Die Studie zeigt, dass die geistlichen Akteure den Kult um die vermeintliche Wundermilch der Gottesmutter nicht allein aus Frömmigkeit verbreiteten. Häufig ging es auch darum, den eigenen Reichtum zu mehren. Durch Wallfahrten, Predigten, beglaubigende Erzählungen und „Heilsdienstleistungen“, die angeboten wurden – etwa Ablässe, Stiftungen, Messen oder geweihte Andenken – wurde der Glaube an die Wirkkraft der Marienmilch kommerzialisiert.
Vertreter der Kirche erschufen findige Geschäftsmodelle: Indem sie die Qualen des Fegefeuers etwa mittels drastischer Bilder anschaulich machten und so die Folgen eines sündigen Lebens vor Augen führten, stieg die Bereitschaft der Gläubigen, kostenpflichtige Heilsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen.
Dass der Kult um die Marienmilch nicht zufällig wuchs, sondern gezielt befördert wurde, belegt Bonetti anhand mehrerer Beispiele. Im italienischen Montevarchi etwa investierten die Brüder der Fraternita del Latte, einer religiösen Bruderschaft, beträchtliche Summen in Kunst und Architektur, um die Reliquie zu bewerben und Pilger anzuziehen. Im späten 15. Jahrhundert beauftragten sie den berühmten Künstler Andrea della Robbia, der Reliquie zu Ehren eine prunkvolle Kapelle im Innern der Kirche San Lorenzo zu errichten.
Wie demonstrativ die Reliquie ins Zentrum der Verehrung gerückt wurde, zeigt auch der englische Marienwallfahrtsort Walsingham. Dort, so berichtete Erasmus von Rotterdam, befand sich die Marienmilchreliquie an prominenter Stelle auf dem Hochaltar; wer ein Opfer brachte, dem wurde Ablass in Aussicht gestellt. Der humanistische Gelehrte stand dieser Praxis im Übrigen skeptisch gegenüber. Wo Heil verheißen wurde, war das Geschäft oft nicht weit. aj
Literatur
Tiziana Bonetti, Heilige Milch und irdische Geschäfte. Die Reinheit der Marienmilch und ihre Erfolgsgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Basel 2026.





