Ein zentrales Ziel der ersten Weltreise von James Cook war die Beobachtung des Venustransits auf Tahiti. Dazu wurde an der Nordküste ein Observatorium (weißes Zelt) eingerichtet.George Tobin malte die Anlage 1792 bei einer späteren Expedition. · Foto: Bridgeman Images / Mitchell Library, State Library of New South Wales
Als der 40-jährige Leutnant James Cook am 26. August 1768 mit der „HMS Endeavour“ Plymouth verließ und seine erste Expedition in den Pazifischen Ozean antrat, war ein Drittel des Globus noch weitgehend unbekannt. Keine zwölf Jahre später befand sich Cook auf seiner dritten Reise, und der Pazifische Ozean war von der Beringstraße bis zum Südpol, von Alaska bis Tasmanien in seinen wesentlichen Konturen erfasst.
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Fast wichtiger noch: Durch die ausgedehnten Fahrten in antarktische Gewässer – oft am Limit der physischen Belastbarkeit von Mensch und Material – beerdigte James Cook endgültig eine geographische Schimäre: Eine Terra Australis Incognita, ein zusammenhängender, bewohnbarer Kontinent am Südpol, war nichts als bloßer Aberglaube.
Der Beginn von Cooks Aufstieg aber lag in den Sternen, genauer: Astronomen hatten berechnet, dass im Juni 1769 ein Venustransit – ein sichtbares Vorüberziehen der Venus vor der Sonnenscheibe – stattfinden würde. Daher empfahl die Royal Society, dieses seltene Himmelsereignis vom Pazifik aus zu beobachten, um durch den Abgleich mit den Messergebnissen anderer Standorte die Entfernung zwischen Erde und Sonne genauer berechnen zu können. Die britische Admiralität stimmte zu, eine Expedition unter dem Kommando von James Cook nach Tahiti zu schicken, das die Briten ein Jahr zuvor gerade erst „entdeckt“ hatten.
Zudem fand sich ein privater Co-Finanzier der Reise: Der Universalerbe einer begüterten englischen Handelsdynastie, der 25-jährige Joseph Banks, übernahm die Hälfte der Kosten. Banks galt als höchst ambitionierter, in Eton und Oxford geschulter Naturgelehrter, der zudem ein kleines Team aus Botanikern und Zeichnern für die Reise zusammenstellte.
Der Naturforscher und wohlhabende Erbe Joseph Banks finanzierte Cooks erste Reise mit. Das Gemälde von Benjamin West zeigt ihn 1773 nach der Rückkehr mit Artefakten aus der Südsee. · Foto: Bridgeman Images / Usher Gallery
Dass die Royal Navy James Cook für das Schiffskommando auswählte, hatte auch damit zu tun, dass er 1766 bereits eine Sonnenfinsternis beobachtet und diese für die Royal Society dokumentiert hatte. Er hätte also im Notfall auf Tahiti auch die Funktion des Astronomen übernehmen können.
James Cooks beruflicher Erfolg bedeutet auch einen erstaunlichen sozialen Aufstieg
Für Cook kam das Kommando auf der „Endeavour“ einem kaum fassbaren sozialen Aufstieg gleich. Schließlich war er 1728 in Marton in der Grafschaft Yorkshire als Sohn eines Tagelöhners und einer Magd zur Welt gekommen. Nach dem Besuch einer Dorfschule begann er eine Kaufmannslehre. Mit 18 Jahren heuerte er auf einem Kohlenschiff in Newcastle an, 1754 folgte der Wechsel zur Marine. Aufgrund eines akuten Personalmangels erhielt er bereits 1756 – noch vor seiner Prüfung zum Master – sein erstes eigenes Schiffskommando.
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Danach sorgten vor allem seine ausgezeichneten kartographischen Fähigkeiten – die er von 1758 an bei der Vermessung der kanadischen Ostküste, des Sankt-Lorenz-Stroms und Neufundlands unter Beweis gestellt hatte – für weitere Beförderungen. Die Admiralität der Royal Navy setzte aber auch auf Cooks Loyalität und verfasste geheime Anweisungen für die Tahitiexpedition, im Pazifik nach Land, nicht zuletzt dem „großen südlichen Kontinent“, zu suchen.
