Ungläubig verfolgen die Kreuzberger im August 1961, wie vor ihren Augen eine Mauer entsteht. · Foto: ullstein bild / Jung
Am 13. August 1961 begannen DDR- Volkspolizisten und Soldaten in den frühen Morgenstunden mit der Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin. Aus dem, was mit aufgerissenen Straßen und Stacheldrahtbarrieren begann, wurde die Berliner Mauer. Für fast 30 Jahre blieb die Stadt geteilt.
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Fast drei Jahre zuvor, am 17. November 1958, hatte Nikita Chruschtschow in einer Rede im Moskauer Sportpalast gefordert, dass die letzten Reste des Besatzungsregimes in Deutschland beseitigt werden müssten. Ein gesamtdeutscher Friedensvertrag müsse her und außerdem die „Anomalie“ West-Berlin beseitigt werden. Sein Vorschlag: Berlin solle in eine entmilitarisierte „Freie Stadt“ umgewandelt werden.
Die USA, Frankreich und Großbritannien wiesen den Vorschlag Chruschtschows umgehend zurück. Sie seien eine Verpflichtung gegenüber den Menschen in West-Berlin eingegangen und würden „keinen Vorschlag in Betracht ziehen, der auf die Gefährdung der Freiheit und Sicherheit dieser Menschen hinausläuft“, so die gemeinsame Erklärung. Chruschtschow kündigte daraufhin an, einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abzuschließen, sollten sich die Westmächte nicht auf Verhandlungen einlassen. Dabei war ihm klar: Sein eigentliches Ziel, die Anerkennung der DDR als souveräner Staat, würde er auf diesem Wege nicht erreichen.
Seit dem Flug des ersten künstlichen Erdtrabanten „Sputnik“ im Oktober 1957 strotzte Chruschtschow vor Selbstvertrauen. Doch die Genfer Außenministerkonferenz im Sommer 1959 brachte keinen schnellen Erfolg, und das geplante Gipfeltreffen mit dem US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower im Mai 1960 ließ Chruschtschow nach dem Abschuss eines amerikanischen U-2-Aufklärungsflugzeuges über der Sowjetunion platzen.
Die Kollektivierung der Landwirtschaft führte zu Versorgungskrisen und Fluchtbewegungen. · Foto: picture-alliance / dpa / dpa
Mittlerweile zeichnete sich ab, dass die Entwicklung in der DDR hinter den Zielen des Siebenjahresplanes von 1958 zurückbleiben würde. Tatsächlich hatte sich die wirtschaftliche Lage dramatisch verschärft: Die Kollektivierung der Landwirtschaft führte zu Produktionsrückgängen, und der Umfang der Rohstoffimporte aus der Sowjetunion wuchs nicht schnell genug, um sich von Lieferungen aus dem Westen unabhängig zu machen. Diese aber mussten mit Devisen bezahlt werden – für die man wiederum Kredite aufnehmen musste.
Die wirtschaftliche Lage, die Versorgungsschwierigkeiten und das wachsende Wohlstandsgefälle gegenüber Westdeutschland sorgten dafür, dass die Zahl der Republikflüchtigen nach einem zwischenzeitlichen Rückgang erneut stark anstieg. Dabei nutzten rund 95 Prozent der Flüchtenden das „Fluchtventil“ Berlin, wo sich die Bevölkerung zwischen den Sektoren frei bewegen konnte.
