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Erste Schriftrolle aus Herculaneum komplett entziffert
Geschichte & Archäologie

Erste Schriftrolle aus Herculaneum komplett entziffert

Verkohlte Schriftrollen aus dem antiken Herculaneum wie diese galten als unentzifferbar – bis jetzt. · Foto: © EduceLab

Die beim Ausbruch des Vesuvs verkohlten Schriftrollen aus dem antiken Herculaneum galten lange als nicht mehr entzifferbar. Jetzt ist es erstmals gelungen, eines dieser antiken Manuskripte virtuell ganz zu entrollen und den gesamten Text lesbar zu machen. Auf 1,50 Meter Länge enthüllt dies das zuvor unbekannte Werk eines den Stoikern angehörenden Philosophen – vielleicht stammt es sogar von einem der prägenden Vordenker dieser Philosophie.
Autor
Nadja Podbregar
02. Juli 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Als der Vesuv im Jahr 79 ausbrach, begrub er die antiken Städte Pompeji und Herculaneum unter meterdicken Aschenschichten. In Herculaneum wurden damals auch rund tausend Schriftrollen in einer Bibliothek verschüttet und teilweise verkohlt. Lange galten diese antiken Texte als verloren, weil die verkohlten Schriftrollen zu fragil waren, um sie zu entrollen. Die einzelnen Schichten waren zudem zu stark komprimiert, um sie durch einfaches Röntgen zu entziffern.

Verkohlte Schriftrollen und die Vesuvius Challenge

„Fast zweitausend Jahre lang blieben diese Texte zwar physisch erhalten, waren aber inhaltlich nicht zugänglich“, erklärt Brent Seales von der University of Kentucky. Um diese einzigartigen Dokumente doch noch lesbar zu machen, hat Seales die „Vesuvius Challenge“ mitbegründet – einen globalen Wettbewerb, in dem Freiwillige mithilfe von modernen Durchleuchtungstechniken, künstlicher Intelligenz und weltweiter Kooperation daran arbeiten, die Schriftrollen von Herculaneum zu entziffern.

Im Jahr 2023 gelang es der Vesuvius Challenge bereits, erste Wörter auf einer der verkohlten Schriftrollen zu entziffern, 2024 folgten erste Absätze aus einem Text des antiken Philosophen Philodemus, aus dessen Villa in Herculaneum die Schriftrollen stammen. Wenig später entzifferte ein Forschungsteam Fragmente einer zweiten Schriftrolle, die unter anderem Hinweise zum Grab des berühmten Philosophen Platon lieferte.

PHerc. 1667

Die Schriftrolle PHerc.1667 ist stark verkohlt und zusammengedrückt. Dennoch ist es jetzt gelungen, sie virtuell vollständig zu entrollen und zu entziffern. — © Paolo Verzone/ National Geographic via University of Kentucky

Erste Schriftrolle komplett lesbar gemacht

Jetzt ist der nächste Durchbruch gelungen: Zum ersten Mal haben Forschende eine der verkohlten Herculaneum-Schriftrollen virtuell vollständig entrollt und den gesamten Text freigelegt. Die stark verkohlte, stark zusammengedrückte Rolle PHerc. 1667 wurde schon 1782 erstmals beschrieben und seither in einer Sammlung in Neapel aufbewahrt. „Diese Schriftrolle galt als völlig unlesbar, als man in den 1980er Jahren versuchte, Teile davon zu öffnen“, erklärt Federica Nicolardi von der Federico-II-Universität in Neapel. „Es waren nur noch ein paar einzelne Buchstaben sichtbar, die restliche Schrift war durch die übereinanderliegenden Schichten verdeckt. Man stufte ihre Entzifferbarkeit als Null ein.“

Doch durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Vesuvius Challenge gelang es nun, PHerc. 1667 virtuell zu entrollen. Fast 1,50 Meter durchgehend beschriebenes Pergament mit rund 20 Textspalten sind damit nun erstmals zugänglich und konnten entziffert werden. „Wir können nun einer durchgehenden Argumentation über mehrere Spalten hinweg folgen, das ist ein transformativer Durchbruch“, so Nicolardi. Anhand der Merkmale der Handschrift und der Inhalte datieren die Forschenden den freigelegten Text von PHerc. 1667 auf das zweite vorchristliche Jahrhundert, vielleicht auch einige Jahrzehnte früher. Damit ist diese Schriftrolle eine der ältesten dieser Sammlung.

