Eigentlich deutete im Vorleben von Violet Gibson wenig darauf hin, dass sie einmal ein Attentat begehen würde – erst recht nicht in Italien. Denn die 1876 in Dublin geborene Tochter eines irischen Barons wuchs behütet auf und bewegte sich zunächst in höchsten Adelskreisen. Doch mit Mitte Zwanzig konvertierte Gibson zum Katholizismus und begann, sich für soziale Gerechtigkeit und den Pazifismus zu engagieren. 1913 arbeitete sie in Paris für eine pazifistische Organisation, gleichzeitig verfolgte sie die politische Entwicklung und den Aufstieg des Faschismus in Italien – einem Land, das sie zuvor mehrfach besucht hatte.
Schuss traf Mussolinis Nase
Trotz dieses Engagements galt die Tat von Violet Gibson am 7. April 1926 lange als unerklärlich, als nur durch einen anomalen Geisteszustand erklärbar: Die junge Adelige drängte sich durch die Menge auf den Kapitolsplatz in Rom, bis sie nur noch wenige Meter vom faschistischen Diktator Benito Mussolini entfernt stand. Dann zückte sie eine Pistole und schoss. Mussolini entging dem Tod nur dadurch, dass er genau in diesem Moment seinen Kopf drehte, so dass ihn die Kugel nur an der Nase traf.
Violet Gibson wurde direkt nach der Tat festgenommen und von der italienischen Polizei eingehend verhört. Dabei beharrte die Attentäterin jedoch zunächst darauf, dass sie sich an nichts erinnern könne, später erklärte sie, nicht bei Sinnen gewesen zu sein. Mehrere Gutachter kamen zu einem ähnlichen Schluss. Im Militärprozess am 6. Mai 1927 lautete das Urteil, dass Violetta Albina Gibson für ihre Tat nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne, da sie unter einer geistigen Erkrankung gelitten habe. Gibson wurde drei Tage später nach England gebracht und blieb dort 30 Jahre lang in einer psychiatrischen Anstalt eingesperrt.
Trailer für einen im Jahr 2021 auf dem Chicago Irish Film Festival gezeigten Dokumentarfilm über Violet Gibson
War Gibson geistig verwirrt?
Was wirklich hinter dem Mussolini-Attentat der irischen Adeligen steckte, kam erst in den letzten gut zehn Jahren allmählich ans Licht. Nachforschungen in zeitgenössischen Dokumenten lieferten mehr und mehr Hinweise darauf, dass Violet Gibson keineswegs geistig verwirrt war, sondern eine klar politische Motivation für ihr Attentat hatte. Neue Indizien dafür haben nun der Historiker Giovanni Pietro Lombardo von der Sapienza-Universität Rom und der Psychologe M. Andrea Pisauro von der University of Plymouth aufgedeckt und berichten davon im Portal „The Conversation“.
So enthüllen Briefe aus den britischen Nationalarchiv, dass höchste politische Kreise in Großbritannien aktiv darauf hinwirkten, die Attentäterin als geistig verwirrte, unpolitische Einzeltäterin aussehen zu lassen. Der damalige britische Außenminister Sir Austen Chamberlain wies den britischen Botschafter in Italien, Sir Ronald Graham, in einem Brief an, den italienischen Behörden bei der Untersuchung des Falls zu helfen – und dabei darauf hinzuweisen, dass Gibson mental instabil sei und am besten in eine psychiatrische Anstalt in England überführt werden solle. Chamberlain schrieb weiter: „Dies würde negative Folgen für die bislang guten internationalen Beziehungen zwischen den beiden Ländern minimieren.“ Laut Chamberlain sei auch Winston Churchill von Mussolini angetan.
Bei der Auswertung von Zeugenaussagen im Vorfeld der Gerichtsverhandlung stießen Lombardo und Pisauro auf ein weiteres Indiz dafür, dass die Einstufung Gibsons als „unzurechnungsfähig“ eher politischen Zwecken diente und nicht dem tatsächlichen Geisteszustand der Täterin entsprach. „Unsere Recherchen in den Archiven zeigen, dass die Zofe von Violet Gibson, Mary McGrath, in ihren Aussagen darauf beharrte, dass ihre Herrin keineswegs geistig verwirrt gewesen sei“, berichten die Forscher. Gibson habe sich zudem nach ihrer Ankunft in Rom immer wieder mit verschiedenen Leuten dort getroffen.
