Die Alpenüberquerung Hannibals gilt als Meisterleistung antiker Kriegsführung. Im Herbst 218 vor Christus führte der karthagische Feldherr binnen 15 Tagen eine Streitmacht von 46.000 Soldaten, 7000 Pferden und 37 Kriegselefanten über das Hochgebirge. Nach einem etwa 1000 Kilometer langen Marsch von Spanien durch Frankreich waren die Alpen die letzte große Barriere vor dem Einmarsch nach Italien.
Energieaufwand im Fokus
Welche Route der karthagische Feldherr dabei genommen hat, ist bis heute umstritten. „Unter den möglichen Alpenpässen galt die Nordroute über den Col du Clapier lange als der wahrscheinlichste Kandidat. Jüngste philologische und geomorphologische Analysen deuten hingegen auf eine südliche Route über den Col de la Traversette hin“, erläutern Emilio Berti von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Fritz Vollrath von der University of Oxford.

Mögliche Routen von Hannibals Armee über die Alpen. — © Emilio Berti, Fritz Vollrath / PNAS, CC-by 4.0
Den Forschern zufolge haben die meisten bisherigen Untersuchungen und Diskussionen zwar Landschaft, Gesteine und mögliche Wetterbedingungen betrachtet, aber die biologischen Bedürfnisse der Menschen und Tiere außer Acht gelassen. Doch gerade angesichts des enormen Nahrungsbedarfs der riesigen Armee könnte es für Hannibal von entscheidender Bedeutung gewesen sein, die Route zu wählen, die am wenigsten Energie verbraucht. „Wir haben die verschiedenen möglichen Routen deshalb unter Berücksichtigung des Energieaufwands für die Überquerung untersucht, wobei wir den Schwerpunkt auf die Kriegselefanten gelegt haben“, schreiben Berti und Vollrath.
Welchen Pass nutzte die Arme?
Das Ergebnis: „Unsere Analyse legt nahe, dass der Col de la Traversette die kürzeste und energetisch effizienteste Route gewesen wäre, mit Gesamtenergiekosten für die gesamte Armee von 5,42 Terajoule“, berichten die Forscher. Das entspräche fast 233 Tonnen Proviant. Bei der etwas längeren Nordroute über den Col du Clapier wären es 6,28 Terajoule und damit fast 270 Tonnen Proviant gewesen. Aus Sicht der Forscher ist es unwahrscheinlich, dass die Armee so große Nahrungsvorräte zur Verfügung hatte. Insbesondere die Elefanten hätten zudem bei der enormen Belastung des Bergsteigens fast ununterbrochen fressen müssen, um ihr Körpergewicht zu halten.
Laut Berti und Vollrath ist deshalb davon auszugehen, dass Menschen und Tiere auf ihre Körperfettreserven zurückgreifen mussten. „Unseren Berechnungen zufolge hätten Elefanten bei der Überquerung des Col de la Traversette vier Prozent ihrer Körperfettreserven verloren, Pferde elf Prozent und Menschen 19 Prozent“, berichten sie. Das passt zu historischen Berichten, denen zufolge nur rund die Hälfte der Soldaten die Überquerung der Alpen überlebt hat, während wahrscheinlich etwa 30 Elefanten Italien erreichten und dort an den ersten Schlachten gegen die Römer teilnahmen. Auf anderen Routen hätte Hannibal mit noch höheren Verlusten rechnen müssen.
„Obwohl Hannibal nicht über derart genaue Schätzungen verfügte, könnte er ein qualitatives Verständnis für die Rangfolge der möglichen Routen gehabt haben“, vermuten die Forscher. „In diesem Fall hätte er die Traversette-Route gewählt, um den Energieaufwand für die Überquerung der Alpen zu minimieren“
Wozu dienten die Elefanten?
Wahrscheinlich musste der Feldherr auch in Italien Entscheidungen mit Blick auf die Energiebilanz seiner Armee fällen. „Um die Energiereserven der Elefanten wieder aufzufüllen und sie während des folgenden Winters am Leben zu erhalten, hätte es nach der Ankunft in Italien viel Zeit und Futter erfordert“, erklären die Autoren. „Doch abgesehen von Hannibals persönlichem Elefanten starben alle im folgenden Winter. Das könnte darauf hindeuten, dass Hannibal beschlossen hatte, den Energiebedarf solch kostspieliger militärischer Ausrüstungsgegenstände nicht mehr zu decken, da er bereits unter erheblichen energetischen Einschränkungen stand.“
Diese Überlegung eröffnet auch einen neuen Blick auf den möglichen militärischen Einsatzzweck der Elefanten. Aus Sicht von Berti und Vollrath könnte Hannibal sie vor allem anfangs benötigt haben, um in den ersten Schlachten gegen die Römer für einen taktisch wichtigen Überraschungseffekt zu sorgen. Möglicherweise könnte er sich auch erhofft haben, mit ihnen die Kelten Norditaliens in Ehrfurcht zu versetzen und auf seine Seite zu ziehen. „Nach diesen ersten Zusammenstößen könnten die Elefanten ihren militärischen Wert verloren haben“, vermuten die Forscher.
Quelle: University of Oxford; Fachartikel: Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2612764123





