Ungerechte Steuerlasten sind nicht erst heute Anlass für Diskussionen und Proteste. Sie spielten auch eine Schlüsselrolle für den Sturz der französischen Monarchie und den Beginn der französischen Revolution im Jahr 1789. „Die französische Revolution entmachtete das Ancien Régime und definierte Staatsmacht und Institutionen neu“, erklären Tommaso Giommoni von der Universität Amsterdam und seine Kollegen.
Auch wenn die Ursachen für die französische Revolution vielschichtig und komplex waren, gelten die Steuern und Abgaben im monarchischen Frankreich schon länger als einer der Triebkräfte für die Aufstände und letztlich den Sturz des Ancien Régime. Schon in historischen Aufzeichnungen finden sich darauf deutliche Hinweise. „So argumentierte Alexis de Tocqueville im Jahr 1856, dass die Macht der Monarchen, willkürlich Steuern zu erheben, ‚die Saat praktisch allen Übels und aller Laster‘ im Ancien Régime gewesen sei und letztlich auch seinen Kollaps verursacht habe“, berichten Giommoni und sein Team. Dennoch fehlte bisher eine systematische Analyse dazu, ob und wie genau die Besteuerung die Dynamik der Revolution beeinflusst hat.
Steuerlast in mehrfacher Hinsicht ungerecht verteilt
Wie die Historiker erklären, war die Besteuerung im Ancien Régime in mehrfacher Hinsicht ungerecht verteilt: Zum einen waren Adel und Klerus, die rund zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten, oft von Steuern befreit oder zahlten nur einen geringen Anteil. Die Hauptlast der direkten und indirekten Steuern schulterte dagegen die einfache Bevölkerung. Zu den indirekten Steuern gehörten unter anderem die Salzsteuer, das Tabakmonopol und ein System von Binnenzöllen. „Vor allem die Salzsteuer und die Binnenzölle lösten tiefen Unmut aus“, erklären Giommoni und seine Kollegen.
Die Steuerlast variierte zudem innerhalb Frankreichs erheblich. In Bezirken mit niedrigen Steuern zahlten die Haushalte beispielsweise 2,5 Prozent ihres Jahreseinkommens für Salz. In Bezirken mit hohen Steuern lag dieser Wert bei 13 Prozent. Deshalb haben die Historiker nun untersucht, ob es einen räumlichen Zusammenhang zwischen hoher Steuerlast und Protesten und Aufständen vor Beginn der französischen Revolution gab. Dafür werteten sie historische Daten zu lokalen Steuerlasten und Binnenzöllen georeferenziert aus und setzten sie in Bezug zu Aufständen und den im Frühjahr 1789 offiziell nach Versailles übermittelten Listen der Beschwerden in Form der „Cahiers de Doléances“.
Mehr Proteste und Aufstände in Hochsteuergebieten
Tatsächlich zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: In den Gebieten Frankreichs, in denen die Salzsteuern und die Binnenzölle besonders hoch waren, gab es schon zwischen 1750 und 1789 doppelt so viele Aufstände wie in Niedrigsteuergebieten. „Diese Effekte waren überall dort stärker ausgeprägt, wo die Ungleichheit größer war und die Ideen der Aufklärung weiter verbreitet waren“, berichten die Forscher. Dazu kam, dass es 1788 einen besonders trockenen Sommer gab, auf den ein außergewöhnlich kalter Winter folgte. „Das ließ die Brotpreise in die Höhe schnellen und löste eine Welle von Hungerunruhen aus“, sagt Co-Autor Marco Tabellini von der Harvard Business School Research Fellow an der Rockwool Foundation Berlin.
Trotz dieser Probleme wollte der französische König Anfang 1789 die Steuern erhöhen – er brauchte Geld für seine Unterstützung der Amerikaner in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten, aber auch um seine verschwenderischen Ausgaben für den Hof in Versailles zu decken. Dies trug dazu bei, die Proteste und Aufstände zu eskalieren. Volksvertreter reichten Anfang 1789 beim König offizielle Petitionen ein, in denen sie gegen die zu hohen Steuern und Zölle protestierten. Wie Giommoni und seine Kollegen jetzt ermittelt haben, spiegeln sich auch in diesen „Cahiers de Doléances“ regionale Ungleichheiten wider: „Regionen mit höheren Steuern verzeichneten in ihren Petitionen an den König 72 Prozent mehr Beschwerden über Steuern und Zölle“, sagt Tabellini.
Die „Grande Peur“ und die Nachwehen des Umsturzes
Wie die Historiker feststellten, trug die Steuerungleichheit auch zu der Welle der Aufstände bei, die sich im Sommer 1789 durch Frankreich zog. Diese als „Grande Peur“ bekannte Zeit des Schreckens und der Gräueltaten folgte auf den Sturm auf die Bastille in Paris am 14. Juli 1789 und hielt bis in den August hinein an. In dieser Zeit kam es in immer mehr Bezirken zu brutalen Angriffen der einfachen Bevölkerung auf Adelige und deren Besitz. Auch hierbei zeigten die Analysen einen klaren Zusammenhang: „Regionen mit höher Besteuerung waren früher betroffen und die Angriffe breiteten sich schneller aus“, berichten Giommoni und seine Kollegen. Die „Grande Peur“ gipfelte im August 1789 in der Abschaffung der feudalen Privilegien, einschließlich der Steuerbefreiungen des Adels.
Doch auch nach dem Sturz der französischen Monarchie und der Ausrufung der Republik waren die Auswirkungen der ungerechten und regional ungleich verteilten Besteuerung noch spürbar: „Abgeordnete aus stark besteuerten Bezirken standen der Monarchie kritischer gegenüber, unterstützten revolutionäre Reformen stärker und stimmten im Januar 1793 eher für die Hinrichtung des Königs“, berichtet Tabellini. „Dies geht aus den Parlamentsreden von Mai 1789 bis Januar 1793 hervor.“
Quelle: Rockwool Foundation Berlin; Fachartikel: RFBerlin Discussion Paper 49/26





