Kern des Gerlachschen Familienarchivs ist der Nachlass des Richters, Politikers und Publizisten Ernst Ludwig von Gerlach (1795-1877). Gerlach gilt als einer der maßgeblichen Begründer und Vordenker der Konservativen Partei in Preußen und war längere Zeit deren Anführer, unter anderem im Preußischen Landtag. Das Gerlach-Archiv dokumentiert ungewöhnlich detailliert Politik-, Verwaltungs- und Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts, es eröffnet aber auch tiefe Einblicke in Wissenschaft, Kultur und Alltag sowie in das politische Denken der Epoche. Schließlich waren die von Gerlachs das, was man heute als „gut vernetzt” bezeichnen würde – und zwar in die vielfältigsten Bereiche der Gesellschaft. Kontakte mit mehr als 9000 Personen – Verwandten und Kollegen, Freunden und politischen Weggefährten – belegt das Archiv, darunter auch gekrönte Häupter wie Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV.
Vielfältige Dokumente: Politisches, Literarisches, Privates
Zu den Briefpartnern zählte auch der Dichter Clemens Brentano, mit dem die Brüder Gerlach in ihren Studentenjahren verkehrten. „In den Aufzeichnungen aus dieser Zeit finden sich beispielsweise Gedichtmanuskripte Brentanos, die die frühe Verbreitung seiner Werke in ihren Kreisen dokumentieren”, berichtet Alexander Kruska.
Ludwig von Gerlach gilt auch als Förderer und Mentor des jungen Otto von Bismarck. Die Freundschaft der Politiker verwandelte sich in späteren Jahren in eine erbitterte Gegnerschaft. Bis zum Bruch zwischen den beiden im Jahr 1866 korrespondierte Bismarck intensiv und sehr privat mit Gerlach. „Diese Briefe eröffnen bisher wenig bekannte Einblicke in die Persönlichkeit des späteren Reichskanzlers”, erläutert Kruska.
Selbst der Alltag der Familie wird im Archiv lebendig – etwa beim Blick in die Rezeptsammlung der Mutter von Ludwig von Gerlach und Ehefrau des ersten Oberbürgermeisters von Berlin, Agnes von Gerlach-Raumer. Erhalten ist zum Beispiel ein Rezept für „Ahl in Gelee”, das vermutlich auf das Jahr 1790 datiert.
Fast vier Jahre lang haben die Erlanger Wissenschaftler daran gearbeitet, den Bestand zu erschließen und ein elektronisches Nachlassverzeichnis zu erstellen. Im Laufe des Projekts wurden mehr als 3300 Katalog-Datensätze erstellt, mit denen insgesamt gut 17.000 Briefe und Dokumente nach Verfassern, Datierung und Ort, zum Teil auch nach Beschaffenheit und Inhalt erfasst wurden. In vielen Fällen mussten die jeweiligen Verfasser bzw. Adressaten erst ermittelt werden, bevor Entstehungsumstände und Inhalte geklärt werden konnten. „Die Recherchearbeit konnte auf Grund der teils schwachen Quellenlage geradezu detektivischen Charakter annehmen”, erläutert Kruska.





