Ukrainische Kunst ist auf der europäischen Kulturlandkarte bis heute eine terra incognita. Es ist kaum bekannt, dass Kasimir Malewitsch (1879–1935), Schöpfer des „Schwarzen Quadrats“, der in Kyjiw in eine polnische Familie geboren wurde, fließend Ukrainisch sprach, sich als Ukrainer identifizierte und den Einfluss ukrainischer Volkskunst auf sein Werk betonte. Auch der „Vater des russischen Futurismus“ David Burljuk (1882–1967) – in München ausgebildet, mit Wassily Kandinsky befreundet und Mitglied der Münchner Gruppe „Der Blaue Reiter“ – war in der Ukraine aufgewachsen. Er erklärte, dass die Ukraine in seiner Person „ihren treusten Sohn“ habe. Tatsächlich prägten die ukrainische Geschichte und Steppenlandschaft sein Schaffen.
Neben diesen beiden zentralen Figuren wirkten zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitere, weniger bekannte, aber nicht weniger bedeutende ukrainische Künstler. Darüber hinaus entstanden Orte wie das Kunststudio „Blaue Lilie“ – ein eindrucksvolles Beispiel des ukrainischen Modernismus in Charkiw.
Charkiw: Schmelztiegel der Kulturen und Stadt der Freiheit
Die Stadt Charkiw, heute vor allem als Frontstadt unter russischem Beschuss bekannt, war von ihrer Gründung an eine Frontierstadt, in der Kulturen aufeinandertrafen, Konflikte aufflammten und hochdynamische soziale Transformationen stattfanden. Die Stadt wurde Mitte des 17. Jahrhunderts von ukrainischen Kosaken und Bauern inmitten der damals kaum besiedelten Steppe angelegt.
Formal dem Moskauer Zaren unterstellt, besaßen die Kosaken ihre eigene Lebensweise und Kultur sowie eine militärisch-administrative Struktur und ein eigenes Rechtssystem. Für ihren Dienst erhielten sie Privilegien — die sogenannte swoboda („Freiheit“) —, woraus sich der Name Sloboda-Ukraine für die Region ableitete, das „Land der Freiheiten“. Im 18. Jahrhundert zielte die Kolonisations- und Integrationspolitik des sich damals bildenden Russischen Reichs auf die Aufhebung dieser Autonomie ab. Nur ein kleiner Teil der Kosakenelite erhielt Adelstitel, während die Mehrheit der Kosaken und Bauern zu Leibeigenen wurde.
Ein zentrales Ereignis in Charkiw war 1805 die Gründung der Universität. Sie war stark vom europäischen Wissenschaftsbetrieb geprägt: Von 29 Professoren in den ersten fünf Jahren hatten nur acht eine russische Ausbildung erhalten; 21 Wissenschaftler kamen aus dem Ausland, überwiegend aus Deutschland.
In den 1820er Jahren entstand die Charkiwer Schule der Romantik, die durch ethnographisch-historische Studien die Eigenständigkeit des ukrainischen Volkes belegte. Diese Ideen trugen in der Folge zur Entstehung eines modernen ukrainischen Nationalbewusstseins bei. Um dieser nationalen Identitätsstiftung Einhalt zu gebieten, verbot die Zarenmacht die ukrainische Sprache zunächst durch das Walujew-Rundschreiben von 1863 und erneut durch den Emser Erlass von 1876, der bis 1905 in Kraft bleiben sollte. Trotz der damit einhergehenden Russifizierung entwickelte sich Charkiw zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer lebendigen Kulturmetropole, in der europäische und ukrainische Einflüsse zum Aufblühen des Modernismus führten.





