In dieser Zeit waren die beiden oft getrennt: Sie lebte in Wandsbek bei Hamburg, er arbeitete in Wien, später in Paris und Berlin. Um die Distanz zu überbrücken, schrieben sie einander fast täglich Briefe – teils sogar mehrmals am Tag. Über die Jahre kam so eine beachtliche Zahl zusammen. 1539 davon haben die Zeit überdauert. Die Originale liegen heute in den Sigmund Freud Papers der Library of Congress in Washington, D.C.
Nun ist der letzte Band einer Edition erschienen, die diesen Briefwechsel erstmals vollständig zugänglich macht – ein Projekt, an dem die Herausgeber jahrzehntelang gearbeitet haben. Die „Brautbriefe“ erzählen von einer intensiven, spannungsreichen Beziehung. Freud und Bernays durchlebten Höhen und Tiefen: geteilte Freude und Leidenschaft, aber auch schmerzhafte Sehnsucht und enttäuschte Erwartungen. Auf Krisen folgten Versöhnungen – und immer wieder der Versuch, einander neu zu verstehen.
Der Abschlussband umfasst die Briefe vom Oktober 1885 bis zur Heirat im September 1886. Man erfährt unter anderem, wie Freud seinen Forschungsaufenthalt am Pariser Hôpital de la Salpêtrière erlebte: Er berichtet seiner Verlobten vom Klinikalltag, klagt über Verständigungsprobleme, schwärmt von Theaterbesuchen, lästert über die französische Presse – und schildert, was er isst und trinkt. Zudem wird deutlich, mit welchen Schwierigkeiten der angehende Nervenarzt nach seiner Rückkehr in Wien bei der Eröffnung einer Privatpraxis zu kämpfen hat.
Doch alle Hindernisse werden überwunden. Im Februar 1886 schreibt Freud: „Das Ende ist, daß ich nichts anderes wünsche, als Dich zu haben … wie Du bist.“ Ausgerechnet aus den Wochen unmittelbar vor der Trauung fehlen seine Briefe. Umso deutlicher fällt Marthas Kommentar Anfang September 1886 zu den Hochzeitsplänen aus: „Du irrst aber sehr, Schatz, wenn Du Dir die ,Feierlichkeit‘ groß vorstellst.“





