Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger war ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des ostfränkischen Reiches. Durch geschickte Heiratspolitik und Ausnutzung von Adelsfehden im karolingischen Königreich gelang es ihm, seine Macht auszubauen und zu festigen. Durch erfolgreiche Feldzüge gegen die Ungarn konnte Heinrich I. zudem das Ostfrankenreich befrieden und ausbauen. Als er am 2. Juli 1036 in Quedlinburg starb, übernahm sein Sohn Otto I. die Herrschaft und begründete die ottonische Ära.
Von den Nationalsozialisten instrumentalisiert
Für Heinrich Himmler und die Führungsriege des Nationalsozialismus war König Heinrich I. der „Gründer des deutschen Reichs“ und ein Vorreiter des völkischen Nationalbilds. In Heinrichs Siegen über die Ungarn sahen die NS-Ideologen eine frühe Rechtfertigung ihrer „Blut-und-Boden“-Ideologie. Deshalb inszenierte Heinrich Himmler zum 1000. Todestag des Ostfrankenkönigs eine aufwendige nächtliche Feier in der St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg – dem Ort, an dem Heinrich I. der Überlieferung nach bestattet wurde.

Abbildung des Ostfrankenkönigs Heinrich I. in einer Kaiserchronik aus der Zeit um 1112/14. — © historisch
Das große Manko jedoch: Trotz Ausgrabungen in der Kirche und intensiver Suche nach den sterblichen Überresten des Königs wurden die NS-Archäologen unter Leitung des Geologen und SS-Untersturmführers Rolf Höhne nicht fündig. „Statt auf das erhoffte Grab des Königs stieß man auf den Sarkophag seiner Gattin Mathilde“, berichten Donat Wehner vom Landesamt für Denkmalpflege und
Archäologie Sachsen-Anhalt und seine Kollegen. Die große Weihefeier am 2. Juli 1936 musste daher ohne die Gebeine des Königs auskommen – zum großen Leidwesen Himmlers.
Der Fund des Schädels
Erst ein Jahr nach dem großen Jubiläum, im Juni 1937, verkündeten die Archäologen, dass sie nun das Grab und die sterblichen Überreste von Heinrich I. entdeckt hätten. Diese fanden sich im nördlichen Seitenflügel der Krypta der St.-Servatii-Kirche, unter den Funden im Grab waren ein fragmentierter Schädel mit Unterkiefer, mehrere Knochenstücke, eine Kopfbedeckung aus Leder, Textil- und
Metallbestandteilen, eine im Halsbereich liegende Nadel aus Bronze sowie ein Holzbrett. Weil im Grab der Königin Mathilde eine nahezu identische Nadel entdeckt worden war, wurde sie als Hinweis darauf interpretiert, dass auch das neu entdeckte Grab aus der Zeit Heinrichs I. stammt.
Weitere vermeintliche Belege für die Zuordnung der Funde zu Heinrich I. lieferte der NS-Anthropologe August Hirt, später wegen Experimenten an KZ-Häftlingen berüchtigt. Er untersuchte den Schädel und beurteilte ihn – konform zu den Erwartungen Himmlers und der SS – als den Schädel eines greisen Mannes von „überwiegend nordischem Gepräge“. Die Reste der Kopfbedeckung wurden als Relikte eines Stirnbands interpretiert. Die NS-Archäologen um Höhne schrieben daraufhin einen entsprechenden Grabungsbericht und die Nachricht vom Fund Heinrichs I. wurde prominent von den NS-Presseorganen veröffentlicht.

Blick in den für den vermeintlichen Schädel König Heinrichs I. von der SS angefertigten Sarkophag. Zu erkennen ist die ausgearbeitete Kopfnische nach mittelalterlichem Vorbild. — © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Ortsaktenarchiv)
Archivdaten widerlegen NS-Archäologen
Doch was ist dran an dieser spektakulären Entdeckung? Hatten die NS-Archäologen tatsächlich die Überreste Heinrichs I. gefunden? Daran gab es schon kurz nach Höhnes Grabungsbericht offenbar Zweifel, denn dieser Bericht wurde nie offiziell veröffentlicht und galt lange als verschollen. Deshalb bestanden sogar Zweifel daran, ob die Grabung überhaupt stattgefunden hatte. Das Team um Wehner hat daher in Archiven nach Dokumenten zu dieser Grabung und den mit ihr verbundenen Untersuchungen geforscht – mit Erfolg. Denn im Bundesarchiv existieren ein Manuskript und Rohdruckfassungen zu den damaligen Ausgrabungen, die die Historiker nun ausgewertet haben. Ihre Resultate liefern neue Antworten auf einige offene Fragen zur Causa Heinrich I.
Die Analysen enthüllten: Bei den Relikten einer Kopfbedeckung aus dem Grab – Stoffresten, einem Lederband und metallenen Ösenringen - handelte es sich nicht um die Reste eines Stirnbands, wie von Höhne und seinem Team postuliert. „Vielmehr deutet der Fund auf eine Totenhaube hin, wie sie in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gräbern besonders häufig bei Kindern, Jugendlichen und Frauen zu beobachten ist“, berichten Wehner und seine Kollegen. Bei der Nadel handelt es sich um eine Stecknadel und das Holzbrett zeugt von einem Totenbrett oder Holzsarg. „Alle diese Elemente sind Bestandteile der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sepulkralkultur“, erklären die Historiker. Demnach sind diese Objekte aus dem vermeintlichen Heinrichsgrab nicht alt genug, um aus der Todeszeit des Ostfrankenkönigs zu stammen.
Schädel war zu jung und stammte von einer Frau
Und auch beim Schädel hat der NS-Anthropologe Hirt offenbar eher Wunschdenken walten lassen als wissenschaftliche Sorgfalt: Hirt stufte das Sterbealter anhand der Schädelnähte als 55 bis 70 Jahre ein. Damit widersprach er jedoch dem Befund eines zuvor hinzugezogenen Zahnmediziners, der die Zähne als die einer zum Todeszeitpunkt 30- bis 40-jährigen Person bewertete – zu jung für Heinrich I. In ihren neuen Analysen der von Hirt dokumentierten Schädelmerkmale kommen Wehner und sein Team zudem zu dem Schluss: „Alle anthropologischen Merkmale sprechen für ein weibliches Individuum.“ Das bedeutet: Die angeblichen Überreste Heinrichs I. sind nicht nur zu jung und aus der falschen Zeit, sie stammen auch von einer Frau.
Wehner und seine Kollegen vermuten, dass dieser Schädel in Wirklichkeit zum Leichnam der Stiftspröpstin Anna von Tautenburg gehörte. Diese wurde 1533 in der Krypta der St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg bestattet. Auf dem Grab, in den Höhne und sein Team den vermeintlichen Heinrichsschädel fanden, lag bis zum Jahr 1878 noch die Grabplatte der Stiftspröpstin, wie die Forscher ermittelt haben. All dies legt nahe, dass es ihre Gebeine waren, die in der NS-Zeit als die des Ostfrankenkönigs gefeiert wurden. „Insgesamt sprechen aber alle Indizien dafür, dass Himmler eine Stiftsdame zum Mittelpunkt seines ‚Schädelkultes‘ bei den König-Heinrich-Feiern hat inszenieren lassen“, schreiben die Forscher.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte; Fachartikel: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 100, doi: 10.11588/jsmv.2026.2.116367