Der Fall Matteotti
Interessant auch: Wie die Forscher ermittelten, war der Zeitpunkt von Gibsons Übersiedlung nach Italien kein Zufall: Nach Aussagen von Gibsons Familienangehörigen reagierte sie im August 1924 mit großer Wut auf Nachrichten, dass der sozialistische Anführer Giacomo Matteotti durch italienische Faschisten ermordet worden war. „Der Mord Matteottis ist einer der berüchtigtsten Cold Cases Italiens“, erklären Lombardo und Pisauro. Schon von Anfang an bestand der Verdacht, dass Benito Mussolini in den Fall verwickelt war und den Mord möglicherweise sogar beauftragte.
„Ein entscheidender Beleg, der von den Ermittlern damals ignoriert wurde, war die Tatsache, dass mehrere Zeugen aussagten, dass sie Gibson bei der Gerichtsverhandlung gegen die Mörder von Matteotti gesehen hatten“, berichten die Forscher. Die Verhandlung fand vom 16. bis 24. März 1926 in dem entlegenen Bergstädtchen Chieti statt, die italienische Regierung hatte sie absichtlich in einen schwer erreichbaren Ort verlegt. „Nur überzeugte Antifaschisten nahmen damals die Reise in dieses Städtchen auf sich“, schreiben Lombardo und Pisauro. „Selbst heute dauert die Fahrt mit dem Zug drei Stunden- und diese Zugverbindung gab es damals noch nicht.“ Bei der Verhandlung wurden drei der sechs mutmaßlichen Mörder zu nur fünf Jahren Haft verurteilt und schon zwei Monate später vom italienischen König Viktor Emmanuel III. begnadigt.
Enttäuscht vom Ausgang des Prozesses kehrte Gibson nach Rom zurück und äußerte zeitgenössischen Quellen zufolge mehrfach ihre Wut und ihre Absicht, Matteotti zu rächen. „Zeugen sagten aus, Gibson am 28. März 1926 in der Villa Glori gesehen zu haben – bei einer Jubiläumsfeier der Gründung der italienischen faschistischen Partei, an der auch Mussolini teilnahm“, berichten die Forscher. „Diese Zeugenaussagen lassen uns vermuten, dass Gibson schon damals den Plan hatte, ein Attentat auf Mussolini zu begehen. Das spricht für ihre antifaschistische Motivation und klare Tatabsicht.“ Die britische Adelige unterhielt zudem enge Kontakte mit bekannten italienischen Antifaschisten.
Klar politisch motiviert - aber vertuscht
Nach Ansicht von Lombardo und Pisauro bestätigen all diese historischen Zeugnisse, dass Violet Gibson nicht aus geistiger Verwirrung handelte, sondern ihr Attentat auf Mussolini sehr bewusst und mit klarer politischer Motivation durchführte. Das Mussolini-Regime – und auch britische Politiker – sorgten jedoch dafür, dass dies verschleiert wurde. „Das politische Motiv hinter dem Attentat wurde vertuscht, um der italienischen und der britischen Regierung Peinlichkeiten zu ersparen“, so die Forscher. Auf Druck vor allem der italienischen Faschisten wurden Zeugenaussagen vom Gericht nicht berücksichtigt und stattdessen ihr mentaler Zustand in den Vordergrund gerückt. Im Urteil des Militärgerichts wird sogar explizit die „Intervention seiner Exzellenz Benito Mussolini“ erwähnt.
„Gibson kam der Tötung Mussolinis näher als jede andere Person ihrer Zeit. Wäre ihr Attentat erfolgreich gewesen, wäre die Geschichte des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich ganz anders verlaufen“, erklären Lombardo und Pisauro.
Quelle: Lombardi/Pisauri, The Conversation