Cook war seit Beginn der Reise, die zunächst ums Kap Hoorn führte, streng darauf bedacht, ein gesundes Schiff zu führen. So verpflichtete er die gesamte Mannschaft, regelmäßig die Kleidung zu waschen, er ließ das Schiff häufig säubern und lüften, vor allem aber bestand er auf einer möglichst ausgewogenen Ernährung, um dem Skorbut – der Geißel langer Seereisen – vorzubeugen. Daher nahm er große Mengen Sauerkraut und Zitrusgelee mit auf die Reise, versuchte, in den angelaufenen Häfen frisches Fleisch, Obst und Gemüse auf den Speiseplan zu setzen.
Zu den höchsten Ehren, die James Cook und seiner Mannschaft in Polynesien erwiesen wurden, gehörte die Teilnahme an spirituellen Tanzzeremonien (kolorierter Stich nach einer Vorlage von John Webber, 1784). · Foto: Bridgeman Images / Frank Buffetrille. All rights reserved 2026
Im April 1769 legte die „Endeavour“, deren Namen mit „Bestreben“ übersetzt werden kann, auf Tahiti an. In der Nähe ihres Ankerplatzes in der Bucht von Matavai an der Nordküste – Cook taufte den Ort Point Venus – richtete man ein kleines Observatorium ein, wo der Durchgang der Venus am 3. Juni 1769 erfolgreich vermessen wurde.
Ein Thema stand seit dem ersten Anlanden des britischen Kapitäns Samuel Wallis im Jahr 1767 immer mit Tahiti in Verbindung: die Erotik. In „Lloyd’s Evening Post“ war zu lesen, es gäbe auf Tahiti bemerkenswerte Insulanerinnen, „die bestrebt waren, die Aufmerksamkeit unserer Matrosen zu erregen, indem sie ihr Schönstes in deren Blicke rückten“.
Auch Cook musste feststellen, dass die Tahitianerinnen mitunter den Männern an Bord zielstrebig Hemden und Hosen aufknöpften. Sie taten das nicht nur aus Neugierde oder um exotische „Geschenke“ wie Stoffe und Kleider zu bekommen – mancher Ehemann schickte seine Frau sogar los, um auf diese Weise eiserne Nägel oder Äxte anzuschaffen.
Hinter den sexuellen Avancen steckten auch größere Ambitionen: Mit den bleichen Briten ließen sich hellhäutige Kinder zeugen – eine gute Voraussetzung für Frauen aus der mittleren Kaste der Freien, der raatira, um den Aufstieg in den tahitischen Adel anzubahnen. Joseph Banks jedenfalls rühmte sich, kein nächtliches Angebot ausgeschlagen zu haben. Dementsprechend breiteten sich die Geschlechtskrankheiten, die die Europäer mitbrachten, rasch aus.
Die große Pyramide des marae Mahaiatea an der Südküste von Tahiti hatte Tupaia als Priester dieses Tempelbezirks errichten lassen. · Foto: mauritius images / Eagen Archive / Alamy / Alamy Stock Photos
Tahiti ist von einem Krieg gezeichnet
Und doch schien bei Cooks Ankunft auf Tahiti vieles anders zu sein, als es Samuel Wallis und die Crew seiner „Dolphin“ noch zwei Jahre zuvor erlebt hatten. Tatsächlich war auf der Insel gerade ein verheerender Krieg zwischen zwei mächtigen Adelsfraktionen zu Ende gegangen, der wichtige Lebensmittel wie Brotfrüchte, Taro und Bananen, Hühner und Schweine derart verknappt hatte, dass sich Cook um Proviant für seine Expedition sorgen musste und es zu Konflikten mit den Einheimischen kam.
In dieser schwierigen Situation erwies sich der von der Insel Raiatea stammende Tupaia – ein Hohepriester, Navigator und Berater der Herrscher Tahitis – als entscheidender Vermittler. Cook fiel der groß gewachsene, gleichaltrige Mann zunächst als Dolmetscher bei Verhandlungen mit Tahitis mächtigen Befehlshabern Tutaha und Tu auf. Denn Tupaia sprach Englisch, er hatte sich in den nur fünf Wochen, die Captain Wallis und seine Crew 1767 auf Tahiti verbracht hatten, einen ganz erstaunlichen Wortschatz angeeignet. Diese Lernfähigkeit war ein Vorgeschmack auf die enormen Gedächtnisfähigkeiten, die Cook und Banks später an Tupaia bewundern sollten.