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Als sich Chruschtschow und der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht am 30. November 1960 trafen, um die Pläne für das kommende Jahr zu besprechen, räumte Ulbricht ein, dass die wirtschaftliche Lage „derzeit unangenehm“ sei. Die Schere zwischen der DDR und der Bundesrepublik drohe weiter auseinanderzugehen. Qualifizierte Fachkräfte könnten im Westen deutlich mehr verdienen – und müssten dort in Zukunft auch weniger arbeiten, da die 40-Stunden-Woche eingeführt werde. Der Abschluss eines separaten Friedensvertrages sei unter diesen Umständen riskant. Wenn der Westen darauf mit einer Handelsblockade reagiere, werde dies der DDR-Wirtschaft ob ihrer starken Verflechtung mit Westdeutschland weiter zusetzen. Als die wirtschaftlichen Schwierigkeiten beim nächsten Treffen am 18. Januar 1961 erneut zur Sprache kamen, vergaß Ulbricht nicht zu erwähnen, dass die Sowjetunion eine Mitschuld daran trage, dass die DDR im Wettbewerb der Systeme gegenüber der BRD den Kürzeren zu ziehen drohe: Während man selbst zehn Jahre lang Reparationszahlungen leisten musste, hätte Westdeutschland großzügige US-Kredite erhalten: „Bis zum Erlass der Reparationen 1954 waren die Investitionen in Westdeutschland pro Kopf der Bevölkerung doppelt so hoch wie bei uns … Das ist der Hauptgrund dafür, dass wir in der Arbeitsproduktivität und im Lebensstandard so weit hinter Westdeutschland zurückgeblieben sind.“
Flüchtlingskrise: der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, im Notaufnahmelager Marienfelde (Juli 1961). · Foto: picture alliance / United Archives / Kindermann
Man sei in einen Teufelskreis geraten: „Der konjunkturelle Aufschwung in Westdeutschland, der für jeden Einwohner der DDR sichtbar war, ist der Hauptgrund dafür, dass im Verlaufe von zehn Jahren rund zwei Millionen Menschen unsere Republik verlassen haben … In dieser Lage waren und sind wir gezwungen, um den Abstand im Lebensniveau wenigstens schrittweise zu mildern, ständig mehr für den individuellen Konsum zu verbrauchen, als unsere eigene Wirtschaft hergab und z. Zt. hergibt. Das ging ständig zu Lasten der Erneuerung unseres Produktionsapparates. Das kann man auf die Dauer nicht fortsetzen.“
Chruschtschow wusste seinerseits, dass die Logik des Kalten Krieges es erforderlich machte, die DDR weiterhin zu unterstützen. Dabei gab es im sowjetischen Politbüro durchaus auch Stimmen, die forderten, die knappen Ressourcen stattdessen lieber in die eigene Wirtschaft zu stecken. Immerhin sei der Lebensstandard in der DDR vergleichsweise hoch.
Wenngleich die ökonomischen Probleme der DDR die Frage nach dem Friedensvertrag und der Umwandlung Berlins in eine Freie Stadt längst überschatteten, war Chruschtschow noch nicht bereit, diese beiden Projekte aufzugeben. Am 3. und 4. Juni traf er sich in Wien mit dem neuen US-Präsidenten John F. Kennedy zum Gipfeltreffen. Der hatte außenpolitisch einen glatten Fehlstart hingelegt. Der amerikanische Versuch, mithilfe von Exil-kubanern eine Widerstandsbewegung gegen Fidel Castro aufzubauen, war am Strand der Schweinebucht kläglich gescheitert. Zudem hatte der Flug Juri Gagarins den Rückstand Amerikas beim Wettlauf ins All offenbart.
US-Präsident John F. Kennedy (links) mit Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in Wien, 3. Juni 1961. · Foto: gettyimages / Bettmann
Chruschtschow wollte die Gelegenheit nutzen und den noch unerfahrenen Präsidenten unter Druck setzen. Tatsächlich war Kennedy vom Auftreten Chruschtschows in Wien einigermaßen schockiert. Doch in der Berlin-Frage blieb er hart: Wenn Chruschtschow eine einseitige Veränderung des Status quo anstrebe, werde es einen „kalten Winter“ geben, so der US-Präsident. Am 25. Juli definierte er in einer Fernsehansprache seine „three essentials“: Am freien Zugang zur Stadt, der militärischen Präsenz der Westmächte und der Freiheit und Sicherheit der Bewohner sei nicht zu rütteln: „Mit denen, die sagen: ,Was mir gehört, gehört mir, und was dir gehört, ist verhandelbar‘, können wir nicht verhandeln.“ Auch Chruschtschow war vom Ergebnis des Wiener Gipfels enttäuscht. Er war zuversichtlich gewesen, die Westmächte zu Verhandlungen zwingen zu können. Zudem saß ihm Ulbricht mit seiner Forderung nach einer Lösung der Fluchtproblematik im Nacken. Eigentlich wollte Chruschtschow eine rigorose Abriegelung der Grenze gerne vermeiden – wusste er doch sehr genau, dass dies im „Wettbewerb der Systeme“ dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkam.
Tatsächlich lagen konkrete Pläne, wie eine Schließung der Sektorengrenze umzusetzen sei, schon lange in den Schubläden der SED-Oberen. Anlässlich der Währungsreform von 1957 war die Sektorengrenze schon einmal kurzfristig geschlossen worden. Auch wurde seit Langem überlegt, wie man die Verflechtung des Verkehrs und der Energie-, Wasser- und Telefonnetze zwischen West-Berlin und dem Ostteil der Stadt reduzieren könnte. Seit dem Januar beschäftigte sich zudem eine Arbeitsgruppe des Politbüros der SED, bestehend aus Erich Mielke, Erich Honecker und dem Innenminister Karl Maron, mit den regulatorischen Aspekten einer Abriegelung der Sektorengrenze.
