Als der Vesuv im Jahr 79 ausbrach, begrub er die antiken Städte Pompeji und Herculaneum unter meterdicken Aschenschichten. In Herculaneum wurden damals auch rund tausend Schriftrollen in einer Bibliothek verschüttet und teilweise verkohlt. Lange galten diese antiken Texte als verloren, weil die verkohlten Schriftrollen zu fragil waren, um sie zu entrollen. Die einzelnen Schichten waren zudem zu stark komprimiert, um sie durch einfaches Röntgen zu entziffern.
Verkohlte Schriftrollen und die Vesuvius Challenge
„Fast zweitausend Jahre lang blieben diese Texte zwar physisch erhalten, waren aber inhaltlich nicht zugänglich“, erklärt Brent Seales von der University of Kentucky. Um diese einzigartigen Dokumente doch noch lesbar zu machen, hat Seales die „Vesuvius Challenge“ mitbegründet – einen globalen Wettbewerb, in dem Freiwillige mithilfe von modernen Durchleuchtungstechniken, künstlicher Intelligenz und weltweiter Kooperation daran arbeiten, die Schriftrollen von Herculaneum zu entziffern.
Im Jahr 2023 gelang es der Vesuvius Challenge bereits, erste Wörter auf einer der verkohlten Schriftrollen zu entziffern, 2024 folgten erste Absätze aus einem Text des antiken Philosophen Philodemus, aus dessen Villa in Herculaneum die Schriftrollen stammen. Wenig später entzifferte ein Forschungsteam Fragmente einer zweiten Schriftrolle, die unter anderem Hinweise zum Grab des berühmten Philosophen Platon lieferte.

Die Schriftrolle PHerc.1667 ist stark verkohlt und zusammengedrückt. Dennoch ist es jetzt gelungen, sie virtuell vollständig zu entrollen und zu entziffern. — © Paolo Verzone/ National Geographic via University of Kentucky
Erste Schriftrolle komplett lesbar gemacht
Jetzt ist der nächste Durchbruch gelungen: Zum ersten Mal haben Forschende eine der verkohlten Herculaneum-Schriftrollen virtuell vollständig entrollt und den gesamten Text freigelegt. Die stark verkohlte, stark zusammengedrückte Rolle PHerc. 1667 wurde schon 1782 erstmals beschrieben und seither in einer Sammlung in Neapel aufbewahrt. „Diese Schriftrolle galt als völlig unlesbar, als man in den 1980er Jahren versuchte, Teile davon zu öffnen“, erklärt Federica Nicolardi von der Federico-II-Universität in Neapel. „Es waren nur noch ein paar einzelne Buchstaben sichtbar, die restliche Schrift war durch die übereinanderliegenden Schichten verdeckt. Man stufte ihre Entzifferbarkeit als Null ein.“
Doch durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Vesuvius Challenge gelang es nun, PHerc. 1667 virtuell zu entrollen. Fast 1,50 Meter durchgehend beschriebenes Pergament mit rund 20 Textspalten sind damit nun erstmals zugänglich und konnten entziffert werden. „Wir können nun einer durchgehenden Argumentation über mehrere Spalten hinweg folgen, das ist ein transformativer Durchbruch“, so Nicolardi. Anhand der Merkmale der Handschrift und der Inhalte datieren die Forschenden den freigelegten Text von PHerc. 1667 auf das zweite vorchristliche Jahrhundert, vielleicht auch einige Jahrzehnte früher. Damit ist diese Schriftrolle eine der ältesten dieser Sammlung.