Zum heiligen Wissen der Priester zählt auch die Navigation
Schon als Heranwachsender war Tupaia auf seiner Heimatinsel Raiatea, gut 200 Kilometer nordwestlich von Tahiti, als Priesterschüler im marae Taputapuatea – dem heiligsten Tempel Polynesiens – in die durch Tabu geschützten Visionen der großen Priester und ihr seemännisches Wissen eingeweiht worden. So hatte er sich in Kindheit und Jugend nicht nur die in Göttermythen verwobenen nautischen Kenntnisse aus über 800 Jahren polynesischer Besiedlung des Pazifik eingeprägt, sondern als Mitglied des Kultbundes der Arioi selbst umfangreiche Hochseereisen über Tausende Kilometer mit dem pahi – dem schnellen Doppelrumpfkanu der Polynesier – unternommen.
Tupaia bekleidete zur Zeit der Ankunft der Briten das prestigeträchtige Amt des Hohepriesters des Kriegsgottes Oro im religiösen Zentrum Papara. Dort ragte die von ihm selbst entworfene elfstufige Tempelpyramide des marae Mahaiatea an der Südküste Tahitis auf – das höchste Bauwerk Polynesiens. Ende Juni 1769 erlaubte Tupaia Cook und Banks einen exklusiven Blick auf diese durch Tabu geschützte, aber vom jüngsten Krieg gezeichnete Kultstätte.
Die Maori in Neuseeland waren gefürchtete Kämpfer. Das Herausstrecken der Zunge zählte zu den Drohgebärden gegenüber Feinden (kolorierter Stich nach einer Vorlage von Sydney Parkinson, 1794). · Foto: Bridgeman Images / Mitchell Library, State Library of New South Wales
Mehr noch dürfte Cook aber vom diplomatischen Geschick Tupaias beeindruckt gewesen sein, denn der Priester-Navigator griff auf Tahiti immer wieder als Mediator in Konflikte zwischen den britischen Ankömmlingen und tahitischen Befehlshabern ein.
Die Streitfälle liefen immer nach dem gleichen Muster ab: Die Diebstähle der Einheimischen in der Matavai-Bucht – vor allem von Nägeln und Eisenwaren, Textilien und astronomischen Instrumenten – konterte Cook, indem er die Auslegerkanus der Tahitianer beschlagnahmen und ranghohe Persönlichkeiten als Geiseln festsetzen ließ, worauf die Einheimischen wiederum mit Lebensmittelboykotts reagierten. Dadurch wurde Anfang Mai 1769 die Versorgungslage der „Endeavour“ so kritisch, dass die Seeleute sich über ihren Lagerfeuern fast nur noch selbst erlegte Ratten brieten.
In solchen Situationen konnte Tupaia an Bord der „Endeavour“ als umsichtiger Diplomat eingreifen und „blieb Tag und Nacht bei uns“, wie Banks in seinen Notizen festhielt – bis er die Konflikte beilegen konnte.
James Cook, dem schon die Landung auf Tahiti das enorme Risiko versteckter Korallenriffe ringsum vor Augen geführt hatte, entnahm den Gesprächen mit Tupaia, dass er es hier mit dem Navigator eines Überseekanus zu tun hatte, der die „Endeavour“ auf ihrer weiteren Fahrt in den Südpazifik sehr viel sicherer steuern konnte als jeder andere an Bord.
Tupaia fertigte auch selbst Skizzen an. Im Oktober 1769 hielt er einen Tauschhandel zwischen Joseph Banks und einem Maori fest. Banks bot dem Indigenen eine Stoffserviette an, um dafür eine Languste zu erhalten. · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
Im Juli ging der Polynesier mit an Bord, und Cook trug ihn als Teil der Besatzung in sein Logbuch ein. Doch nicht etwa als Lotsen, sondern als supernummery for victuals – als Hilfskraft für Proviant. Dabei half Tupaia der Besatzung dabei, wochenlang durch die Gesellschaftsinseln, den Austral-Archipel und in Richtung Neuseeland zu navigieren.
Begegnung mit Maori bleibt dank Vermittler friedlich
Beim Erreichen der Küste Neuseelands im Oktober 1769 stellte Tupaia unter Beweis, dass er auch als Vermittler zwischen den Briten und den indigenen Maori eine lebenswichtige Aufgabe erfüllte. Denn seit den blutigen Ereignissen beim Landungsversuch Abel Tasmans 1642 hatte es kein Europäer mehr gewagt, in Neuseeland an Land zu gehen. Dank Tupaia verlief die Begegnung mit den Maori nun friedlich. „Tupaia sprach in seiner eigenen Sprache zu ihnen und zu unserer freudigen Überraschung verstanden sie ihn perfekt“, notierte Cook beim ersten Zusammentreffen mit einer großen Gruppe von Kriegern der Rongowhakaata in der Poverty Bay an der Küste der neuseeländischen Nordinsel.