Im Sommer des Jahres 1961 erreichte die Zahl der Flüchtigen ein kritisches Maß. Pro Monat verließen rund 30 000 Menschen die DDR. Das übertraf selbst die pessimistischsten Schätzungen der SED-Oberen bei Weitem. Noch war keine Entscheidung gefallen, wie damit umzugehen sei, und doch gewährte Ulbricht auf einer Pressekonferenz am 15. Juni einen Einblick in interne Überlegungen, als er seinen berühmten Ausspruch tat, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Nach einer Mauer hatte Annamarie Doherr von der „Frankfurter Rundschau“ nämlich gar nicht gefragt.
Der Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht (links), bekräftigt auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 ungefragt, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. · Foto: akg-images / picture-alliance / Günter Bratk
Anfang Juli drängte Ulbricht gegenüber dem sowjetischen Botschafter Michail Perwuchin darauf, endlich konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Wann die Entscheidung Chruschtschows für den Mauerbau fiel, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Doch spätestens ab Mitte Juli begannen Arbeitsgruppen der Volkspolizei, der NVA und des Innenministeriums mit der Ausarbeitung konkreter Pläne.
Am 25. Juli trafen sich der Stabschef der sowjetischen Truppen in Deutschland, Generalleutnant Grigori Ariko, und der Chef des NVA-Hauptstabes, Generalmajor Sigfrid Riedel, und diskutierten „Grenzsicherungsmaßnahmen“ in Berlin. Am 31. Juli befahl Innenminister Maron dem Kommandeur der Grenzpolizei, „unter Wahrung strengster Geheimhaltung in kürzester Zeit den verstärkten pioniermäßigen Ausbau der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin zu planen und vorzubereiten“.
Offiziell beschlossen wurde die Schließung der Sektorengrenze beim Treffen der Warschauer-Pakt-Staaten wenige Tage später. Am 7. August verkündete Ulbricht im Politbüro den genauen Zeitplan. Am 11. August übertrug die Volkskammer dem Ministerrat weitgehende Vollmachten im „Kampf gegen den Menschenhandel“. Als dieser am 12. August um 22 Uhr zusammentrat, hatte Ulbricht die notwendigen Befehle längst unterzeichnet. Um Mitternacht lösten NVA und Volkspolizei Alarm aus. Um halb eins wurde damit begonnen, die Sektorengrenze abzuriegeln.
Der Weltfriede steht am 27. und 28. Oktober 1961 auf der Kippe: Showdown am Grenzübergang Checkpoint Charlie. · Foto: Bridgeman Images
Die Westmächte reagierten nur langsam. „Präsident Kennedy schweigt“, titelte die „Bild“-Zeitung. Tatsächlich hatte der US-Präsident es nicht für nötig gehalten, seinen Segeltörn vor der amerikanischen Ostküste zu unterbrechen. Intern kommentierte er, dass eine Mauer „verdammt noch mal besser sei als ein Krieg“. Erst auf den Hinweis des Berliner Bürgermeisters Willy Brandt, dass sein passives Verhalten das Vertrauen der West-Berliner in die Westmächte gefährde, befahl er die Verstärkung der amerikanischen Garnison und schickte General Lucius Clay, der den Berlinern als Organisator der Luftbrücke gut bekannt war, als seinen persönlichen Vertreter nach Berlin. Dies war ein durchaus umstrittener Schritt, galt Clay unter amerikanischen Diplomaten doch als reichlich unberechenbar.
Tatsächlich ging der streitbare General keiner Konfrontation aus dem Weg. Als Ende Oktober Volkspolizisten am Checkpoint Charlie versuchten, die Papiere von Clays persönlichem Assistenten Allan Lightner zu kontrollieren – wozu sie aus amerikanischer Sicht nicht das geringste Recht hatten –, ergriff Clay die Gelegenheit beim Schopf. Um jeden Anschein der Souveränität des SED-Staates zu zerstören und aller Welt zu zeigen, dass nicht ostdeutsche Volkspolizisten, sondern allein sowjetische Truppen an der Sektorengrenze das Sagen hatten, ließ er Panzer auffahren.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Chruschtschow von einem Friedensvertrag und einer Umwandlung Berlins in eine „Freie Stadt“ bereits öffentlich Abstand genommen. Stattdessen war Berlin zu einer geteilten Stadt geworden – und sollte es für rund 30 Jahre bleiben.
Foto: Foto: Atelier Schild-Vogel, Berlin
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Felix Melching
studierte Mittelalterliche Geschichte in Berlin. Er ist freier Historiker und einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.
Literatur
Frederick Kempe, Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt. München 2011. Manfred Wilke, Der Weg zur Mauer. Stationen der Teilungsgeschichte. Berlin 2011.
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