verdorbenen und verlogenen Gesellschaft geführt hatten.
Das Erbe und der Niedergang des Mahdi-Reichs
Der Mahdi setzte vier Kalifen, darunter den Sufi Abdullah, als seine Stellvertreter ein, mit denen er regierte. Die in Khartum gemachte Beute wanderte in eine gemeinsame Kasse, aus der sich nur bedienen durfte, wer seinen Bedarf nachwies. Zugunsten der Armen wurde eine Almosensteuer erhoben, zahlbar in Geld, Korn oder Vieh. Der Mahdi verbot den Genuss von Alkohol, Tabak und Haschisch. Frauen mussten sich verschleiern. Immerhin war es ihnen erlaubt, sich scheiden zu lassen, falls ihr Ehemann sie nicht mehr finanziell unterstützte.
Erst 1898 konnten die Mahdisten bezwungen werden. Das Foto zeigt das britische Camel Corps unter der Führung von General Herbert Kitchener nach der gewonnenen Schlacht von Omdurman. · Foto: Bridgeman Images / SZ Photo
Zur Eroberung Mekkas sollte es nicht mehr kommen. Fünf Monate nach dem Fall Khartums erkrankte der Mahdi an Typhus und rang eine Woche lang mit dem Tod. Als er sah, dass sein Leben zu Ende ging, rief er seinen engsten Vertrauten Abdullah als Nachfolger aus. Mohammed Ahmad starb in der Nacht zum 22. Juni 1885. Er wurde nur 40 Jahre alt.
Abdullah vermochte das Lebenswerk des Mahdi nicht fortzusetzen. Nach einem gescheiterten Versuch, in Ägypten einzumarschieren, verzichtete der Kalif auf künftige Eroberungen und baute das autokratische Staatswesen im Sudan weiter aus. Über ein Jahrzehnt war er mit dieser Politik auch erfolgreich. Doch dann schlug Großbritannien zurück. Ein englisch-ägyptisches Heer unter General Kitchener rückte in den Sudan ein. Vor der technischen Übermacht kapitulierten die Verteidiger. Abdullah ließ am 24. November 1899 sein Leben auf dem Schlachtfeld von Umm Diwaykarat.
Nach ihrem Sieg trafen die Briten Maßnahmen, um ein Wiederaufleben der Mahdi-Bewegung zu verhindern. Winston Churchill, der als Leutnant am Feldzug teilnahm, notierte: „Auf den Befehl von Sir Herbert Kitchener wurde der Leichnam des Mahdi ausgegraben. Das Haupt wurde vom Rumpf getrennt und von Hand zu Hand weitergereicht, bis es schließlich nach Kairo kam.“
Ralf Höller
ist Historiker und freier Autor.
Literatur
Ralf Höller, Der Kampf bin ich. Rebellen und Revolutionäre aus sechs Jahrhunderten. Berlin 2001.
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