Dabei war es nicht nur der gemeinsame polynesische Grundwortschatz, der eine Verständigung zwischen Tupaia und den Maori Neuseelands möglich machte. Vielmehr wurde Tupaia von den Einheimischen voller Respekt als Priester aus der ursprünglichen Heimat Raiatea, als Botschafter der alten Götter wahrgenommen. Tupaia hielt in der Folge in der Tolaga-Bucht im Westen der Nordinsel vor großen Menschenmassen regelrechte Vorträge und erinnerte an die gemeinsamen Wurzeln der Tahitianer und der Maori.
Aus polynesischer Sicht befähigte ihn sein immenses mana, Frieden zu stiften, den Handel mit tahitischen Tapa-Stoffen zu organisieren und vertrauenswürdige Vereinbarungen in die Wege zu leiten. Im Gespräch mit Whakatatara-o-te-Rangi, einem der hohen Befehlshaber der Tolaga-Bucht, erreichte Tupaia schließlich, dass Cook die „Endeavour“ mit seiner inzwischen ausgehungerten und durstenden Crew am 23. Oktober 1769 zu einem ruhigen Landeplatz steuern und nach acht Tagen mit zwölf Tonnen Wasser sowie einer Fülle von Fisch und Süßkartoffeln wieder verlassen konnte.
Tupaia zeichnete an Bord der „Endeavour“ diese Karte der polynesischen Inseln, deren Position sich als korrekt herausstellte. Tupaias Heimat „Otahiti“ bildet dabei den Mittelpunkt. · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
Für Cook ergab sich so in den folgenden Monaten die Chance, die Küste Neuseelands vollständig zu kartographieren – ein Meilenstein auf seinem Weg zum Ruhm. Tatsächlich findet sich unter den spärlichen Eintragungen Cooks über Tupaia in dieser Zeit auch ein Wort der Anerkennung: „Tupaia begleitet uns bei all unseren Exkursionen und beweist eine grenzenlose Einsatzbereitschaft“, notierte der Kapitän am 26. Januar 1770.
Tupaias größtes Vermächtnis aber war die erste Karte des Pazifik aus der Hand eines Polynesiers – das erste schriftliche Dokument, das das schier unerschöpfliche seemännische Wissen polynesischer Seefahrer belegt, die auf ihren Überseekanus den Pazifik schon Jahrtausende vor den Europäern befahren hatten. James Cook war davon überzeugt, dass Tupaia von rund 130 Inseln im Pazifik Kenntnis hatte, von denen er 74 am Kartentisch der „Endeavour“ in seine Karte einzeichnete.
Auch wenn Cook das komplexe seemännische Orientierungsnetz der Polynesier weder ganz nachvollziehen konnte noch restlos zu ergründen suchte, vertraute er Tupaia. In seinem Journal hielt er fest: „Als Kompass dient ihnen am Tage die Sonne, des Nachts der Mond und die Sterne, und daher muss man sich wohl nicht länger fragen, wie sie es geschafft haben, den Pazifik zu bevölkern. Denn wenn die Männer aus Raiatea Tausende Meilen nach Osten segeln konnten, so konnten sie dies auch Richtung Westen und man kann ihren Spuren vermutlich bis in die East Indies, bis in den malaiischen Archipel, folgen.“
Tupaia kennt sichere Wege durch die Korallenriffe
Tupaia kannte aus eigener Erfahrung viele der schiffbaren Passagen in den gefährlichen Korallenriffen, die die Inseln Ozeaniens wie Barrieren umgeben, und er sorgte dafür, dass die Briten sicher an Land gehen sowie Wasser und Proviant aufnehmen konnten.
Im Sommer 1770 musste die durch ein Riff beschädigte „Endeavour“ zwei Monate lang an der Mündung des Waalumbaal Birri an der Nordküste Australiens repariert werden (Lithographie nach einer Vorlage von Sydney Parkinson, 1770). · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
Und doch schlug James Cook die dringlichste Empfehlung Tupaias in den Wind: Der polynesische Seefahrer riet den Briten immer wieder, statt Richtung Südpazifik besser nach Westen zu navigieren. Auf dieser Route, so Tupaias Rat, könne man das „große Inselmeer“ erkunden, wie die Polynesier den Pazifik nannten, dort könne Cook – anders als in kalten Gefilden weiter südlich – fruchtbare Küsten finden.