Wer war der Autor?

Von wem der Text der Schriftrolle stammt, ist bisher ungeklärt. Datierung und Inhalte legen aber nahe, dass der Philosoph Philodemus von Gadara nicht der Autor war – anders als bei den meisten bisher entzifferten Schriftrollen aus Herculaneum. Nicolardi und ihrem Team zufolge ist der Text von PHerc. 1667 zwar auch eine philosophische Abhandlung, es geht um Ethik, Kunst und menschliches Verhalten. Die Inhalte spiegeln aber eher stoisches als das für Philodemus typische epikureische Gedankengut wider. „Wenn dieser Text in Ägypten oder irgendwo anders gefunden worden wäre, hätte man ihn direkt als Stoiker-Werk klassifiziert“, erklärt Nicolardi. „Die Tatsache, dass er aus einer fast vollständig epikureischen Sammlung stammt, macht uns aber vorsichtiger.“

Sollte sich der Inhalt dieser Schriftrolle aber tatsächlich als das Werk eines Stoikers erweisen, dann könnte der griechische Philosoph Chrysippos von Soloi der Autor gewesen sein. Dieser um 280 vor Christus geborene Gelehrte gilt als einer der prägenden Vertreter der stoischen Denkrichtung, von seinem Werk ist jedoch kaum etwas erhalten gebelieben. „Wenn der Test wirklich stoisch ist, dann wäre Chrysippos ein guter Autorenkandidat“, sagt Nicolardi. In diese Richtung deute auch eine Erwähnung von Aristocreon im Text hin, dem Neffen und Schüler des Chrysippos. “Sollte sich dies bestätigen, wäre dies nicht nur ein technischer Durchbruch, es wäre die Wiederkehr einer wichtigen philosophischen Stimme“, so die Forscherin.

Erst der Anfang

Die erste Freilegung und Entzifferung einer ganzen verkohlten Herculaneum-Schriftrolle ist aber nur einer der aktuellen Durchbrüche in der Vesuvius Challenge. Dem Team gelang es auch, mehr als 70 Textabschnitte einer weiteren Schriftrolle zu entziffern, der in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrten PHerc. 172. Außerdem haben die Papyrologen um Nicolardi in einer weiteren Schriftrolle, PHerc. 139, einen Beleg für ein bisher unbekanntes Werk des Philosophen Philodemus entdeckt. An einer Stelle des Textes wird ein achter Band von Philodemus‘ Werk „Über Götter“ erwähnt.

„Dies ist ein entscheidendes Puzzlestück, um Philodemus‘ Werk zu verstehen“, erklärt Nicolardis Kollegin Marzia D’Angelo. Denn erstmals verrate dies, dass es sich bei „Über Götter“ um ein mehrbändiges Werk handele. Bisher war nur der erste Band bekannt. „Zum ersten Mal können wir diesen nun in eine größere Struktur einordnen und sehen, wie sich diese Texte als Teil einer anhaltenden philosophischen Erörterung aufeinander beziehen“, so D’Angelo weiter.

Noch ist die Arbeit an den Herculaneum-Schriftrollen aber lange nicht abgeschlossen. Mehr als 600 verkohlte Rollen warten noch darauf, virtuell entrollt und lesbar gemacht zu werden. Und auch die bereits entzifferten Texte müssen nun inhaltlich ausgewertet und eingeordnet werden. „Es geht längst nicht mehr nur um Bildgebung oder maschinelles Lernen“, sagt Seales. „Jetzt benötigen wir auch Experten, die das lesen, verstehen und bewerten können, was uns diese Texte sagen.“

Quelle: Vesuvius Challenge, University of Kentucky

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