Noch hatte niemand an Bord der „Endeavour“ jemals von Niue, Vavau oder einer Inselgruppe namens Samoa gehört, die gut 2500 Kilometer von Neuseeland entfernt lag. Und keiner ahnte in Cooks Großer Kajüte, dass Tupaia die Inseln des Samoa-Archipels – Savaii, Upolu, Tutuila und Manua – nicht nur mit ihren richtigen Namen, sondern auch in richtiger Orientierung auf seiner Karte versammelt hatte.
James Cook hatte wohl keinen Zweifel, dass Tupaias Angaben zutrafen. Nur war er als gehorsamer Leutnant, der sich weiteren Ruhm verdienen wollte, verpflichtet, den Befehlen der Londoner Admiralität zu folgen, die ihn nach Neuseeland und Australien beorderten. Die Karte Tupaias wurde immerhin zur Routenempfehlung für die beiden weiteren Erkundungsfahrten Cooks zwischen 1772 und 1779, die den Ruhm des „Entdeckers des Pazifik“ festigen sollten.
Am 19. April 1770 erreichte die Expedition Botany Bay in Neuholland, wie Australien von Abel Tasman genannt worden war. Als Cook von dieser Bucht – heute Teil des Stadtgebiets von Sydney – ausgehend langsam nordwärts der Küste folgte, um diese penibel zu kartieren, stieß er schließlich auf das Great Barrier Reef. Dort kam es am 11. Juni 1770 zu einer Katastrophe, als die „Endeavour“ auf ein Korallenriff auflief. Nur durch großes Glück gelang es der Crew, das am Rumpf weit aufgerissene Schiff zu retten und zur Reparatur in die Mündung eines nahe gelegenen Flusses zu manövrieren.
Während seines Aufenthalts in England von 1774 bis 1776 wurde der Polynesier Mai vom Porträtmaler Joshua Reynolds in einer Toga aus Tapa-Stoffen und mit den Requisiten eines tahitischen Adligen verewigt. · Foto: mauritius images / ICP, incamerastock / Alamy / Alamy Stock Photos
Die Spannungen mit den Indigenen drohen zu eskalieren
In den folgenden zwei Monaten gerieten die Briten hier immer wieder wegen ihrer Jagd auf Schildkröten mit den Bewohnern, einer Gruppe der Guugu-Yimithirr, in Konflikte. Als Cook am 19. Juli 1770 mit Musketen feuern ließ und es Verletzte gab, setzten die Einheimischen das Lager der Briten in Brand, und es drohte eine Eskalation.
Trotz seines zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlagenen Gesundheitszustands konnte Tupaia erneut sein diplomatisches Geschick unter Beweis stellen und eine Aussöhnung mit den Guugu-Yimithirr erreichen: Er ließ die zurückgelassenen Speere der Angreifer einsammeln und machte sich gemeinsam mit Cook auf den Weg ins offene Grasland. Als das Lager der Einheimischen sichtbar wurde, folgten die Männer der „Endeavour“ Tupaias Beispiel: Sie legten die Speere zur Seite und nahmen ruhig Platz. Nach einer geraumen Weile schickten die Guugu-Yimithirr einen ihrer Ältesten zu Tupaia, und es entspann sich ein langes Tête-à-tête, das James Cook als „unverständliches Gespräch“ einordnete. Doch führte es dazu, dass Einvernehmen zwischen beiden Parteien hergestellt wurde.
Mitte August 1770 konnte sich Captain Cook endlich mit seinem notdürftig reparierten Schiff auf die Rückfahrt nach England machen. Zunächst ging es über die von den Spaniern bis dahin geheim gehaltene Torresstraße, die Meerenge zwischen Australien und Neuguinea, in das rund 4000 Kilometer entfernte Batavia, die heutige indonesische Hauptstadt Jakarta, wo die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) über gute Werften verfügte, um die „Endeavour“ für die Heimreise über Kapstadt fit zu machen.
Doch Tupaias Reise war zu Ende: Er starb im November 1770 in Batavia, die genaue Ursache seiner tödlichen Erkrankung ist unklar. Captain Cook vermerkte anlässlich dieses tragischen Todes, er sei „ein scharfsinniger, sensibler, geistreicher Mann“ gewesen. Seine Präsenz habe den Briten „einen ungeheuren Vorteil“ gebracht. Doch in seinen späteren Reiseberichten ließ er den Priester-Navigator aus Raiatea nahezu unerwähnt.
Auch von Maheine gibt es ein Porträt. Der Stich entstand nach einer Vorlage von William Hodges, dem Maler auf der zweiten Reise von Cook. · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
Polynesische Helfer bewähren sich auch auf den weiteren Reisen
Ähnlich unbeachtet blieben auch die Polynesier Maheine und Mai (auch Omai), die als Cooks indigene Begleiter maßgeblich zum Gelingen seiner zweiten Weltumsegelung beitrugen. Der aus Bora-Bora stammende, etwa 18-jährige Maheine fuhr zwischen August 1773 und April 1774 sieben Monate lang auf Cooks Kommandoschiff „Resolution“ von Raiatea in Richtung Südpol. Der gleichaltrige Mai aus Raiatea fuhr seit August 1773 an Bord von Cooks Begleitschiff „Adventure“ unter dem Kommando von Tobias Furneaux mit und gelangte schließlich im Oktober 1774 als erster Polynesier nach London. Er trat mit der dritten Weltumsegelung von Cook die Rückreise nach Polynesien an.
Maheine und Mai waren von den Briten vor allem als Dolmetscher mit an Bord genommen worden. Tatsächlich aber erwies sich im Verlauf der Reise ihre genaue Kenntnis unterschiedlicher Wertvorstellungen zwischen den polynesischen Inseln für Cooks Forschungsreise als sehr wertvoll. Denn kein Europäer an Bord der „Resolution“ oder der „Adventure“ hatte zum Zeitpunkt von Cooks erster Landung auf Tonga im September 1773 eine Vorstellung davon, welche enorme Wertsteigerung die dort vorkommenden roten Vogelfedern fast 3000 Kilometer weiter auf Tahiti erfahren konnten, wo sie als heilige Statussymbole der Adels- und Priesterkaste galten.
Allein Maheine und Mai wussten, dass von Tahiti eigens Hochseekanus in das fast 1200 Kilometer weiter westlich gelegene Rarotonga gesandt wurden, um dort heiß begehrte rote Sittiche und Loris wegen ihrer Federn einzuhandeln.
Daher waren die beiden Polynesier wie elektrisiert, als sie im fernen Tonga zahlreiche Objekte voller roter Federn erblickten. Und sie verheimlichten ihr exklusives Wissen nicht, sondern versetzten auch Cook und seine Crew in Alarmzustand: Was man jetzt auf Tonga an roten Federn ergattern konnte, würde seinen Wert auf Tahiti und den umliegenden Gesellschaftsinseln vervielfachen.
Rote Federn waren als Schmuck für rituelle Gegenstände wie diesen Helm aus Hawaii (18. Jahrhundert) sehr gefragt. · Foto: akg-images
Und so wurde die Rückkehr der Briten nach Tahiti im April 1774 dank der roten Federn zu einer Art Goldrausch, oder, wie Cook in seinem Journal vermerkte, „ein sehr glücklicher Umstand“, der es erleichterte, Proviant an Bord zu nehmen. Auch auf Huahine, Tahaa und Raiatea war nun nicht nur reichlich Nahrung – selbst die sonst für die Herrscher reservierten Schweine – zu bekommen, plötzlich ließen sich auch heilige Kultobjekte, tahitische Keulen und Waffen, Instrumente und Werkzeuge eintauschen, die wenig später die europäischen Museen fluteten.
Doch ebenso konnte man für rote Federn große Mengen weicher tahitischer Rindenbaststoffe einhandeln, die wiederum 4000 Kilometer südlicher bei den Maori hoch im Kurs standen – sodass Maheines und Mais Rat den Briten nun auch in Neuseeland die Versorgung erleichterte.
Die „Magie“ der roten Federn, die Maheine und Mai den Briten entdeckt hatten, sollte schließlich auch bei der Planung von Cooks dritter Pazifikexpedition eine Rolle spielen: Tonga als Ursprungsort der wertvollen roten Federn wurde 1776 als erste Station angelaufen, bevor es weiter nach Tahiti ging, wo mit roten Federn dann wieder reichlich Proviant für die Suche nach der Nordwestpassage eingetauscht werden konnte.
Auf dieser dritten Weltreise sollte es auf Hawaii zu einem für Cook tödlich endenden Konflikt mit Indigenen kommen – man kann nur spekulieren, ob Tupaia, Maheine oder Mai eine solche Eskalation hätten verhindern können.
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